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Kritik:
Hugo Cabret


von Christian Westhus

HUGO
(2012)
Regie: Martin Scorsese
Cast: Asa Butterfield, Ben Kingsley, Chloe Moretz, Sacha Baron Cohen

Story:
Basierend auf dem Buch von Brian Selznick. Im Paris der 30er Jahre lebt der junge Hugo Cabret elternlos und arm im Bahnhof und hantiert unbemerkt an den Uhrwerken herum, stellt sicher, dass sie laufen. So entgeht er auch dem Inspektor, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, herumlaufende Waisenkinder zu fangen. Seit dem Tod des Vaters versucht Hugo eine alte mechanische Puppe zu reparieren, von der er sich eine Botschaft des Vaters erhofft. Durch Zufall gerät er an die etwa gleichaltrige Isabelle, die aus irgendeinem Grund den Schlüssel zu der Maschine besitzt. Das Geheimnis um die Verbindung der beiden führt zu Isabelles Onkel Georges, der grimmig und verbittert einen kleinen Spielzeugladen führt, vor einiger Zeit jedoch eine Berühmtheit war.

Kritik:
Nachdem er sich in seiner langen Karriere gefühlte 325-mal mit Gangstern, Verbrechern und Mafiosi beschäftigt hat, schien es ziemlich überraschend, als Martin Scorsese „Hugo Cabret“ als neustes Filmprojekt auswählte. Brian Selznicks Vorlage ist zwar sicherlich nicht das kindischste aller Kinderbücher, schien aber vom Ton so sehr von dem entfernt, was man sonst mit Scorsese assoziiert, dass sich nicht selten ratlos am Kopf gekratzt wurde. Natürlich nur, bis man Selznicks Werk gelesen oder Scorseses Film nun gesehen hat. Denn Letzterer hat nicht nur ein Faible für harte Kerls, Gewalt und das organisierte Verbrechen, sondern ist auch ein wahrer Cineast, ein Liebhaber von Film und nicht nur von Filmen. Ein Purist, der lieber auf echtem Film dreht und dessen großes Anliegen die Bewahrung und Aufbereitung von Filmhistorie ist. All das atmet „Hugo Cabret“ spätestens in der zweiten Hälfte, als Waisenjunge Hugo dem Rätsel, den die automatische Puppe birgt, näher kommt. Der Film transportiert Selznicks nostalgisch historisches Anliegen in das Medium, in das es gehört, für das es, wie man meinen könnte, überhaupt erst gemacht wurde. In der Hand eines echten Meisters, Filmliebhabers und ohnehin schon Experten in Filmhistorie, entsteht ein faszinierender Blick auf die allerfrühsten Anfänge, die ersten Schritte des Mediums Film. 

Bis es allerdings so weit ist, steht zunächst mal Hugo im Mittelpunkt, der – so viel darf verraten werden – nicht selbst zu einem Filmstar wird, sondern zunächst nur Uhrwerke ölt, Zahnräder nachstellt und kleine Ersatzteile sammelt. Die Eltern tot, insbesondere der Vater unter merkwürdigen Umständen gestorben, dazu vom Onkel ignoriert und schließlich als lebendiger Geist des Pariser Bahnhofs unterwegs, der sich irgendwie vor den Fängen des von Sacha Baron Cohen gespielten Bahnhofsaufsehers verstecken muss. Im Mikrokosmos des Bahnhofs, mit den kleinen Geschäften, den Cafés, den verwinkelten Gassen, den versteckten Tunneln zu Hugos Räumlichkeiten, und mit all den Passagieren, die nur auf der Durchreise sind, entspinnen sich verschiedenste kleine Nebenplots. Die Frau vom Café und ein älterer Herr fliegen aufeinander, können das aber erst in Angriff nehmen, als ihr Hündchen beruhigt ist. Während er nicht nach Waisen jagt oder Verschmutzungen tadelt, interessiert sich unser blau gewandeter Inspektor auch noch für Blumenverkäuferin Emily Mortimer. Und dann sitzt natürlich noch Ben Kingsley Trübsal blasend in seinem üppig ausgestatteten Spielzeugladen, in dem nie jemand etwas zu kaufen scheint. Aber so weit sind wir immer noch nicht.

Die erste Hälfte ist ein amüsantes, aber auch nur allzu leichtes Hin und Her der heiter-romantisches Art, mit ein paar nachdenklichen Zwischentönen. Hugo will die Puppenmaschine zum Laufen kriegen und gerät an Chloe Moretz alias Isabelle, die überraschenderweise ein ganz zentrales Teil dazu beisteuert. Dazwischen aber Slapstick mit Monsieur Inspektor, der glücklicherweise nie zu albern wird. Nicht mal, wenn der gute Herr mitsamt getreuem Hundefreunde in die Badewanne steigt. Sonderlich viel geben diese vermeintlich aus dem Leben gegriffenen Nebenepisoden jedoch nicht her und auch Hugos Abenteuer kommt nur behäbig in Schwung, während sich Scorsese an den Möglichkeiten von 3D und Computeranimation erfreut. Scorseses erster 3D-Film ist auf diesem Gebiet eine echte Augenweide. Nicht, dass die Tiefenwirkung eine wirkliche inhaltliche Funktion hätte, aber Scorsese weiß genau, wie er die Kamera zu positionieren hat, wie er arrangieren und schneiden muss, um eine qualitativ hochwertige Wirkung des Effekts zu erzielen. Und jedes Mal, wenn Hugo durch die großen Uhrwerke steigt, durch Tunnel kriecht, um in seinen entlegenen Schlafplatz zu gelangen, kommt man in den Genuss eines ganz neuen Raumgefühls. 

