BG Kritik:

Independence Day


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

Independence Day (US 1996)
Regisseur: Roland Emmerich
Cast: Jeff Goldblum, Will Smith, Bill Pullmann

Story: Eines Tages verdunkelt sich der Mond, als ein gigantisches außerirdisches Raumschiff zahlreiche riesige Untertassen absetzt, die sich über den Hauptstädten der Erde verteilen. Während der Großteil der Welt gespannt auf den ersten Kontakt mit den Besuchern von außerhalb wartet, entdeckt Elektrotechniker David, dass sie sich insgeheim auf einen Großangriff vorbereiten…

Heute feiern wir unseren Independence Day?

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Emmerichs Invasionsepos eroberte 1996 tatsächlich den Erdball und wurde mit 800 Millionen Dollar Einspiel einer der erfolgreichsten Filme der gesamten Dekade. Darüber hinaus machte der Oscar prämierte Effektstreifen, der intern in der Regel ID4 genannt wird (für Independence Day – 4. Juli), Fresh Prince of Bel Air Will Smith kurzzeitig zum größten Star der Welt. Emmerich hatte es geschafft, sich unsterblich gemacht und es allen deutschen Filmstudios gezeigt, die ihn hierzulande nicht mit derartigen Projekten unterstützen wollten. Er selbst hatte keine Lust auf DDR-Dramen und Beziehungskomödien, also wanderte er nach ersten kleineren Erfolgen rasch aus, um seine Sci-Fi-Träume verwirklichen zu können.

Der über 2 Stunden lange Film gilt auch heut noch als Klassiker, konnte sich unter Genrefans allerdings nie so ganz rühmlich behaupten. Warum? Im Gegensatz zu seinen vorherigen beiden Filmen, Universal Soldier mit Jean-Claude van Damme und Dolph Lundgren, und Stargate mit Kurt Russell, bot Independence Day eine Vielzahl an Momenten, die dem geneigten Genrefan gehörig gegen den Strich gingen: Hunde, die im letzten Moment vor Feuerwellen davon springen (Boomer!). Quengelige Opas, die sich im Angesicht einer Alieninvasion über Komfort in einem Flugzeug beschweren. Stripperinnen mit einem Herz aus Gold. Rührselige Abschieds- und Sterbeszenen zwischen Familienangehörigen, und ein exzentrischer Alkoholiker, der ständig angibt, früher mal von Aliens entführt worden zu sein und dafür veralbert wird. Szenen, die es in Emmerichs Filmen zuvor so nicht gegeben hatte, und die ID4 für das Verständnis dumm aussehen ließ. Ähnliches sollte er im Anschluss auch bei seinem Godzilla einbringen, in dem Maria Pitillo ständig über ihren Boss nörgelt, Jean Reno ein Taxi aus dem Maul der Kreatur fährt und Baby-Godzillas auftauchen, die auf Basketbällen ausrutschen und Popcorn mampfen. Dabei steckte kein schlechter Drehbuchautor, sondern Kalkül dahinter.

Universal Soldier war ein knallharter, blutiger Actionfilm, der 40 Millionen einspielte. Stargate mit seinen Abenteuerelementen war kommerzieller und erzielte 200 Millionen (und einen gewaltigen TV-Franchise, der hier aber nicht hingehört). Emmerich wollte aber weit mehr als das erreichen, also orientierte er sich an einem speziellen Untergenre – dem Katastrophenfilm. Lange Jahre davor hatten Filme wie Erdbeben, Airport und Flammendes Inferno große Erfolge, was Emmerich für sich adaptieren wollte. Das Konzept: statt nur ein Heldenpaar in den Vordergrund zu stellen, wechselt man zwischen einer ganzen Schar von Figuren, Repräsentanten aller Schichten, um möglichst jeden Zuschauer ansprechen zu können. Wer nicht am toughen Retter interessiert ist, lacht vielleicht gern über den schrulligen Onkel, oder investiert in die tragische Beziehung zwischen zwei vom Schicksal getrennten Liebenden. Schon möglich, dass manch einer die Szenen der anderen uninteressant finden mag, aber - so die Theorie - so kann für alle was dabei sein. Natürlich hatte Independence Day 1996 Eventfilmcharakter und war der eine Film, den man in dem Jahr unbedingt gesehen haben musste (der hierzulande zweiterfolgreichste Film des Jahres war Werner: Das muss kesseln…), aber für den Kassenerfolg war es fraglos die richtige Entscheidung, nicht bloß auf Will Smith, den coolen Kampfpiloten, und Jeff Goldblum, den intelligenten, zurückhaltenden charismatischen Tüftler zu setzen.

