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Kritik:
Krieg der Götter


von Christian Westhus

IMMORTALS (2011)
Regie: Tarsem
Cast: Henry Cavill, Mickey Rourke, Freida Pinto

Story:
König Hyperion (Rourke) will die Götter stürzen. Erzürnt über ihre Untätigkeit als Menschen starben, will er die seit Äonen gefangenen Titanen befreien. Das herrschende Geschlecht vor den olympischen Göttern wird im Berg Tartaros gefangen gehalten. Hyperion ist auf der Suche nach einem magischen Bogen, der ultimativen Waffe, um den schwer bewachten Berg einzunehmen. Hyperions Armee überschwemmt das Hellenenreich und zwischen den Soldaten und Flüchtigen sticht bald der junge Theseus (Cavill) heraus. Auserwählt von den Göttern, soll er, begleitet von einem zukunftsehenden Orakel (Pinto), Hyperion die Stirn bieten.

Kritik:
Seit den seligen Zeiten von Ray Harryhausen waren die alten Griechen und ihre Mythen nicht mehr so populär. Helden, Götter und Monster tauchen seit ein paar Jahren immer mal wieder auf, beeinflussten „300“, wurden in „Percy Jackson“ mit einer an „Harry Potter“ erinnernden Grundhandlung kombiniert, bis schließlich „Kampf der Titanen“ voll im Saft stehende Mythen-Action sein wollte. Bis auf Zack Synders arisch, kriegsgeil und verkrüppelt-sexuell wirkenden „300“ waren die bisherigen Ausflüge in die griechische Sagenwelt blitzsauberes Big-Budget-Hollywood-Allerlei, denen etwas Markantes fehlte, um sich im allgemeinen Fantasy-Wahn, der seit „Herr der Ringe“ noch immer anhält, als eigenständige Unterkategorie zu etablieren. Da kommt ein Mann wie Regisseur Tarsem wie gerufen. Der Inder ist sicherlich kein großer Geschichtenerzähler, aber er ist ein visueller Zauberer, mit einem unnachahmlichen Stil. Besser noch als in der eigenartigen (dennoch beeindruckenden) Traumwelt-Fantasy-Erzählung seines letzten Films „The Fall“, bietet die Mythologie den idealen Spielraum für Tarsems visuellen Ideenreichtum. Ohne die ganz großen Geschütze aufzufahren, mit so etwas wie einem mythologischen Stil-Realismus, drückt er der Sagenwelt seinen Stempel auf. „Krieg der Götter“ ist genau das Austattungs- und Design-Ausrufezeichen, das dem Mythologie-Film gefehlt hat. 

Sei es der Kerker im Tartaros, in dem die Titanen gefangen sind, ein labyrinthisches Mausoleum oder der Olymp selbst – kein anderer Film, kein anderer Regisseur lässt seinen bizarren Design-Ideen so gekonnt freien Lauf; auch kein Terry Gilliam. Tarsems Ideen sind hart an der Grenze zu Kitsch, Karneval und Homoerotik. So erstrahlen dann auch die olympischen Götter in freizügigen Background-Tänzer Anzügen mit urigen Helmen und Gold, Gold, Gold. Das kleine Bauerndorf, in dem unser Held Theseus lebt, sinnfrei aber überwältigend schön in den Fels geschlagen, ist ein beeindruckendes Set, das man auch durch das gelungen nachkonvertierte 3D mit Genuss erkundet. Auf der Gegenseite stolziert Mickey Rourke als eigenwillig, aber unvergesslich maskierter und behüteter König Hyperion zwischen zerstörten Statuen, gusseisernen Rindern und einer Wasserstelle aus dem letzten Armani Werbeclip herum. Wenn überhaupt erinnert Tarsems (für seine Verhältnisse bodenständiger) Design-Wahn an die 70er Jahre Arbeiten von Alexandro Jodorowsky. Wie der chilenische Avantgarde-Regisseur ist auch Tarsem ein Freund von Ornamenten, Formen, Farben und bisweilen aufdringlicher Symbolik, in einem Mix der Kulturen, Religionen und Epochen.

