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KRITIK:
INCEPTION
von
Christian Mester
INCEPTION (2010)
Regie: Christopher Nolan
Cast: Leonardo DiCaprio, Ellen Page, Joseph
Gordon-Levitt
Story:
Es gibt eine aufregende neue Technik mit Namen
Extraction: man bricht in die Träume Schlafender
ein um so versteckte Informationen zu bekommen. Cobb (Leonardo DiCaprio) ist der Beste seines Fachs,
der eines Tages vor eine noch unglaublichere Aufgabe
gestellt wird. Mit einem noch weitaus schwierigerem
Verfahren namens Inception sollen er und sein Team
einen viralen Gedanken im Unterbewusstsein eines
Klienten platzieren, damit dieser geschäftliche
Konsequenzen für ihren Auftraggeber ändert. Für den
Auftrag setzen Cobb, seine Traumarchitektin (Ellen
Page), sein Spion (Tom Hardy), sein Informant
(Joseph Gordon-Levitt), sein Chemiker (Dileep Rao)
und sein Chef (Ken Watanabe) ihren Verstand aufs
Spiel...
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Als nächstes dreht Christopher Nolan
BATMAN III |
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Kritik:
Schon im Vorfeld wog sich die Laudatio auf
Christopher Nolans neuen Film wie das Cape seines
zweimaligen Nachtmars. "Inception" wurde lauthals
als der unbeschreiblichste Film des Jahres
angekündigt. Schon die simple Rechnung: Regie vom "The
Dark Knight" Regisseur + Leonardo DiCaprio + 200
Millionen Dollar Budget machten 2009 jedem mit nur
geringem Filmverständnis klar, dass "Inception"
einer der besten und aufregendsten Filme des
Sommers, wenn nicht sogar des Jahres werden würde.
Und das ist er. "Inception" ist der beste
Film des Jahres.
Von "The Dark Knight" sagte man 2008, es sei ein
ungeheuer teurer, anspruchsvoller Crime-Thriller vom
Niveau eines "Der Pate" oder "Heat", der nur
zufällig mit Comic-Figuren bevölkert sei. Ein
Comic-Film, der stilvoller, durchdachter,
ernstzunehmender als sämtliche, meist auf reinen
Popcornspaß abzielenden Action-Heftchenverfilmungen
war. Ein, wie könnte man es dezent sagen, als
Popcornfilm maskierter Anspruch. Was also, wenn
Nolan die Masken weglässt und den direkten Weg
wählt?
Die meisten Zuschauer werden mit perfekter
Zufriedenheit aus seiner neuesten Vision gehen (wenn
auch hauptsächlich, weil das Event-Filmjahr 2010 im
Vergleich ausgesprochen schwach aussieht) und
ihn als den eindrucksvollsten Film des Jahres in
Erinnerung behalten. Es ist allerdings nahezu unmöglich, "Inception"
nicht großartig zu finden. Das beginnt schon bei der
Besetzung. Wieder scharrte Nolan eine Gruppe
Schauspieler um sich, deren geballtes Talent
schamlos Bände sprengt, allen voran Leonardo
DiCaprio. DiCaprio hat sein altes Teenie-Schwarm
Elend längst abgelegt und sich zum konsequent
großartigsten Akteur seiner Altersliga hochgespielt.
Wie schon im frühjährlichen "Shutter Island" spielt
er auch hier wieder einen psychisch instabilen
Charakter, der von schwerer Familientragödie
gezeichnet ist und Gefahr läuft, seine Vernunft zu
verlieren. Was geringer ausfällt, ist die
eingebrachte Intensität. DiCaprio zügelt sich, seine
vorherigen Figuren nicht zu imitieren und lässt
seine neue weniger impulsiv, dafür durchdachter
erscheinen. Gebannt folgt man ihm in die Untiefen
verschiedener Traumstufen und da steht es außer
Frage, dass er die ihm folgende Gruppe
bemerkenswerter Talente nicht als Frontmann anführen
sollte.
Ellen Page, die schon in "Hard Candy" und "Juno"
wunderbar heraus stach, gibt DiCaprios Cobb
unerwartet Contra. Sie lässt sich von seiner
Autorität nicht einschüchtern und verleiht ihrer
weiblichen Rolle, die unter einem anderen Autor zur
langweiligen Damsel in Distress degradiert worden
wäre, trotz filigraner Zierlichkeit und
mädchenhaften Aussehens Stärke und Persönlichkeit.
