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Kritik:
Julie & Julia


von Christian Westhus

Julie and Julia
(2009)
Regie: Norah Ephron
Darsteller: Meryl Streep, Amy Adams

Story:
Der Film zeigt die Anfänge der Kochkarriere der berühmten Köchin Julia Child, die mit der Beschreibungen von Julie Powell verwoben sind, die den Ehrgeiz hat, alle 524 Rezepte aus Childs Kochbuch in einem Jahr nachzukochen.

Kritik:
Bon Appétit. Meryl Streep und Amy Adams kochen sich aus Lebenskrisen heraus und das mehr als 50 Jahre von einander entfernt. Dass ein Film auf gleich zwei wahren Begebenheiten basiert, von denen die spätere durch die frühere direkt beeinflusst wurde, ist schon so etwas wie ein Unikum, und dass es sich bei den literarischen Vorlagen jeweils mehr oder weniger um Kochbücher handelt, bzw. um Lebensgeschichten in Kombination mit dem Kochen, macht die Sache noch interessanter.

Fakt ist: Man sollte eine ähnliche Freude am Essen haben wie die Hauptfiguren, um wirklich Freude am Film zu haben. Noch besser natürlich, wenn man selbst Hobbykoch ist und sich vielleicht auch im TV von den Bioleks und Mälzers dieser Welt zum perfekten Dinner inspirieren lässt. „Julie & Julia“ ist kein Kochfilm, aber ein Film über’s Kochen. Ein Film, deren Handlungsstränge durch Essen und die Zubereitung definiert und geprägt werden. Ohne den Kochhintergrund, wäre so manches Handlungskonstrukt doch etwas fad. Regisseurin Nora Ephron schwelgt nicht in perfekt ausgeleuchteten Nahaufnahmen von Nahrungsmitteln, inszeniert das Kochen aber realistisch, mit einer Prise Humor und lässt die Ergebnisse zumeist so lecker aussehen, dass man tatsächlich Lust aufs Schlemmen bekommt.

Dabei passiert tatsächlich auch etwas abseits des Herds. Die eigentliche Story, die natürlich eng verbunden mit Gourmet-Leckereien und Kochversuchen ist, aber letztendlich auch einfach Einblicke gewährt in zwei Lebensgeschichten; in zwei Lebensphasen, um genau zu sein. Beide Handlungsstränge tragen die Bürde des Realen, des Authentischen mit sich und so ist es immer schwer zu verurteilen, wenn etwas konstruiert oder unpassend erscheinen mag.

Amy Adams Julie-Episode in der Neuzeit macht auf diesem Sektor am ehesten Schwierigkeiten, riecht es doch schnell nach Klischee und folgt bekannten Pfaden. Problemstellung, euphorischer Neubeginn, Erfolgsphase, Zusammenbruch usw. Adams und Chris Messina ist es mit Witz und sympathischem Auftreten zu verdanken, dass man diese Probleme schnell vergessen kann. Adams spielt eine Rolle, die ihr aus „Sunshine Cleaning“ noch halbwegs bekannt sein dürfte. Kurz vor der 30, unzufrieden und festgefahren im Job, finanziell zwar halbwegs sicher, aber mit Träumen, die in einer Wohnung über der Pizzeria noch nicht enden. Adams trifft die richtigen Töne, zwischen Niedlichkeit, Verletzlichkeit und narzisstischem Geltungsdrang, der ganz nebenbei einen klitzekleinen Wink an die moderne Bloggerwelt verteilt. Messina ist als humorvoll-warmherziger Gegenpol gerade richtig und Nebenrollen werden z.B. von so guten Leuten wie Mary Lynn Rajskub versüßt.

Ephron springt zwischen neuem Jahrtausend und Vergangenheit, mit dem Paris der 40er und 50er, durchaus gekonnt hin und her. Tendenziell mit einem leichten Übergewicht für die Julie-Episode, entwickeln sich die Frauenschicksale recht ähnlich, wenn auch natürlich epochenabhängig, und bieten daher so manche Inhaltsparallele. Obwohl auch die ab und an zu forciert erscheinen, da es beim Wechsel dann hier und da nur noch darum geht, die Abstraktion beim Erzählstrangwechsel zu vollenden. Übersichtlich ist es dennoch und die Erfahrungen der Frauen, sich zu verwirklichen, durch eine Leidenschaft zu sich zu finden und auch andere zu überzeugen, werden insgesamt gut verknüpft. Die idealgesteuerte Frau der Moderne und die beschäftigungswütige Frau von damals, die sich mit Witz und Ellenbogen emanzipatorisch gegen Männer durch- und für (amerikanische Haus-) Frauen einsetzt.

Und jedes Mal wenn Meryl Streep die Szenerie betritt, erreicht der Film einen ganz anderen Level, der die Neuzeithandlung doch recht austauschbar und unspektakulär erscheinen lässt. Nicht weil Adams schlecht ist, sondern weil Streep wieder eine dieser Rollen kreiert, die im Gedächtnis bleiben, die eigen- und einzigartig und faszinierend sind. Meryl die Unglaubliche. Ihre Julia Child ist eine ungewöhnliche Figur für sie, die sonst meist kühle, gebrochene und/oder strenge Charaktere spielt. Julia Child ist skurril, amüsant und leicht überdreht. Dass Streep sich nah an der Karikatur bewegt, wird durch eine echte Parodie im TV in der Julie-Episode angedeutet und gleichzeitig entkräftet. Streep gibt eine erstklassige Julia Child. Man mag es exzentrisch nennen, oder einfach lebensfroh. Dass es nicht nur positive Energien gibt, wird durchaus subtil angedeutet und den Rest erledigt Streep mit einer grandiosen Performance. Sei es die ungewöhnliche Sprechweise, das viele Kichern, der Sarkasmus, ihr Koch-Engagement oder ihr Umgang mit ihrem Ehemann Paul. Stanley Tucci veredelt in dieser Rolle mal wieder einen Nebenpart (der Mann verdient eine starke Hauptrolle!), und das ganz leise und fast unangestrengt.

Das ergibt insgesamt ein unterhaltsames, kurzweiliges Hin und Her. Mal dramatisch, mal tragisch, zumeist unaufdringlich humorvoll und mit genügend Ernst und Aufrichtigkeit für die Figuren und ihre Probleme. Highlights, wie Child in der Kochschule oder widerspenstige Hummer, gibt es immer mal wieder. „Julie & Julia“ ist etwas mehr als nur ein „netter kleiner“ Film, wenn auch definitiv kein großes Werk. Erinnerungswürdig macht den Film Meryl Streep und sämtliche andere Sektoren sind immer noch überdurchschnittlich. Sei es die liebevolle Ausstattung in wunderbar warmen Farben und Dekors, oder die unaufdringlich-angenehme Musik von Alexandre Desplat. Das Drehbuch fasst die beiden Frauen gut zusammen, hat seinen besten Moment aber bei der tollen Schlussszene, die geschickt mit Zeit- und Realitätsebenen spielt und so fast Meta-Symbolik erreicht. Ein gelungener Abschluss, zu einem gelungenen Film.

Fazit:
Meryl Streep ist die funkelnde Speerspitze eines insgesamt guten Films, mit sympathischen Figuren, einer gelungenen Emotions-Balance und einigen guten Szenen. Die Pflichtaufgabe, hungrig zu machen und die Kochlust zu entfachen, erfüllt der Film ganz nebenbei auch.

7,5 / 10 

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