BG Kritik:

Kabinett außer Kontrolle


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Diese Kritik erschien im Rahmen der Kritikenreihe 'Treasure Monday'. Was ist 'Treasure Monday'?

In the Loop (UK 2009)
Regisseur: Armando Iannucci
Cast: Peter Capaldi, Tom Hollander, Chris Addison, Anna Chlumsky, James Gandolfini, u.a.

Story:
Der US-Präsident und der britische Premier Minister spielen mit dem Gedanken eines Kriegseinsatzes im Nahen Osten. Die Außenministerien kommen zu einem Gipfel zusammen, um zu erörtern, ob Krieg eine gute oder eine schlechte Sache ist. Darunter befindet sich auch Staatssekretär Simon Foster (Hollander), der eigentlich gegen den Krieg ist, mit einer unbedachten TV-Äußerung aber plötzlich ungewollt die Kriegsbefürworter unterstützt. Im irrwitzigen diplomatischen Chaos brennen bald die Telefonleitungen heiß.

Die gallige britische Politik-Komödie wird häufig mit Stanley Kubricks Meisterwerk „Dr. Seltsam“ verglichen. Ein großes Lob und gar nicht so weit weg, wie man vielleicht denken könnte.

Im O-Ton fällt das Wort „fuck“ 135-mal, 87-mal allein von Peter Capaldi.


Mit einem Hauch „The Office“ kommt Armando Iannuccis quasi-Adaption seiner TV-Serie „The Thick of it“ daher, wenn das sterile „Doku“ Bild der deutlich von einem Menschen geführten Kamera Einblick gewährt in die Machenschaften der Politik. Eine „echte“ Mockumentary ist „Kabinett außer Kontrolle“ jedoch nicht. Die Kamera ist nicht wirklich Teil des Geschehens, sie wirkt nur näher und unmittelbarer, als wir das von einem Spielfilm gewohnt sind. Auch unterstützt durch den zackigen Schnitt erhalten wir schnell und effektiv Zugang zu den Figuren, angefangen bei Staatssekretär Simon Foster, der, in seinem Amt überfordert, Dinge sagt, die er so nicht formulieren sollte und damit seinen PR-Berater Malcolm Tucker (der neue „Dr. Who“ Doktor, Peter Capaldi) zur Weißglut bringt. Doch Tucker ist ein Mann, der wohl noch nie gelächelt hat, ohne es als sarkastische Geste oder stummes „Fuck you“ zu meinen.

Foster tritt mit seinem Fauxpas eine Lawine los, weil sie im interkontinentalen, transatlantischen Hin und Her der Frage, ob es einen Kriegseinsatz im Nahen Osten geben sollte, der einen Seite Zündstoff bietet und die andere Seite vor Probleme stellt. Schnell wächst das Personal, mit dem wir die folgenden rund 100 Minuten verbringen, an. Toby fängt erst ganz frisch im Ministerium an, als er mit in den irren Sog der gekränkten Eitelkeiten und gewieften Opportunisten hineingezogen wird. Auf der anderen Seite des großen Teichs trifft er ausgerechnet auf seine alte Bekannte Liza, die in Gestalt von Ex-„My Girl“ Anna Chlumsky auftritt. Liza arbeitet für die amerikanische Assistenzstaatssekretärin für Diplomatisches, muss sich mit einem infantilen, aber neunmalklugen Kollegen herumplagen und soll deichseln, dass der Plan der Staatsekretärin und des friedliebenden General Miller (James Gandolfini) gelingt. Problematisch nur, dass Lizas ausführlicher Report über das Für und Wider eines Krieges von beiden Seiten genutzt, verändert und als endgültig vorgestellt wird.

Das Drehbuch wurde 2010 für den Oscar nominiert.


Es ist ein Chaos aus Namen, Titeln, Berufen, politischen Lagern, geographischen Welten und individuellen Persönlichkeiten. Es ist ein großes Unterfangen, ein solches Chaos lebendig, witzig, geistreich und dennoch konsumierbar zu halten. Iannuccis Script, welches er zusammen mit drei Kollegen schrieb, ist eine solche Wundertat, die all dies leistet und die Figuren sogar richtiggehend lebendig werden lässt. Es ist ein Film über genau diese Art von Chaos, welches man ganz naiv mit Politik und Diplomatie assoziiert, welches möglicherweise aber gar nicht weit hergeholt ist. Iannucci und einige Darsteller erhielten Zugang zu britischen Ministerien, zum Pentagon, zur U.N., durften in der Downing Street beim Premier Minister drehen und erwecken damit den Eindruck dieser schwer zu erfassenden Zerrwelt, wenn das zu porträtierende Objekt ganz offensichtlich überzeichnet ist, jedoch eigentlich absolut passend erscheint.

Im Prinzip besteht „Kabinett außer Kontrolle“ ausschließlich aus Dialogszenen, aus Diskussionen, Absprachen, Smalltalks, Anweisungen und Beleidigungen, falls etwas nicht so läuft, wie diese Person es sich erhoffte. Im irrwitzigen Kampf um diplomatischen Erfolg geht es irgendwann nicht mehr um den Krieg, um das wirkliche Für und Wider einer Kriegshandlung, sondern um individuellen Erfolg. Anstand und Ideale treten in die zweite Reihe, wenn es darum geht seinen Kopf zu retten, einem verhassten Gegenüber eins auszuwischen, oder die Karriere zu pushen. Ein Darstellerensemble vom Allerfeinsten, das die verwinkelten und wunderbar entlarvenden Hochgeschwindigkeitsdialoge zum Besten gibt, macht dieses politische Chaos so faszinierend und so unterhaltsam. Entsprechend perfekt passt der Gastauftritt von Steve Coogan, dessen Nebenhandlungsstrang um eine banale Kleinstadtangelegenheit das giftig leuchtende Kirschtopping dieser wahnsinnig unterhaltsamen Polit-Farce ist.

Fazit:

Extrem witziger, hochintelligenter und durchweg unterhaltsamer Diplomatie-Kulturcrash.

8,5 / 10

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