Kritik:
Idiots & Angels
von
Christian Westhus
IDIOTS & ANGELS (2008)
Regie: Bill Plympton
Story:
Angel ist ein Dreckskerl, ein unmoralischer, egoistischer,
pöbelnder, respektloser ‚Idiot‘, der
tagein, tagaus nur in seiner Stammkneipe abhängt, Leute
belästigt und krumme Dinger dreht. Eines Tages wachsen ihm Engelsflügel auf
dem Rücken, die sich auch mit groben Mitteln nicht verstecken
lassen und bald ein Eigenleben entwickeln. Angel wird dazu gezwungen
Gutes zu tun.
Kritik:
Der amerikanische
Untergrundkünstler Bill Plympton hat sich mit seinem
eigenwilligen, ungehobelten, oft drastischen Animationsstil seit den
späten 60er Jahren einen Namen gemacht. „Idiots
& Angels“ ist Plymptons fünfter Spielfilm
und ein gelungener Blick in die Welt seines Erschaffers, der den
Großteil der Animationen alleine und in Handarbeit
bewerkstelligt, seine Filme häufig selbst an den Mann bringen
will. Plymptons Zeichenstil lebt von verzerrten Perspektiven,
überdehnten Proportionen, einer oftmals bewusst unsauberen
Linienführung und einer äußerst begrenzten
Farbpalette. „Idiots & Angels“, in seinem
grob schraffierten Weiß, Grau und Beige, wirkt mit Licht,
Farben und Setting wie ein Noir-Film der unteren Arbeiterklasse.
Statisten sehen in der Masse identisch aus, Flüssigkeiten und
Qualm wabern als fluffige Watteschläuche umher, und um sich
noch weiter zu reduzieren bzw. auf sich und seine Zeichnungen zu
fokussieren, verzichtet Plympton komplett auf Dialoge. Nicht ein
gesprochenes Wort gibt es im Film, höchstens mal vereinzelte
Laute, ein Ächzen, ein Brummen oder ein Seufzen.
Plymptons
Hauptheld ist (nicht zum ersten Mal) ein grobschlächtiger
Kerl, eine echte Kante, mit Bürstenhaarschnitt, grimmigem
Blick, breiten Schultern und ohne Anstand. Angel (der im Film nie so
genannt wird, aber irgendwie ja benannt werden muss) sprengt auch schon
mal ein Auto samt Fahrer in die Luft, um einen Parkplatz zu ergattern.
Angel ist ein Monster, ein Grabscher, ein unausstehliches Ekel, dem
irgendwann – wohl von einer höheren Macht verliehen
– Engelsflügel wachsen. Angel wendet sogar Gewalt
gegen sich selbst an, um die Dinger los zu werden, doch er wird sie
nicht los. Auch ein Arzt kann ihm nicht helfen, findet die
Flügel aber bewundernswert schön. Mit
Flügeln kann man nämlich fliegen und so setzt Angel
zu einem Rundflug an und nutzt die neuen Fähigkeiten, um fiese
Streiche zu spielen. Doch nicht nur halten die Flügel ihn
irgendwann davon ab, Böses zu tun, sie zwingen ihn auch dazu,
Gutes zu tun. Und gerade, als Angel sich wandelt, als er seine Aufgabe
annimmt und Gefallen daran findet, Gutes zu tun, tritt ein neuer
Schurke auf den Plan und eine Frau ist bei solchen Geschichten
natürlich auch immer im Spiel.
Nicht nur beim grotesken Finale
erinnert „Idiots & Angels“ an eine
Superheldengeschichte mit religiös-moralischer Note, die nicht
nur bei der Musik deutlich wird. Und dennoch besteht kein Zweifel
daran, dass Plympton ein anarchischer Spaßvogel und auch
Provokateur ist. Er mixt schwarzen Humor mit absurden
Alltagssituationen, stellt fiese Gewaltszenen neben fast schon
pathetische Gefühlsmomente. Diese Figuren sind Verlierer,
Gescheiterte, Frustrierte, die von mehr träumen und sich
eventuell mit allem, was ihnen zur Verfügung steht oder ihnen
in die Hände fallen könnte, zur Wehr setzen. Der
Schurke der Geschichte will nicht die Welt unterjochen, will keine
Fantastillionen Dollar, sondern hat seine ganz eigenen,
kleinbürgerlichen Anliegen im Lebenskampf. „Idiots
& Angels“ ist gespickt mit schrägen
Einfällen, brillanten Ideen, ist häufig ausgesprochen
lustig und auf intelligente Art und Weise nachdenklich. Es ist
besonders überraschend, wie flüssig Plymptons
Animationen sind und wie grandios einige Übergänge
wirken. Ein paar Dialoge hätten dennoch nicht geschadet,
wirken sie doch hier und da krampfhaft umgangen, und nicht immer
läuft die Geschichte so rund wie in der Schlussviertelstunde.
Als ungewöhnlicher Animationsgeheimtipp ist „Idiots
& Angels“ aber dennoch einen Blick wert.
Fazit:
Bill
Plymptons eigenwilliger Zeichenstil fasziniert, ebenso wie die
ungewöhnliche Geschichte von einem Helden wider Willen. Absurd
komisch, schwarzhumorig, hintersinnig böse und gespickt mit
schrägen Einfällen. Kein Meisterwerk, aber ein echter
Geheimtipp.
7,5 /
10
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