Kritik:
I Spit on Your Grave
von
Christian Mester
I
SPIT ON YOUR GRAVE
(2011)
Regie: Stephen Monroe
Darsteller: Sarah Butler
Story:
Eine junge Autorin (Sarah Butler) verbringt ein
paar Tage in einer abgelegenen
Waldhütte, um in Ruhe und
Abgeschiedenheit an einem neuen
Projekt arbeiten zu können. Eines Nachts
bekommt sie Besuch von
mehreren gewalttätigen
Hinterwäldlern, die sie misshandeln,
sich an ihr vergehen und sie nahezu
tot im Wald zurücklassen. Sie greift
zur Heckenschere...
Testmuster: UK DVD, VÖ. 7.2.11
Kritik:
Es war einmal... ein kleines
Untergenre des allgemeinen Horrorfilms mit Namen
"Rape & Revenge". Ein obstruses Nischenfeld wie das des
käsigen Kannibalen- oder Frauen-im-Gefängnis-Untergenres, das
sich explizit dadurch auszeichnete, dass
Frauen zunächst zum wehrlosen Opfer
sexueller und gewalttätiger
Übergriffe wurden und sich dann in
blutiger Slasher-Manier gegen ihre
Schänder zur Wehr setzten. Sehr
unbequeme und fragwürdige Filme, da
man in der ersten Filmhälfte lange,
schwere Misshandlungen der
Hauptfigur erdulden musste und
danach abfeiern sollte, wie sich die
Geschändete rächt.
Der prominenteste Titel dieser
fragwürdigen Unterkategorie ist "I
Spit on Your Grave" alias "Day of
the Woman" aus dem Jahre 1978. Der
Film war eine nur kleine Produktion
ohne Stars, wurde jedoch als
berüchtigter Skandaltitel
ausgerufen, nachdem er in mehreren
Ländern lautstark verboten wurde und
zahlreiche Presseoutlets verlauten
ließen, es sei einer der
gewalthaltigsten und kontroversesten
Filme aller Zeiten. Das mag so sogar
sein, da es nicht viele Filme gibt,
in denen die Vergewaltigung einer
Frau alleine bereits ein Drittel eines
gesamten Films einnimmt (!),
doch in jenem ist es nur eins:
plakative Exploitation. Der
Regisseur des Films redete sich
damals zwar damit heraus, dass der
Film symbolisch für die
gesellschaftliche sexuelle
Unterdrückung und daraus folgende
Emanzipation stehe, doch die
ausufernde und graphische Ausbeutung
des Aktes (der Film lässt glauben,
dass selbst der Dreh dieser Szenen
unerträglich ausfiel) wirkt völlig
übertrieben. Es ist bereits erwiesen, dass
die Sensibilität, sich in Filmleid
fiktiver Rollen hinein versetzen zu
können, auf Dauer abnimmt. Die
ersten Minuten aus "Soldat James
Ryan" oder die vielen Fallenszenen
aus den "Saw" Filmen liegen in ihren
kurzem Minuten schwer im Magen, doch
säge man in letzterem mehr als eine
halbe Stunde (!) schreiend an seinem
Bein herum, wird dies irgendwann...
stumpf. Man
distanziert sich, umso mehr, schielt
der Kameramann ständig auf die
Nippel der gefolterten Aktrice und
deutet damit an, dass man gar
positiv empfinden solle. Ebenso
fragwürdig: der 'glorreiche'
Gegenschlag der Gefolterten, die
anschließend symbolisch zur Schere
greift und ihr Gegenüber kastriert.
Dass sie als Figur Rache will ist
nachvollziehbar, doch auch hier
stellt sich die Frage, was das alles
soll. Das Original ist in keinster
Form spannend oder mit tragischen,
greifbaren Charakteren gefüllt - es
ist stumpfes Gewaltgeklotze ohne
Selbstreflektion* oder künstlerischen
Anspruch oder
Unterhaltungscharakter, das ohne
seine Gewaltextreme als
stümperhaftes Trash-Drama
anderweitig niemals Beachtung
bekommen hätte.
(* Der letzte
"Rambo" und
"Punisher Warzone" waren dies
zwar auch, jedoch kompetent
inszeniert, charismatisch besetzt
und mit leicht selbstironischer Note
im Hintergrund. "I Spit on Your
Grave", beide Fassungen, sehen sich
als todernstes Spannungskino.)
2011 gibt es also ein Remake, das in
erster Linie existiert, da der
reißerische Filmtitel des Originals, nicht
einmal der Film selbst,
weitläufig halbwegs bekannt ist
(eher: "schon mal irgendwo
aufgeschnappt wurde") und es bei
Horror-Remakes allmählich eintritt,
dass alle namhaften Titel bereits
ein zweites Mal umgesetzt wurden. Was man sich
vorgenommen hatte? Natürlich sollte
der neue Film professioneller
aussehen, in erster Linie aber "noch
heftiger" werden und es dadurch irgendwie
schaffen, neuen Kultstatus zu
erlangen.