Nur inhaltlich sieht es bei Tarsem kaum gleichwertig faszinierend aus. Dabei ist er für die Handlung ja auch kaum verantwortlich. Auch bei „Krieg der Götter“ wird aus einem eher beliebigen Mythologie-Klopper visuelle Pionierarbeit fürs Genre. Es ist die absolut geradlinige, charakterarme Geschichte eines unscheinbaren Helden, der sich als Auserwählter höherer Mächte gegen das übermächtige Böse zur Wehr setzen soll. Ein Schicksalsschlag, eine persönliche Fehde mit dem Schurken, eine Frau an der Seite und ein paar Handlanger anbei – mehr braucht es nicht. Bald-Superman Henry Cavill leiert die mitunter reichlich schiefen und albern theatralischen Dialoge nicht wirklich glücklich herunter, während er immerhin körperliche Präsenz zeigt. Freida Pinto kann immer noch nicht gut schauspielern, die Götter meinen zu lange, sich nicht einmischen zu dürfen, und so ist es lediglich Rourke, der mit brutalem Stoizismus und ans Parodistische grenzender Körpersprache einen passend eindimensionalen Schurken abgibt, dessen eine Motivation für den Sturm auf den Olymp auch nicht wirklich überzeugend wirkt. Es ist ein rein funktionelles Script, das immer mal wieder „coole“ Ideen oder neue Erkenntnisse einwirft, wenn es vorwärts gehen muss. Die göttliche Arschbombe ins Meer ist so eine hübsch anzusehende Nichtigkeit, und die Zukunftsseherei des Orakels ist irgendwann so beliebig, dass man sich dem gänzlich entledigt. 

Interessant ist der Film inhaltlich nur dann, wenn er sich mit Heldenmut und Nachruhm befasst. Unangebracht schnell gefällt sich Theseus in der Rolle der Ein-Mann-Armee, von den Göttern auserwählt und scheinbar der einzige Mutige im Angesicht von Hyperions Heerscharen. Um das Sokrates-Zitat an Anfang und Ende wirklich für voll zu nehmen, muss man schon mindestens ein Auge fest zudrücken, aber mit dem besonders im Finale mehr als offensichtlich thematisierten Diskurs über Ansehen und Ruhm, der das eigene Leben überdauert, der zum Mythos wird, bietet „Immortals“ (Originaltitel) immerhin mehr, als der biedere Mythen-Reißer „Kampf der Titanen“. Letztendlich gibt es hier ja auch tatsächlich Titanen, die aber leider nur als grunzendes Prügel-Kollektiv auftreten. Dass unter den Titanen eigentlich auch Kronos und Rhea, die Eltern von Zeus, Hades, Hera und Co., zu finden sind, interessiert in diesem Film niemanden. Die Götter haben selbst ihre kleinen Familiendiskurse und greifen erwartungsgemäß erst spät aktiv in die Handlung ein. Dass die güldenen Recken im wahrsten Sinn im unbesiegbaren God-Mode unterwegs sind, verleitet Tarsem zu nicht unsinnigen Zeitlupe-Spielereien Marke Zack Snyder. Und insbesondere beim Finale mutiert der Film zu einem Schlachtfest der unerwartet brutalen Sorte, wenn computergeneriertes Blut und Gekröse nur so spritzt, bis dem Script urplötzlich einfällt, dass die Götter doch nicht so unbesiegbar sein dürfen. Muss ja spannend bleiben. 

Charakterlich passiert da wenig, auch nicht aus der Schicksalsverwandtschaft von Theseus und Hyperion. Was bleibt sind schicke Dekors und ein pompöses Finale, das im ständig auf und ab bebenden Musikschwall kurzweilig fetzig über die Leinwand donnert. Mit Tarsems visuellen Fähigkeiten bekommt der Mythologie-Film im neuen Jahrtausend endlich mal einen ausdrucksstarken Film. Nächster Schritt: Eine gute Handlung. Das Problem ist nur, dass das alles äußerst wenig mit der tatsächlichen Mythologie zu tun hat, sondern zusammengeklaubter Quatsch mit Soße ist. Das ist für den Filmgenuss an sich kaum von Bedeutung, aber wie hier durch Namen, Orte und Erzählungen gepflügt wird, lässt mehrfach mit dem Kopf schütteln. Dass das Script von zwei Griechen stammt, erschüttert noch mehr. Der mythologische Theseus hat viel erlebt, aber mit den Titanen oder einem König Hyperion hat er sich nie angelegt. Hyperion ist eigentlich selbst ein Titan, nennt sich aber nur König der Herakliden. Dass man mit Herakliden eigentlich die Söhne des Herakles (dem Erschaffer des Bogens) bezeichnet, interessiert hier keine Sau. Ebenso dichtet man Theseus’ Frau Phaedra einfach mal die seherischen Fähigkeiten an, weil man sie in der ersten Filmhälfte brauchte. Das wäre dann die Aufgabe für zukünftige Filmemacher und Autoren, die Figuren und Sagen des griechischen Altertums ernst zu nehmen und nicht bloß als Bastelanleitung für oberflächliches Fantasy-Spektakel. Dank seines Regisseurs ist „Krieg der Götter“ immerhin ein durchaus unterhaltsames und visuell aufregendes Durcheinander antiker Bilder geworden.

Fazit:
Inhaltlich eine 0815-Heldengeschichte und auch als Mythologiefilm etwas zu frei. „Krieg der Götter“ funktioniert als einzigartig visualisierter Fantasyfilm mit aufregenden Bildideen und einem immerhin mitreißenden Finale.

6 / 10

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