Kritik:
In Time: Deine Zeit läuft ab
von
Christian Westhus
IN TIME
(2011)
Regie: Andrew Niccol
Cast: Justin Timberlake, Amanda Seyfried, Cillian Murphy
Story:
Irgendwann in der Zukunft. Durch einen gesellschaftlichen Wandel und
den technologischen Fortschritt hört ein jeder Mensch ab dem
25. Lebensjahr auf zu altern. Jede weitere Lebenszeit muss erkauft und
erarbeitet werden, denn Lebenszeit ist die neue Währung und
während die Superreichen Jahrtausende vor sich haben,
müht man sich in den Ghettos ab, überhaupt den
nächsten Tag zu erleben. Will Salas (Timberlake) kommt von
ganz unten. Durch einen Zufall gerät er plötzlich an
über 100 Jahre neue Lebenszeit und schleicht sich bei den
Reichen ein, wo er die hübsche Sylvia (Seyfried) trifft. Doch
die Minutemen (u.a. C. Murphy), Bewahrer des Zeitflusses,
stören sich an Wills plötzlichem Reichtum, ebenso wie
bald schon Sylvias Vater.
Kritik:
Zeit ist Geld und
Geld regiert die Welt. In unseren Zeiten, in denen die Welt quasi von
Banken regiert wird, die mit Geld ein Spiel auf Zeit betreiben,
könnte die Prämisse von „In Time“
kaum treffender sein. Der neue Film von Drehbuchautor und Regisseur
Andrew Niccol zeigt, was eine klug durchdachte Science-Fiction Utopie
auch sein kein. Von den High-Concept Nahzukunftsfilmvisionen dieses
Kinojahres (an erster Stelle mit „Der Plan“, aber
auch mit „Source Code“) ist „In
Time“ mit Abstand der treffendste, perfekt (Achtung!) getimte
Blick in eine mögliche Zukunft. Eine Vision am Puls der Zeit
und ein Genrefilm, ein Zukunftsfilm, der maßgeblich und
unmittelbar mit dem realen Hier und Jetzt verbunden ist. Für
Niccol ist es nicht das erste Mal, dass er clevere
Science-Fiction-Ideen mit Weitsicht und Gespür für
aktuelle Probleme entwirft. Sein Film „Gattaca“ von
1997 ist ein bis heute maßlos unterschätzter
Science-Fiction Film der Oberklasse. Dass die heutige
TV-Realität das Szenario für „The Truman
Show“ von 1998, für den Niccol das Drehbuch schrieb,
fast schon ad absurdum geführt hat, schadet dem Film
keineswegs, sondern untermauert nur, wie goldrichtig und entlarvend der
Film damals war und heute noch ist.
Bei
„In Time“ ist das Konzept deutlich metaphorischer
angelegt. Mit einer grün flimmernden Digitalanzeige im Arm
werden die Menschen der nicht näher definierten Zukunft
geboren, bis sie mit 25 Jahren plötzlich zu laufen beginnt.
Rückwärts. Was genau die Länder dieser Welt
in verschiedene Zeit-(also Vermögens-)Zonen unterteilt hat,
welche Ursachen der eigenartige Währungswechsel hatte und wie
ein solch menschenverachtendes Reglement überhaupt
durchgesetzt werden konnte, streift der Film nur am Rande. Niccol
interessiert sich für die immer weitere auseinander driftende
Schlucht zwischen Arm und Reich, für die Abhängigkeit
auf beiden Seiten und für den immer extremeren Drang nach
Produktivität und Jugend. Mit 25 Jahren sollte man nicht nur
mitten im Leben stehen und sich selbst versorgen können, man
hat auch sein körperliches Ideal erreicht (eigentlich schon um
ein, zwei Jahre überschritten) und wird dieses mit der
nötigen Pflege beibehalten, bis die Zeit abläuft.
Gerade die uniforme Gesellschaft der Twens nutzt der Film zu einigen
entlarvend humorvollen Szenen. Ein extrem reicher Mann stellt seine
Schwiegermutter, seine Frau und seine Tochter vor, und zeigt auf drei
25-jährige Frauen. Der gleiche Mann formuliert auch
Timberlakes Verwirrung, wenn er erstmals in der Zeitzone der Reichen
den Überblick verliert, in welcher Form Amanda Seyfried mit
jenem Reichen verwandt ist. Ob Mutter, Frau oder Tochter. Eine
gruselige Vorstellung. Und wann hört man schon Timberlake, wie
er „Hi, Mom!“ zu Olivia Wilde sagt.
Für Justin Timberlake
ist es die erste wirkliche Hauptrolle. Das erste Mal muss er einen Film
als zentrale Figur quasi alleine tragen, denn ob Cillian Murphy und
Vincent Kartheiser als Gegenspieler, oder Amanda Seyfried als
zunächst unfreiwillige Handlangerin – Timberlake ist
der Held, der Star, der ständig im Fokus stehende
Hauptcharakter des Films. Und ein schlechter Schauspieler ist er nicht,
aber auch kein übermäßig guter.