Dass der neue Film merklich mehr
Budget bekommen konnte und optisch,
darstellerisch und filmtechnisch mit
anderen durchschnittlichen
Horrorfilmen gleichsetzbar ist, ist
dann auch schon das einzige
Kompliment, das man dem Remake
machen könnte, da er inhaltlich
wieder exakt dasselbe ist. In der
ersten Hälfte wird eine junge Frau
gequält und geschändet, in der
zweiten folgt steife Selbstjustiz. Schwach
ist beides: der Übergriff ist nur
brutal und unangenehm, die
anschließende Rache spannungsarme
Metzelei. Die junge Frau tötet
ihre Gegner dabei nicht einfach nur, sie
präpariert "Saw"-ähnliche Fallen, in
denen die Täter überzogen qualvoll sterben
- ebenfalls unangenehm. Das ist es
auch in den "Saws", doch da gibt es
noch essentielle Horrorelemente wie
(versuchte) Spannung, charismatische
Figuren und eine offene Handlung,
die neugierig macht, wie der Film wohl
enden mag. Zu erwähnen ist als
Fußnote, dass der Film in seinem
ersten Abschnitt trotz Getöse nicht
mit dem Härtegrad des Originals
gleichziehen kann ("A
Serbian Film" moppt, was das
betrifft, den Boden mit diesem Film,
wobei das gewiss nicht als
Kompliment zu sehen ist) und in der
zweiten so weit hergeholte,
unglaubwürdige Mordszenen
entwickelt, dass die straffe Gewalt
kalt bleibt. Der Film penetriert
sich anschließend noch selbst
unfreiwillig ins Knie, in dem er
eine Figur einfügt, die kritisch
dafür angesehen wird das Geschehen
auf Video aufzunehmen - eine Kritik,
die den Regisseur und alle
Verantwortlichen gleichzeitig mit
trifft, da man dieselbe Frage den
Machern stellen darf. Wieso muss man
so lange und so deutlich zeigen, wie
das Mädchen misshandelt wird?
Ein
geeigneter Vergleich wäre das "The
Hills have Eyes" Remake. Ebenfalls
ein Film, in dem Frauen gegen ihren
Willen bedrängt werden und sich
anschließend hart an den Verantwortlichen
gerächt wird - in jeder
Beziehung gelungener inszeniert.
Alexandre Aja musste die Nacktheit
der Frauen nicht fokussieren und
ihre Folter nicht erst ellenlang in die
Länge ziehen, um Effekt zu finden -
obwohl die Übergriffe darin visuell
keuscher ausfallen, sind sie um
Welten schlimmer, da es im Gegensatz
sympathische Figuren erwischt und
die Andeutung völlig reicht um sich
vorzustellen, was da gerade
passiert. In der anschließenden
Vergeltung stellt der Held auch
keine Dr. Phibes / Jigsaw
inspirierten Badewannen voller Säure auf,
um seinen Widersacher langsam eintunken
und damit gleichzeitig ertrinken und
verätzen zu lassen. Man mag
es nachvollziehen können, dass ein
Angegriffener Rache will, doch
irgendwo hört Katharsis auf und
fängt entfremdete Psychopathie an. Dazu kommt,
dass Ajas Film gekonnt Spannung
aufbaut, mit den Überlebenschancen
der Helden spielt, immer wieder
Abwechslung und neue Gefahren
einbringt. Ein Rezept, das letzten
Endes einen der besten Horrorfilme
der letzten Dekade hervorbrachte.
Stephen Monroes "Spit" Remake hingegen erinnert
an einen der schlechtesten der
letzten Jahre (der, so traurig es
auch ist, auch schon Remake war):
"The Last House
on the Left".
Bodensatzhorror, in dem
nihilistische Tortur und sinnfreies
Abmetzeln das leidige Klischee
erfüllen, dass Horrorfilme meistens
doch nur unangenehmer Gewalttobak
und nichts sonst sind. Die beiden
passen sogar visuell, inhaltlich und
qualitativ, so gut zusammen, dass
man sie in eine gemeinsame DVD-Box
packen - und dann wegschmeißen kann.
Fazit:
"I Spit on Your Grave" gehört zu den
fragwürdigsten und missratensten
Horrortiteln - spannungsarmes
Exploitation-Gemetzel zwischen
unsympathischen, uncharismatischen
Figuren, das sich 2011 nicht einmal
mehr damit krönen kann, besonders
hart zu sein. Zumindest technisch
solide umgesetzt.
2,5 /
10
10
- Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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