Mit den Computereffekten tut sich Scorsese bedeutend schwerer. Das Paris außerhalb des Bahnhofs krankt an der zuckrig-künstlichen Märchenoptik, die der Film anschlägt. Es ist keinesfalls realistisch (und schon gar nicht historisch belegt), was hier vor sich geht, aber die digitale Keule schlägt beinahe jedes Mal zu, setzt man einen Fuß vor die Tür, aus dem Bahnhof heraus. Und dann lässt sich das Script auch noch zu einer doppelten Traumsequenz hinreißen, die aus unzähligen Gründen einfach nur überflüssig ist. Dazu gehört auch, dass diese Szenen wie kurze Einschübe wirken, um die Effektbastler noch etwas zu beschäftigen. Daher gibt es plattesten Symbolismus, ähnlich wie Peter Jacksons überkandidelten Blödsinn aus „In meinem Himmel“. Dass die Szenen eher wirken, als hätte Kollege Steven Spielberg, oder schlimmer noch Michael Bay, kurz mal die Zügel in die Hand genommen, macht es nicht besser. Charakterlich bringt diese kurze Mini-Bombast Szene unseren nur bedingt interessanten Hugo jedenfalls nicht weiter. Der junge Asa Butterfield gibt der Figur durchaus Herz und schlägt sich nicht schlecht, harmoniert gut mit der gewohnt schlagfertigen Chloe Moretz, wird aber ziemlich schnell auf simple Mechanismen reduziert, die auf Knopfdruck abgespult werden. Die Puppe soll schreiben, er vermisst seinen Vater, er weiß nicht, was seine Funktion im Leben ist, kann aber ganz toll Dinge reparieren. Das ist natürlich schon mehr, als viele andere Figuren vorzuweisen haben, aber Hugo, immerhin die Titelfigur, kann sich nie wirklich lebhaft entfalten. 

Am Ende gehört ihm nicht mal mehr der Film, der seinen Namen trägt. Als die Puppe schreibt und Isabelle ihre Verbindungen spielen lässt, dreht sich der gesamte Film. Man spürt richtig, dass sich Scorsese deutlich mehr mit der zweiten Hälfte verbunden fühlt, wenn es weg führt vom Schicksal des Waisenjungen Hugo, hin zu Ben Kingsleys Georges Méliès. Über diesen Fokus-Wechsel kann man streiten, aber dafür übernimmt Scorsese nun endgültig die Kontrolle über den Film und die Themen, die ihm so persönlich am Herz liegen. Wer es genau wissen möchte (ergo Spoiler): Méliès ist eine authentische Figur, die zu den Pionieren der Filmgeschichte gehört, etwa zeitgleich mit den Gebrüdern Lumière erste Filme drehte. Und Méliès war ein Träumer, ein Zauberer, ein Künstler, der mit enormem Aufwand seine fantastischen Filmwunderwerke auf die Beine stellte. Scorsese und Selznick leisten für den lange vergessenen (aber natürlich nicht erst jetzt wiederentdeckten) Méliès eine späte Apologie, eine nachträgliche Ehrerweisung und Würdigung seines Schaffens. Ben Kingsley spielt ihn als innerlich zerrissenen Mann, voll unterdrückter Trauer und mit einem lange verdrängten Leben, das er abschließen und wegpacken wollte. 

Doch so emotional, wie er hätte werden können, wird der Film leider nie. Warmherzig und bewegend ist es aber allemal, wie Hugo und Isabelle in diese so unbekannte Welt eintauchen. Ein bissen Dramatik und eine Art Showdown muss es natürlich auch geben, aber das alles ist bei Scorsese zweitrangig. Er zelebriert die 30er Jahre, zelebriert in Rückblenden die Jahrhundertwende und zelebriert ganz besonders den Kosmos Méliès. Ausstatter Dante Ferretti, der schon die gigantomanischen Fantasien eines Federico Fellinis umzusetzen wusste, knallt eine detailverliebte Gala-Ausstattung auf den Tisch, die sich gewaschen hat. Die fantastischen Elemente entstammen natürlich allesamt dem Kosmos Méliès, doch Ferretti ist es, angewiesen von Scorsese, der die Bahnhofswelt und die Erinnerung an den Filmpionier lebendig werden lässt. So ist der Film, trotz seiner digitalen Makel, ein insbesondere visuell fantastisches Werk, das inhaltlich nur zu leicht auf seine Nachhilfestunde in Filmhistorie reduziert werden kann. Als wenn das keine Leistung wäre!

Fazit:
Martin Scorseses vermeintlicher 3D Kinderfilm macht spätestens in der zweiten Hälfte deutlich, warum hier Macher und Material auf einander trafen. Inhaltlich wird es auch dann erst wirklich interessant, während Hauptfigur Hugo eher blass bleibt. Letztendlich begeistert der Film aber überwiegend optisch, mit tollem 3D, starker Kameraarbeit und einer bombastischen Ausstattung.

7 / 10

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