BG Kritik:

Interstellar


von Christian Mester

Interstellar (US, 2014)
Regisseur: Christopher Nolan
Cast: Matthew McConaughey, Anne Hathaway

Story:
Das Ende der Menschheit ist keine Prophezeiung mehr, sondern drohende Realität. Nahrungsmittelknappheit und immer gravierendere Sandstürme garantieren das baldige Ende dieses Planeten. Um einen anderen zu finden, reist ein Astronautenteam durch ein aufgetauchtes Wurmloch, das wie eine rettende Einladung höherer Wesen erscheint.

In der Schwerelosigkeit hinter Kubrick her: Nolans Odyssee in den Weltraum.

Interstellar ist in Fankreisen seit Jahren ein bekanntes Drehbuch, war es doch lange Zeit ein Wunschprojekt von Steven Spielberg. Nachdem er sich gegen eine eigene Umsetzung entschied und es für andere freigab, schnappten es sich prompt die Dark Knight Macher. Frühe Sorgen erhoben sich trotz Nolans Ansehens, denn Interstellar galt im Vorfeld lange als emotionale Handlung mit Schwerpunkt auf Familie und verlorenem Kontakt zwischen Eltern und Kindern; Themen, die ein Spielberg wie im Schlaf beherrscht, was sich in der äußerst kühlen Filmografie Nolans bisher nicht vertreten sah. Was sich jedoch zum Merkmal Nolans entwickelt hat, sind technische Raffinesse und große Bilder. Aspekte, die er auf der Raumreise Interstellar in ungeahnte Dimensionen ausreizen kann.

Aufregende Reise zu den Sternen (wenn man denn Zeit hat)


Kaum, dass es von der Erde fort geht, brilliert der Film mit atemberaubenden Weltraumeindrücken. Das Passieren des Rings des Saturns, ein schillerndes Wurmloch oder ein Schwarzes Loch, das Licht verbiegt; sämtliche Allaufnahmen sind beeindruckend schön und lassen wünschen, die rund drei Stunden lange Laufzeit sei noch länger, damit man sich an noch mehr davon ergötzen kann. Überhaupt ist der gesamte Reiseaspekt authentisch und spannend inszeniert. Die unglaubliche Distanz und Tödlichkeit jedes Fehlers ruft in Erinnerung, wie lebensmüde und mutig die Männer gewesen sind, die 69 zum Mond aufbrachen. Wie bei Gravity sind alle technischen Komplikationen packend, auch wenn es hier nur einen Bruchteil der Handlung ausmacht. Grob unterteilt lässt sich Interstellar in vier Phasen aufsplitten. In der Andockphase lernen wir die Charaktere auf der Erde kennen, bevor es zum unheimlichen Aufbruch in die Finsternis geht. Phase 3, so jedenfalls der Plan, soll die Landung darstellen, bevor es, wenn denn alles gut geht, am Ende wieder zurückgeht. Um diese Reise mit Spannung zu würzen, holen die Nolans, die Spielbergs ursprüngliche Geschichte massiv ungeschrieben haben, zahlreiche Gefahren aus dem Ärmel, die ganz nach Murphy's Gesetz dafür sorgen, dass was auch misslingen kann, zur Unterhaltung misslingt.

Bis zum Ende der dritten Phase ist Interstellar relativ stringentes, hochwertiges Astronautendrama, vergleichbar mit Gravity und Apollo 13, aber was dann kommt, ist anders. Ein Augenrollen in Richtung Kubrick, oder finsterer, Mission to Mars bleibt nicht aus, auch wenn es keineswegs nicht das gleiche ist, was diesen Astronauten widerfährt. Was extravagantes eintrifft, passt weiterhin zu Nolans steril wissenschaftlicher Betrachtungsweise, kann aber plötzlich schwer vor den Kopf stoßen. Vermeintlich elegant versucht man, viele offene Handlungsfäden der vorangegangenen zwei Stunden nahtlos wieder aufzugreifen und zu komplettieren. Es wird Ansichten zweifellos spalten. Die einen werden es als genial abtun und Interstellar abschließend als glatten 10er empfinden, doch wer die Auflösung der Geschichte für zu magisch, zu zufällig und zu idiotisch findet, hat alles Recht dazu, da das umgeschriebene Script da echte Schwächen aufweist.

Hinter dem Wurmloch entdecken sie die göttlichste aller Gestalten (oder nicht?)


Die Besetzung darf indes von Anfang an kritischer beäugt werden. Matthew McConaughey, noch immer in seiner großen Renaissance, überragt alle anderen als liebender Vater und Draufgängerpilot, der eine Zukunft für seine Kinder finden will und die größte Angst vor der Zeitrelation hat, da das Landen auf anderen Planeten Stunden gegen Jahre eintauscht. Seine Crew ist kein DFB Topteam. Anne Hathaway wird nicht viel gebraucht und bleibt schwach, und neben den langweiligen Kollegen ist es bloß ein trocken sarkastischer Roboter in 2001-Obelisk Design, der regelmäßig wichtigen Humor einspeist. Auf der Erde, zu der regelmäßig gewechselt wird, schaut's nicht nur klimatisch duster aus. Sir Michael Caine ist in der Morgan Freeman Rolle des Erklärers nicht nur im Rollstuhl gefangen (als Alfred hatte er mehr zu tun). Als später erwachsene Kinder McConaugheys stehen sich Casey Affleck (grummelnd mit Bart) und Jessica Chastain auf Kontaktsuche die Beine in den Bauch. Nolan hält den Wechsel zur Familie wichtig, doch es reißt ständig aus Spannungsmomenten, die im All oder auf Planetenoberflächen passieren und kosmisch interessanter sind als Chastains nie aufgebende Tochter.

Es ist vielleicht eine böse Feststellung über einen Film über die längste Menschenreise aller Zeiten, aber Interstellar krankt leider oft unter eben dem, was lange Reisen ausmachen: Längen. Das Script hat wie gesagt einiges an Gefahrenentertainment zu bieten, doch die Wege dorthin sind oft elendig langsam, die Spannung wird durch die ständigen öden Wechsel zu erneuten "glaubst du, er lebt noch?" Gesprächen auf der Erde unterbrochen und bei allem Touristikgedanken. Die neuen Welten die Nolan entdecken lässt, sind in kreativer Hinsicht uninteressant (auch wenn dort die erstaunlichste, größte aller Gottgestalten entdeckt wird... ihr werdet sehen). Hans Zimmers orgellastiger Soundtrack unterstützt den Pioniersgeist und die ansteigende Dramatik fabelhaft, verpasst es dabei jedoch, wiederkennbare Melodien zu finden. Dass Nolan seinen langjährigen Kameramann Wally Pfister wegen dessen Transcendence aufgeben musste, erweist sich als nicht weiter dramatisch. Hoyte van Hoytema (So finster die Nacht) inszeniert sich hier seinem ersten überfälligen Oscar entgegen, wobei man leider über die Kamera hinaus blicken muss und im Schatten Cuarons Reise bleibt.

Fazit:

Aufatmen, es ist Nolan, also ist es ein guter Film. Teilweise ein genialer mit starken Dialogen, Kloß-im-Hals Momenten und unglaublichen Bildern, aber auch mit reichlich Längen, Figurenschwächen und einem gefährlich blödem M Night Shyamalan Twist-Ende. Ein großer Film für Nolan, aber kein großer für die Menschheit.

7 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel

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