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Kritik:
Jane Eyre


von Christian Westhus

JANE EYRE (2011)
Regie: Cary Fukunaga
Cast: Mia Wasikowska, Michael Fassbender, 

Story:
Im viktorianischen England: Waisenkind Jane Eyre wächst bei einer wohlhabenden Tante und deren verwöhnten Kindern auf, die Jane spüren lassen, nicht gleichwertig zu sein. Verbannt auf ein Mädcheninternat wird Jane erwachsen, bis sie anfängt als Gouvernante eines französischen Mädchens auf Thornhill zu arbeiten. Das große Anwesen birgt scheinbar Geheimnisse und der Hausherr, Mister Rochester, gibt sich schroff und abweisend. Doch mit der Zeit nähern sich Jane und Rochester an, verlieben sich sogar ineinander. Doch kann Jane einem Mann, der im Stand viel höher als sie angesiedelt ist, vertrauen? Und was verbirgt Rochester?

Kritik:
Man sollte ja meinen, ein schon dutzendfach verfilmter Roman wie Charlotte Brontës „Jane Eyre“ bräuchte nicht noch eine Verfilmung. Was will man da schon noch groß verändern und herausstellen, wenn man sich nicht gerade extrem von der Vorlage entfernt. Die 2011er Version des amerikanischen Regisseurs Cary Fukunaga ist jedoch ein atmosphärisch dichter und optisch wunderbarer neuer Eintrag in die Lange Verfilmungsgeschichte eines zentralen Romans des viktorianischen England. Jane Eyres Lebens- und Leidensgeschichte ist keine typische Romanze oder reine Herzschmerzgeschichte der Marke Jane Austen. Natürlich geht es auch hier um eine Liebe, die durch gesellschaftliche Konventionen und Schranken erschwert wird, doch Brontë - und in diesem Film Cary Fukunaga – war viel mehr an der Formung und Charakterisierung eines zentralen Charakters interessiert und schlägt bisweilen wesentlich ernstere und negativere Töne an, als einige Zeitgenossen damals. 

Insbesondere die Atmosphäre verdreht Fukunaga hier recht stark. Er erhöht den Gothic Horror und Schaueranteil des Romans, wo er nur kann. Ein Flüstern im Wind, Nebelschwaden im Wald und im großen Anwesen knistert und knackt es, Stimmen sind zu hören, die eigentlich nicht da sein dürften. Spannung und Grusel sind nicht das Hauptanliegen von Fukunagas Film, aber er fokussiert sich stärker darauf, als es die Buchvorlage hergibt und das fasziniert, macht den Film intensiver, weil man sich von Brontës häufig zu anständig, korrekt und adjektivreich beschreibenden Ich-Erzählerin lösen kann. Im Roman muss (darf) Jane zurückblicken auf Eindrücke und Begegnungen, im Film erleben wir sie mit ihr quasi live. Komplett auf Jane fixiert, ist dieser Film ein atmosphärisches Ereignis, obwohl auch hier eine Rückblendenstruktur etabliert wird. Der Film beginnt an einem Wendepunkt in Janes Leben, an einem Moment, zu sich zu finden und das Vergangene Revue passieren zu lassen. Nachdem die Haupthandlung mit Janes Abschied aus dem Waisenhaus Lowood etabliert ist, verlässt der Film diese abwechselnde Struktur und fokussiert sich ganz auf Janes Zeit in Thornfield und ihre eigenartige Beziehung zu Mister Rochester.