Sie entkommt dem Rollentypus und ist eine
intellektuell ansprechende Bereicherung. Ähnlich gut
ist Joseph Gordon-Levitt, der zwar die meiste Zeit
von den anderen getrennt bleibt, aber ideal ins Feld
passt und sein Fachgebiet glaubhaft darstellt (ohne
DiCaprio wäre er zweifellos die nächste Wahl der
Hauptrolle gewesen) und eine haarsträubende,
gravitationslose Kampfszene bekommt. Während Michael Caine, Cillian
Murphy und Ken Watanabe (alles drei Gotham City
Bewohner) wenig Eigenes, dafür gewohnte Klasse
mitbringen, richten sich die Augen aller Filmfans
auf Tom Hardy. Sein Gesicht kennt man am ehesten als
miesen Gegenspieler Picards Shinzon in "Star Trek:
Nemesis", doch dem geläuterten Schatten ist er
längst entkommen. Zeigte er sich im empfehlenswerten
DVD-Titel "Bronson" als wandlungsfähig und
einnehmend, ist er hier primär als klarer
Action-Held zu sehen. Er bekommt die meisten
Actionszenen und überzeugt als charismatischer Mann
fürs Grobe und lässt dadurch mit großer Euphorie in
Richtung "Mad Max 4" blicken - darin wird er den
jungen Mel Gibson würdig vertreten.
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Im Film wird ein Lied von Edith Piaf
wiederholt; Marion Cotillard
wurde für die Rolle der Piaf mit dem Oscar ausgezeichnet -
im Duell mit Ellen Page |
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Drei
Beschreibungen mag man zuvor gehört haben. Dass "Inception"
komplex, kompliziert und verwirrend sei. Dass er
gewaltige Event-Action biete, und dass der Film ein
Rätsel mit komplett offenem Ende sei, das man erst
nach mehrmaligem Sehen verstehen könne.
So in etwa trifft das zu, im Detail jedoch nicht. "Inception"
ist erst einmal ein Hochgenuss für jeden Filmfan
intellektuelleren Kinos, der bei Filmen wie "Transformers",
"Hancock" und "300" bestürzt die Hand vor die Stirn
schlägt. Stil über Substanz, Witz über Substanz,
Gewohnheit, Sicherheit, Zugänglichkeit über
Substanz. Substanz existiert, keine Frage, dann aber
meist mit mickrigem Budget oder so
mainstream-orientiert verpackt, dass die Farbspur
des Anspruchs schnell verfliegt. "Inception" bietet
kein gehyptes 3D, dafür eine Handlung, die in
mehreren zeitlichen und greifbaren Ebenen
stattfindet. Die Story, von Regisseur Christopher
Nolan selbst verfasst, ist komplex, jedoch nie
besonders kompliziert und trotz der Ernsthaftigkeit
kein staubtrockener Tobak (es finden sich sogar
kleine Schmunzler im Stil der Bruce Wayne Szenen
seiner "Batman" Reihe). Es ist eine clevere,
originelle Geschichte mit faszinierender Prämisse,
die gekonnt Überflüssiges ignoriert. Trotz
futuristischer Technik wird nicht versucht, eine
futuristische Welt darzustellen. Trotz Komplexität
der Technik verrennt man sich nicht in Sci-Fi
Elementen. Alles, was man zum Verständnis dieser und
des Films benötigt, wird erklärt, deutlich und mit
klaren Worten vorgetragen. Kommt man zu spät, passt
man nicht auf oder verlässt man gar den Saal in
entscheidenden Momenten, könnte es zwar durchaus der
Fall sein, dass man später überhaupt nichts mehr vom
Gesehenen versteht doch wer aktiv dabei ist und
zuhört, was bei heutigen Ticketkosten niemanden
zuviel abverlangt sein sollte, der dürfte sich mit
Leichtigkeit durch die Wirren des Gezeigten finden.
Gleichermaßen verhält es sich mit dem Ende. Ist man
den verständlich vorgegebenen Erklärungen gefolgt,
scheint die abschließende Szene interpretationsfrei
in eine Richtung zu zeigen - in eine zufrieden
stellende. Freiraum für eigene Interpretationen
bleibt dennoch, da es einem überlassen bleibt,
kleine, große oder auch sämtliche Szenen des Films
aufgrund seiner Thematiken in Frage zu stellen. Fakt
ist, dass es kein klar tückisches Ende ala "Prince
of Persia" oder "High Tension" gibt und Nolan sich
nicht darauf stürzt, sein Spiel mit einem Megatwist
zu erschüttern. Der Film ist weder Puzzle, noch
Zauberzylinder mit Hasen darin. Da ist, was man
sehen will (oder zu sehen meint), und diese
individuelle Deutbarkeit des Stoffes unterstreicht
einmal mehr, wie gut er als Regisseur ist.