Insbesondere in dramatischen und emotionalen Szenen fehlt ihm
vielleicht einfach die Übung. Zum Glück –
für ihn – gibt es nicht viele solcher Szenen, denn
abgesehen von der originellen und vielschichtigen
Grundprämisse geht dem Film dann doch recht schnell die Luft
aus. Will Salas und Sylvia türmen zusammen aus der Zone der
Reichen und wollen das System umstürzen. Na gut, er will das,
bis sie sich bereit zeigt, mitzumachen und größere
Ideen beisteuert. Eine interessante Mischung aus Robin Hood und Bonnie
& Clyde entsteht, wenn das dynamische Duo von den Reichen nimmt
und den Armen gibt. Das System droht zu kollabieren, die Minutemen
rennen hinterher und Sylvias Daddy muss sich zwischen Tochter und der
Ewigkeit im Tresor entscheiden. Viel mehr ist nicht und dieser Plot
ohne wirkliches Antriebsmoment will nie so wirklich ins Rollen
kommen.
Das liegt auch an Niccols Regie,
der nicht unbedingt ein Meister der mitreißenden Actionregie
ist und die wenigen Schießerei- und Verfolgungsszenen ohne
den nötigen Drive inszeniert. Noch dazu ist seine visuelle
Vorstellung der Zukunft nicht wirklich spannend. Mindestens 80 Jahre
geht die Nummer mit der Zeitwährung schon, aber bis auf
surrende Elektroautos und ein paar minimal funktionsfähigere
Computer gibt es nicht viel, was nach Zukunft schreit.
Spätestens hier ist man verwirrt, was denn zu diesem ganzen
Kuddelmuddel geführt hat, denn wenn eine Science Fiction
Utopie etwas über unsere Gegenwart aussagen will, sollte sie
auch in irgendeiner Form nachvollziehbar und kohärent wirken.
Und mal ehrlich, so wirklich bis zum letzten Detail durchdacht ist die
Kiste auch nicht. Mit der blinkenden Uhr am Handgelenk tragen zumindest
die Ärmeren ihr Konto und ihre Brieftasche jederzeit offen mit
sich herum. Für jeden sichtbar kann die Lebenszeit scheinbar
ohne Einwilligung des Besitzers geklaut werden. Zum Beispiel im Schlaf.
Und dass sich zu dem charakterlich übereilten ersten
Heldeneinsatz von Timberlake auch noch ein logisch
fragwürdiger Schicksalsschlag gesellt, der mehr Fragezeichen
als Emotionen hervorruft (Wann genau kriegen die Leute jetzt ihren
Lohn?), macht es auch nicht besser. Dass man außerdem
erkennt, dass Cillian Murphy und Johnny Galecki deutlich älter
als 25 sind, ist dann ebenfalls irgendwie störend.
Mit zunehmender Laufzeit
verliert das Script auch selbst die Übersicht, wie viel
Lebenszeit unsere Helden gerade haben. Es gibt zwar gleich mehrere
ungemein spannende Szenen, in denen es kurz vor knapp darum geht,
irgendwie die nötigen 3 Minuten 50 zusammenzukratzen, aber
oftmals wirkt es auch beliebig und zufällig, je nach dem was
gerade dramaturgisch benötigt wird. Das ist, wie gesagt, nicht
unspannend und immer wieder reichlich clever, wie Mechanismen unserer
Realität allegorisch ihren Weg in diese Utopie finden, aber es
fehlt spätestens ab dem letzten Drittel auch etwas Konkretes.
Da reicht es nicht, dass man ein unnötiges Fass mit Will
Salas’ Vater aufmacht, oder Minuteman Murphy
bedeutungsschwangere Andeutungen von sich geben lässt. Auch
die Beziehung zwischen Sylvia und ihrem Pa verläuft
letztendlich ohne größere Überraschungen,
was Seyfrieds komplette Rolle größtenteils auf ihre
ansehnliche, aber fragwürdige Kleiderwahl reduziert. Wirklich
viel her gibt die emotionale Verbindung zwischen Will und Sylvia
nämlich auch nicht. Dass neben Niccol hinter der Kamera
kreative Köpfe wie Kamerazauberer Roger Deakins, Ausstatter
Alex McDowell (u.a. „Watchmen“) und
Kostümdesignerin Colleen Atwood arbeiteten, ist fast
überhaupt nicht spürbar. Ob Niccol den halbherzigen
und inkonsequent durchdachten Realismus-Weg wirklich gehen wollte oder
vom Budget dazu gezwungen wurde, ist streitbar. Aber wenn man sich
inhaltlich schon auf der – zugegeben genialen –
Grundidee ausruht, muss irgendwo noch was zu holen sein. In den
Figuren, der weitergeführten Story oder rein visuell. Leider
ist „In Time“ durchweg Mittelmaß und
lässt die satirische Utopie-Vision nur halbherzig genutzt
versanden. Schade.
Fazit:
Eine grandiose Grundidee, wie sie kaum passender für unsere
aktuelle Weltlage sein könnte, bleibt in einem all zu beliebigen
und wenig mitreißenden Sci-Fi-Film nur ein netter Grundgedanke.
Was eine Vision mit Weitsicht hätte sein können, ist nur ein
leidlich spannender Genrefilm mit etwas gehobenem Anspruch, der sich
mehrfach selbst ein Bein stellt. Nicht zuletzt weil auch die Figuren
nicht all zu viel hergeben.
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