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Dass der Film besonders amerikanisch wirkt, sollte nicht überraschen, da er zum Teil auch Emmerichs Dankeschön an eine Nation war, die ihn wie niemand sonst zuvor gefördert hatte. Also ist der Film mit Pathos gefüllt und zeigt einen Präsidenten, der ein gutes Herz hat, mitreißende Reden schwingt und sich nicht zu schade ist, mitzukämpfen. Natürlich sind es primär Amerikaner, die den Tag retten, auch wenn Emmerich immer wieder in verschiedene Länder blicken lässt. Auffällig ist jedoch, dass Emmerich im Vergleich zu Kollege Bay nicht auf Army-Verherrlichung aus ist. Es kommt zwar allerlei Werkzeug zum Einsatz und Soldaten werden respektvoll in Szene gesetzt, doch man hat nie das Gefühl, einen Rekrutierungswerbespot zu sehen, oder dass sich die Kamera an diesen Aspekten sabbernd ergötzt. Präsident Bill Pullmann erscheint blass, aber sympathisch, und es macht Spaß, ihn mit der eigentlich geheimen Basis Area 51 konfrontiert zu sehen, in der Brent Spiner (Data aus den Star Trek Filmen) als durchgeknallter Wissenschaftler arbeitet.

Wäre Independence Day unter anderen Voraussetzungen ein nachhaltigerer Film? Schon möglich, zumal er nur deswegen in die Geschichtsbücher einging, weil er zur rechten Zeit und mangels Konkurrenz auffällig und innovativ wirken konnte. Er macht es sich einfach, erklärt alles in einfachen Bildern und lässt keine interessanten Ecken über. Obwohl man über die Alienspezies fast nichts erfährt, ist es so präzise zusammengefasst, dass man gar nicht mehr wissen will. Die Aliens sind halt alle böse – damit macht es sich der Film enttäuschend einfach, und sorgt dafür, dass man die Charaktere haltlos jubeln sieht, wenn Millionen Außerirdische zu Sternenstaub pulverisiert werden. Die Bedeutung dessen wird nicht reflektiert, auch scheint die Freude an der Vernichtung der Gegner größer zu sein als das Aufatmen, doch noch irgendwie überlebt zu haben. In anderer Hinsicht ist es vorbildlich, wie der Film immer wieder schleichend Elemente einführt und wieder sinnvoll auf sie zurückkommt; etwa, wenn Goldblum mit seinem Vater Schach spielt oder er, der später die Fat Lady im Mund hat, das Rauchen kritisiert. Das Drehbuch ist weder hochwertig, noch einfallsreich, erfüllt seinen Zweck aber zufriedenstellend: es funktioniert.

Allerdings steht Emmerich unverblümt dazu, anspruchslos und an interessantem Drama nicht interessiert zu sein. Innerhalb dieses Rahmens gelingt es ihm. die Klaviatur der verbleibenden unterschiedlichen Zielgruppen beständig zu spielen. Der Auftakt bis zum ersten Angriff ist nach wie vor äußerst spannend inszeniert, wobei David Arnolds Score wuchtiges leistet. Hin und wieder mag der Film mit seinen vielen Nebenplots ins Stocken kommen, gewinnt Neugier und Aufmerksamkeit aber auch immer wieder schnell zurück. Eine Untersuchung und Alien-Unterhaltung in Area 51 hat wirkungsvolle Horrorelemente, der Versuch, die richtige Taktik für den Gegenangriff zu finden ist interessant, die obligatorische spätere Luftschlacht kann zwar nicht mit Star Wars gleichziehen, ist aber passend positioniert, und sobald es für Smith und Goldblum in Richtung des Mutterschiffs geht, mag das Ende absehbar und praktische deus ex machina sein, passt aber zueinander und endet im richtigen Augenblick.

Independence Day ist zweifelsohne ein reichlich dummer Film, der aber keinen Hehl daraus macht und dazu steht, das zu sein, doch – was in der Kombination eine Seltenheit darstellt – er macht sich dabei weder über sich selbst, noch über seine Ideen lustig, noch versucht er, wie manches Transformer Sequel, sich mit seinem kommerziellen Interesse nervend aufzudrängen. So gesehen reicht er tatsächlich zu diversen Monsterklassiker aus den 40ern und 50ern zurück – natürlich nicht an den originalen Godzilla, der sich überaus ernst nahm und das erfolgreich war – aber an Filme wie Tarantula, Them oder Fliegende Untertassen greifen an. Kurioserweise lief Tim Burtons Mars Attacks sogar im selben Jahr wie ID4 an, der gezielt B-Filme wie eben jenen Fliegende Untertassen greifen an liebevoll durch den Kakao zog, und auch Twister aus demselben Jahr wehte auf der neu geschaffenen Katastrophenwelle mit, die anschließend mit Dante’s Peak, Volcano, Armageddon und Deep Impact noch vertieft wurde.

Fazit:

Emmerichs Invasionsepos versucht es jedem recht zu machen, was nicht immer hinhaut. Dennoch trägt sein Katastrophenklassiker seinen wischiwaschi-Anspruch derart sympathisch auf, dass man mit Smith und Goldblum, der Musik, dem spannenden Einstieg und der abwechslungsreichen Auseinandersetzung umfassend unterhalten wird. Ein nach wie vor spaßiges B-Movie, das zum besseren Popcornkino gezählt werden darf.

8 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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