Filmtechnisch ist sein Science-Fiction Großwerk eine
Wucht. Der edel ausgestattete, teure Stoff wird auf
internationalen Schauplätzen, in zusammengefalteten
Städten und auch in schwerelosen Momenten mit einer
angenehmen Dauerdynamik eingefangen, die ebenso wie
die eingefangenen Motive beeindrucken. Bombastisch
ist der Score, der die dröhnende Theme des Trailers
aufgreift und mit tiefen Bläsern eine unheilvolle
Kulisse schafft und Spannung peitscht. Vor allem
im letzten Drittel wird es markant, wenn die
Schicksale des Teams gegen die Zeit auf eine große
Bedrohung zurutschen, was dann noch davon
intensiviert wird, dass die Geschehnisse in den
unterschiedlichen Ebenen unterschiedliche Zeiten
lang dauern.
Erwartungen drosseln sollte hingegen jeder, der sich
von "Inception" und den angedeuteten Möglichkeiten
Schwerelosigkeit und beeinflussbaren Realitäten
Action-Spektakel erhofft. Es ist kein neuer
"Matrix". Es ist "Memento" mit gewaltigem
Budget. Christopher Nolan versucht nicht, coole,
aufregende Action zu inszenieren. Es gibt
Zweikämpfe, Schießereien, Verfolgungsjagden, es gibt
sogar eine ganze Partie, die so fast aus einem Bond
Film oder einer "Call of Duty: Modern Warfare"
Verfilmung übernommen worden sein könnte, die gut
gemacht ist, aber Nolans Auge interessiert sich nie
für reines Spektakel. Es gibt kein Gepose, keine
stilisierten Zeitlupen, keine Oneliner und keine
sonstigen Vorkommnisse. Keine der
Auseinandersetzungen steht für sich im Vordergrund;
alles, was im Laufe der Handlung passiert, dient
lediglich dem Dienste der Rollen. Eine Armee
angreifender Soldaten auf Schneemobilen ist somit
keine Ausrede, sehenswerte Gefechte zu zeigen
(obwohl sich vor allem Tom Hardy in eben diesen
hervorragend schlägt). Es ist eine Hürde, wie ein
schwierig zu erklimmender Hang oder ein tiefes
Gewässer, und als solche werden sie eingesetzt. Im
gesamten Film gibt es somit keine Szene, die
actiontechnisch an den Kampf Batmans gegen die
Polizisten in seinem letzten Film herankäme.
Das ist gewiss nicht negativ zu bewerten, da die
Umstände, meistens der eilige Zeitkampf um das
Erreichen neuer Ziele, ungemein spannend inszeniert
sind. Der Schwachpunkt des Films findet sich
woanders, südlich der Vernunft. Trotz des
geisteslastigen Handlung gibt es einen Fokus auf
eine Herzensangelegenheit, die zwar eng mit Cobbs
Psyche und geistiger Entwicklung verbunden ist, doch
elementar gesehen muss man erneut an "Shutter
Island" denken. Cobbs Figur erlebt ähnliche
Angelegenheiten wie Inselbesucher Teddy, hier wird
es jedoch noch stärker in den Mittelpunkt gerückt.
Die neue Michelle Williams ist Marion Cotillard,
doch sie und ihre Figur passen nicht ganz. Sie ist
nicht schlecht, doch ihre Rolle ist merklich flacher
als andere und anstatt interessantes Mysterium ist
ihr Auftreten im Laufe des Films stets das
Schwächste und einzig Vorhersehbare. Hier verfehlt
man es auch, die Gefühle passend zu transportieren,
es fehlt echte Verzweiflung, rohe Emotionen,
mitreißendes Mitleid. Cobbs Abgebrühtheit passt zum
Rest, doch im Kern seines Antriebs könnte es
emotionaler sein.
Seltsam bleibt auch, wieso Pages Figur, die aufgrund
ganz spezieller Fähigkeiten ins Team kommt, später
niemals Gebrauch von diesen macht, um den anderen
aus etwaig brenzlichen Situationen zu helfen.
Überhaupt bleibt "Inception" hinsichtlich kreativer
In-Welt Möglichkeiten überraschend auf dem Teppich.
Abgesehen von einer interessanten
Demonstrationsszene hält man sich insgesamt sehr
zurück und versteift, fokussiert sich größtenteils
auf das Konstrukt der Träume und der Träumer, die
sich darin aufhalten. Es gibt tolle Szenen, doch "Inception"
ist letzten Endes nicht der große Event-Film mit den
Bildern, die man gesehen haben muss, kein
Effekte-Film. Es ist der große Event-Film für den
Kopf, den man gesehen haben muss. Nicht unbedingt
bahnbrechend genial, aber genial jongliert,
umgesetzt und packend gespielt.
Fazit:
Durchdacht, clever und hervorragend umgesetzt. "Inception"
ist der beste Film des Jahres und lässt überlegen,
dass ein Alfred Hitchcock, würde er 2010 leben und
mit soviel Geld arbeiten können, ähnliches gemacht
haben könnte.
9 / 10
10 -
Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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