BG Kritik:

Ich bin dann mal weg


Manuel Fühl ist seit 2004 aktives Mitglied bei Bereitsgesehen.

Ich bin dann mal weg (DE 2015)
Regisseur: Julia von Heinz
Cast: Devid Striesow, Martina Gedeck, Karoline Schuch, Anette Frier, Katharina Thalbach

Story: Hape Kerkerling steckt nach einem Hörsturz und der Entfernung seiner Gallenblase in einer Lebenskrise. Die Idee den Jakobsweg zu laufen scheint erst verrückt und dann doch als die ideale Lösung. Auch wenn es ihm keiner zutraut wagt er sich alleine auf den Weg und erlebt und entdeckt dort allerhand.

Devid Striesow als Hape Kerkeling auf dessen Jakobsweg. Mitkommen oder sitzen bleiben?

Mit Devid Striesow aus Zeit der Kannibalen


Bereits 2001 ist Hape Kerkeling den Weg gelaufen und verschriftlichte seine Erfahrungen und Gedanken, die er auf dem Weg hatte, in seinem Bestseller „Ich bin dann mal weg“. Das Buch zog viele auf den Weg und machte das Wandern in Spanien fast zu einem neuen Volkssport der Deutschen. Er folgte damit unter anderem Shirley Maclaine und Umberto Eco als weitere prominente Wanderer, die ihre Erfahrung auf dem Camino in einem Buch festhielten. Der Weg ist etwas persönlich und gehört erlebt. Ein Buch mit den Gedanken des Autors gibt einem die Möglichkeit ihn zumindest ein wenig auf die Art und Weise des Reisenden zu erleben und kennen zu lernen. Ein Film sollte eigentlich ähnliches versuchen und schaffen.

9 Jahre nach dem Buch hat es eine Adaption des Buches ohne Kerkeling – aber mit seinem Segen, schließlich wird er als Ko-Produzent gelistet – schließlich in die Kinos geschafft. Was kann der Film noch neues erzählen? Was beim Zuschauer bewirken? Angesichts der ersten Zuschauerzahlen ist das Interesse beim Publikum für das Thema noch zahlreich vorhanden. Ob auch der Film wie das Buch ähnliche neue Pilger rekrutieren kann? Wohl kaum. Julia von Heinz und ihre Autoren scheinen nicht wirklich aus Hape Kerkelings Buch die eigentliche Essenz kulminieren zu können. Die Einwürfe aus seiner Kindheit, die im Buch als willkürliche Gedanken auf seinem Weg aufgetaucht sind, werden im Buch streng parallel zum gegenwärtigen Geschehen auf dem Weg montiert und zueinander in Disposition gestellt. Dieses dramaturgische Gerüst beginnt spätestens dann zu wackeln, wenn Julia von Heinz ohne genauen Grund zwei (deutsche) Pilgerinnen mit einer Charakterzeichnung aus dem Hause Rosamunde Pilcher auf die Handlung loslässt. Keiner erwartet eine 1:1 Kopie des Buches als Film. Noch weniger bei realen Menschen, die vielleicht mit ihrer Verfilmung nicht einverstanden sind, aber warum aus den beiden charmanten Damen aus dem Buch bzw. Kerkelings realen Erlebnissen, der Engländerin Anne und der Neuseeländerin Sheelagh, die junge Weltenbummlerin Lena, deren Rollenbiografie man auf einen Wanderstock schnitzen könnte und die Klischefrauenfigur Stella werden, kann der Film bis zum Ende nicht rechtfertigen.

Kerkeling war sehr zufrieden mit Striesows Darstellung


Devid Striesow kommt bei aller Kritik noch am wenigsten Schuld zu. Er zeigt sich spielfreudig und geht in seiner Rolle auf, die ihm aber im Laufe der Spielzeit eigentlich viel zu wenige Möglichkeiten bietet. Der Film ist kein Schauspielerfilm, da dafür die Charakter und die Geschichte zu wenig Spielraum bieten.

Julia von Heinz scheint nur selten einer klaren Vision zu folgen. Sie bleibt dem Publikum schuldig warum dieser Film gedreht werden musste, da er keinen Mehrwert gegenüber dem Buch liefert. Die Bilder, die den Camino zeigen werden leider schnell repetitiv und stören in ihrer grellen Ausleuchtung. Die (körperlichen) Strapazen, die ein solcher Weg mit sich bringt werden nur kurz abgehandelt und das sogar eher im Dialog als in der Inszenierung. Im Buch, das in Tagebuchform von Kerkeling geschrieben wurde, beendet er jeden Eintrag mit einer Erkenntnis des Tages. Der Film übernimmt dies lose und offenbart mit den omnipräsenten Voice-Overn von Striesows Kerkeling, dass der Film eigentlich nicht weiß, was er als Film dem Buch entgegenzusetzen hat. Erkenntnis des Films: Nicht jedes Buch bietet die Grundlage für einen guten Film.

Fazit:

Julia von Heinz macht aus dem Jakobsweg ein Ort für Gescheiterte, die aus Geschichten von Rosamunde Pilcher entschlüpft zu sein scheinen. Die Charaktere aus dem Buch werden unnötig verändert und von der Kamera in gelackten, aber langweiligen Bildern gezeigt. Lieber das Buch lesen oder gleich selbst die Wanderstiefel schnüren. Und wenn es doch die heimische Couch bleiben soll lieber auf den soliden THE WAY (USA, 2010) von Emilio Estevez zurückgreifen. Der hat wohl einen amerikanisch-verklärten Blick darauf, aber wirkt ehrlicher und hat mehr zu erzählen.

4 / 10

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