Jane ist ein oft widersprüchlicher, aber faszinierender Charakter. Ein bisschen naiv, unsicher, aber höchst korrekt und anständig, die sich als Erwachsene schlagfertig zu behaupten weiß, aber auch doppelt und dreifach im Käfig sitzt. Als arme, wenig attraktive Frau, lebt sie als Angestellte unter einem oft schroffen, aufbrausenden Herrn. Stets um Selbstachtung bemüht, erkennt sie ihre Gefühle für Mister Rochester, aber auch die gesellschaftliche Unmöglichkeit, diese erwidert zu finden. Brontë hatte die gefühlte Ewigkeit eines Romans zur Verfügung, ließ Janes Charakter durch ihre Rolle als Ich-Erzählerin auf jeder Seite stärker anwachsen, weil sie sich reflexiv selbst beurteilte. Da der Film glücklicherweise auf einen rückblickenden Off-Kommentar verzichtet, muss er diesen sperrigen Charakter anders greifbar machen. Und das in knapp 120 Minuten. Das geht insbesondere zu Beginn alles ein wenig schnell. Gerade Janes Kindheit, der Ursprung ihres Charakters, wird in Windeseile durchflogen. Und auch hier intensiviert der Film den Eindruck des Buches, lässt sich ein paar zentrale Entwicklungsstation aber auch entgehen. Der Film stellt die negativen Erfahrungen stärker heraus und verzichtet beispielsweise auf die doch recht vertraute Beziehung zwischen Jane und der Haushälterin Bessie, lässt außerdem Miss Temple, die eine nette und lebensphilosophische Lehrerin im Lowood Internat, aus. Selbst die Freundschaft mit dem Mädchen Helen ist nach einem Wimpernschlag vorbei, geht aber dennoch stark zu Herzen. 

So bekommt Jane als Kind und als Erwachsene früh ein paar Szenen, um sich als trotzig und intelligent zu etablieren, beherrscht von Anstand und Selbstachtung, aber auch gelegentlichen Wutanfällen. Alles Weitere liegt an Darstellerin Mia Wasikowska, die sich das eigenwillige Kompliment gefallen lassen muss, eine annähernd perfekte Jane abzugeben, aus deren Blicken und Körpersprache Brontës seit Jahrzehnten kanonisierte Romanheldin spricht. Arm, unerfahren und wenig weiblich hat sie der männlichen Dominanz von Mister Rochester zunächst nur ihren Verstand und ihre Selbstachtung entgegenzusetzen, und imponiert dem verbitterten, gelegentlich gar zynischen und aufbrausenden Mann damit. Der seit ein paar Jahren stets großartige Deutsch-Ire Michael Fassbender gibt Rochester Ausdruck und charakterliche Kanten, trifft den Ton aus Abscheu und Sympathie ziemlich gut. Mit einer tollen Kameraarbeit fängt Fukunaga die aufkeimende und zunehmend stürmischer werdende Liebe in starken Bildern ein. Gute Darsteller in schönen Kostümen vor wunderbaren Kulissen und atemberaubenden Landschaften. Rau, kalt, ungemütlich und doch mit dieser satt-grünen und naturalistischen Eleganz des englischen Landlebens. Dazu fließt emotional und effektiv ein wunderbarer Musik-Score von Dario Marianelli. 

Brontë Bildungsroman ist ein Charakterdrama mit feministischer Note, das den Drang nach wahrer Liebe gegen die gesellschaftlichen Schranken um die Achtung der persönlichen Freiheit erweitert. Das Selbstbestimmungsrecht, das Jane, im Glauben an wahre Liebe und gesellschaftliche Regeln auf sich anwendet, macht sie zu Opfer und Heldin gleichzeitig. Trotz manch übereilter Entwicklung etabliert nun auch der 2011er Film Jane Eyre als charakterlich und emotional gereifte Heldin, die fern von romantischen Kitsch-Klischees zu sich findet. Wasikowska und Fassbender fügen letztendlich das zusammen, was ein paar ungeschickte Dramatisierungen gegen Ende fast zerstört hätten. Der letzte Akt im Abschnitt mit Jamie Bell, der als St. John Jane Unterkunft und Arbeit gibt, leidet am stärksten überhaupt im Film, dass es manchmal übereilt und forciert weiter gehen muss. Doch die Darsteller und Fukunagas stilbewusste Inszenierung halten den Film stets zusammen.

Fazit:
Schon zig mal verfilmt, gewinnen Charlotte Brontës Roman und ihre literarische Heldin in dieser gelungenen Verfilmung an Atmosphäre und Intensität. Mit einem stärkeren Fokus auf Stimmungen und Emotionen überzeugen Bildsprache und ganz besonders die beiden Hauptdarsteller, obwohl manches – wie üblich, bei Literaturverfilmungen – zu schnell geht.

7 / 10

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