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Kritik:
J. Edgar


von Christian Mester

J EDGAR
Regie: Clint Eastwood
Cast: Leonardo DiCaprio, Armie Hammer

Story:
1919 ist Jura-Absolvent John Edgar Hoover (Leonardo DiCaprio) einer der eifrigsten Mitarbeiter des Justizministeriums. Er wird Teil der General Intelligence Division, die zum Ziel hat, Kommunisten via aufwendiger Spionage zu entlarven. Hoover zeigt höchstes Engagement und ersetzt alsbald seinen Vorgesetzten. Kaum dass er diese neue Position innehat, reformiert er die nun FBI genannte Abteilung. Sein Ziel? Eine weitaus effizientere Polizei-Einheit. Bis dato lapidar vorgenommene Spurensuchen lässt er wissenschaftlich vertiefen. Akribisch wird jeder Verdächtige dokumentiert. Mit Erfolg - Hoovers System zeigt Wirkung: Verbrechensraten sinken.

Hoovers Einfluss steigt so weit, dass er alsbald sogar den Präsidenten die Stirn bietet. Was viele jedoch nicht erfahren: Hoover ist ein psychisch gebrochener Mann. Von seiner herrischen Mutter (Judi Dench) dominiert, leidet er unter großem Erfolgsdruck. Fanatisch stürzt er sich somit in seine Arbeit und befiehlt lieber Untergebene, statt soziale Kontakte in der Außenwelt zu pflegen. Von Gefühlen geplagt, traut er sich nicht, seinem Assistenten (Armie Hammer) seine Liebe zu gestehen. Nur dieser und seine langjährige Sekretärin (Naomi Watts) beschließen schließlich, ihn sein Leben lang zu begleiten.

Kritik:
John Edgar Hoover gehörte zu den einflussreichsten Männern der US-Geschichte. Als ebenso gefürchtete wie respektierte Autorität revolutionierte Hoover die US-Bundespolizei FBI. Er betonte Forensik, ließ überregional zuschlagen und sammelte Akten über Tausende von Verdächtigen. Hoover wurde von vielen als Held, Patriot und Genie gefeiert, aber auch regelmäßig starker Kritik und Kontroversen ausgesetzt. So konnte man nur vermuten, wie sehr er die mächtigsten Männer des Landes mit seinen geheimen Akten in der Hand hatte. Ebenfalls mysteriös war sein Privatleben, um das diverse Gerüchte ranken.

So galt der Workaholic, der Verdächtige ohne Gnade jagte, als heimlich homosexuell. Zudem soll er hinter geschlossenen Türen angeblich Frauenkleider getragen haben. Altmeister Clint Eastwood hat sich dieser vielseitigen Lebensgeschichte angenommen und Hoover ein filmisches Denkmal geschaffen. Ein Film, der weder Verherrlichung, noch Verharmlosung werden sollte. Für die Realisierung besetzte Eastwood einen der besten Schauspieler der Moderne: Leonardo DiCaprio.

Dass Leonardo DiCaprio ein Faible für komplexe, schwierige Rollen hat, hat er unlängst bewiesen. Im Film The Aviator spielte er bereits eine ähnliche Geschichtsfigur, den Flugpionier und Multimillionär Howard Hughes. Hoover und Hughes waren sehr unterschiedlich, hatten aber vergleichbare Grundzüge. In beiden Fällen sind es herrische Tyrannen, die zum einen bemerkenswert Großes vollbringen. Auf der anderen Seite sind es zutiefst fragile Persönlichkeiten, die von ihrem Tun gleichfalls gefangen zu sein scheinen. DiCaprio, der Hoover in verschiedenen Altersstufen darstellt, macht seine Sache erneut hervorragend. Mit Überzeugung spielt er zunächst den 24jährigen, der glaubhaft gestandene Männer herumkommandiert. Er zeigt Hoover später als intelligenten, rastlosen Experten seines Feldes. Dann als Rentner, der Gerechtigkeit so sehr liebt, dass er auch zu Unrecht bereit ist, um sie wahren zu können. Als interessanten Beobachter einer sich ständig wechselnden Kultur, Politik und Gesellschaft. In einigen seiner Momente brilliert DiCaprio oscarwürdig, doch es gibt Aspekte, die ihn beeinträchtigen.

Von Anfang an fällt es schwer, sich an die deutsche Synchronisation des Films zu gewöhnen. DiCaprio hat seine übliche deutsche Stimme, die zum jungen Hoover gut passt. Später passt sie jedoch nicht mehr. Die versuchte Alterung der Stimme misslingt. Störend ist ebenfalls das Make-Up, denn auch wenn es technisch überzeugend aussieht, irritiert es regelmäßig. Womöglich mag das daran liegen, dass DiCaprio und Hoover ähnliche Gesichtszüge haben. Es fällt oftmals schwer, ihn als die Historienfigur und nicht als Leonardo DiCaprio zu sehen, der ala Eddie Murphy in einem Fatsuit steckt. Leider gibt es noch weitere Faktoren, die J. Edgar schwächeln lassen. Für den Film hatte Clint Eastwood ein vergleichsweise geringes Budget von »nur« 35 Millionen Dollar. Die Knappheit wird sichtbar, denn an vielen Stellen wirkt der Film offensichtlich klein gehalten. Umgebungen werden kaum gezeigt, Perspektiven oft gekünstelt eng gehalten. Dazu stört eine sehr platte Beleuchtung, die in den verschiedenen Epochen nie Atmosphäre aufkommen lässt. Road to Perdition beispielsweise hat dies stärker gegriffen. Elemente, die dem Film in größerer Opulenz, wie es bei The Aviator der Fall war, gut getan hätten. Auffällig ist, dass es nahezu keinen Score gibt. Mit rund 140 Minuten Laufzeit ist der Film ein wahrer Koloss, doch Musik gibt es nur selten. Da der Film in erster Linie aus ruhigen Unterhaltungen ohne größere Konflikte besteht, zieht er sich demnach sehr. Gibt es Konflikte, fallen diese jedoch durchaus stark aus. DiCaprio, der den Film fast gänzlich allein dominiert, hat bewegende Momente mit dem guten Co-Star Armie Hammer (der Zwilling aus The Social Network) und der Bond-Chefin Judi Dench als seine an Mutter Bates erinnernde Matriarchin. Leider fallen nur wenige Szenen als herausragend gut auf; meist spielt ein exzellenter DiCaprio gegen eine nur mäßige Umsetzung der Handlung.

Anders als bei Million Dollar Baby und Gran Torino schafft Regisseur Clint Eastwood es demnach nicht, das Niveau der besten Szenen über die ganze Laufzeit zu halten. Immerhin gelingt es ihm, einen umfangreichen und fairen Überblick über Hoovers Leben zu schaffen. Alle wichtigen Elemente werden abgehandelt und mit Respekt eingefangen. Der Film gibt keine Meinung vor, überlässt dies dem Zuschauer. Rückblickend macht ein kleiner Twist am Ende alles zuvor gesehene sogar noch ein Stück interessanter.


Fazit:
J. Edgar ist ein solides Biopic über einen der mächtigsten Männer der US-Geschichte. Leonardo DiCaprio ist einmal mehr hervorragend, kann darin aber leider nur selten wirklich glänzen. Eine zu dokumentarische Vorgehensweise schafft unnötige Längen, Potenzial bleibt ungenutzt. Dazu sind Make-Up und Vertonung äußerst gewöhnungsbedürftig. Der Film lohnt sich bei Interesse an der Historienfigur und Darsteller DiCaprio, doch als Kinoerlebnis allein, fällt J Edgar trotz Breite zu dünn aus.

5,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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