BG Kritik:

Wir sind jung. Wir sind stark.


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Wir sind jung. Wir sind stark. (Deutschland 2015)
Regisseur: Burhan Qurbani
Cast: Jonas Nay, Joel Basman, Devid Striesow, Trang Le Hong

Story:
Im August 1992 kam es in Rostock zu brutalen Ausschreitung an einem Asylantenheim. Am Tag, als die angespannte Atmosphäre in Gewalt umschlägt, versuchen ein Politiker, eine vietnamesischer Heimbewohnerin und eine Gruppe rechtsorientierter Jugendlicher ihren Platz zu finden.

Die Ausschreitungen am Rostocker Asylantenheim sind noch immer ein nicht zu unterschätzender Schandfleck in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Euphorie aus Wende und Wiedervereinigung war verflogen und so zierte bald ein hässlicher Riss das bemüht positive und harmonische Gesicht des neuen Deutschlands. Burhan Qurbanis aufwändig recherchierter Film wirft einen fiktiven Blick hinter die noch immer brenzligen Fakten.

Regisseur Qurbani recherchierte mehrere Jahre lang und schrieb das Drehbuch zusammen mit Martin Behnke.


„Wir sind jung. Wir sind stark“ ist ein Film von geradezu beschämenswerter Aktualität. Viel liegt nicht zwischen den Rostocker Ausschreitungen von 1992 und den Pegida Märschen von 2014/15. Was heute „Integration statt Islamisierung heißt“, schallte 1992 als „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ aus den Kehlen verschiedenster Bundesbürger in Rostock, die wahlweise ihrer Unzufriedenheit, ihrer Angst oder ihrem generellen rassistischem Hass Luft machten. Qurbanis Film trägt die implizierten Fragen nach dem „Wie“ und dem „Warum“ ständig mit sich herum, doch er erliegt nicht der Verlockung nach didaktisch simplifizierten Antworten. Anders als beispielsweise der Film „Der blinde Fleck“, der in seiner aufklärerischen Sucht nach Fakten zum Oktoberfestattentat von 1980 fast zum Stehen kam, weiß „Wir sind jung. Wir sind stark.“ was Kino wirklich sein kann. Über den dreifach aufgeteilten Weg der Fiktion, angereichert mit diversen unterschiedlichen Einzelimpressionen, nähert sich dieser Film effektiv einer greifbaren Ahnung eines eigentlich unbegreiflich komplexen Vorfalls an.

Das heißt nicht, dass wir hier grundlegend Neues erfahren. Wir kennen die Mechanismen, insbesondere aus der Passage mit Devid Striesow als Lokalpolitiker, der angesichts angespannter Zustände und der vermeintlichen „Lose/Lose“ Situation in eine Paralyse der Unsicherheit und Angst verfällt. Es sind Politiker, die sich gegenseitig in Schach halten, die im Büro A sagen und vor TV Kameras B machen, die durch den Gedanken an die eigene Karriere immer in die eine oder die andere Richtung beeinflusst sind. Es ist eine notwendige Perspektive, aber auch der schwächste der drei Handlungsstränge. Zum Glück nimmt dieser Strang auch die wenigste Zeit ein. Vietnamesin Lien lebt mit ihrem Bruder und dessen schwangerer Frau im Sorgen-Wohnkomplex in Rostock-Lichtenhagen. Sie spricht Deutsch und arbeitet in einer Wäscherei, doch zunächst sieht sie sich nicht als Teil des Problems. Die „Zigeuner“, die zu Hundertschaften vor dem „Sonnenblumenhaus“ kampieren, seien das wahre Problem und sie, Lien, wohne ja nur nebenan, wo es keine Probleme gibt. Die unbedacht rassistischen Rufe der kleinen Tochter ihrer deutschen Kollegin ignoriert Lien, die in Deutschland bleiben will. Erst, als sie sich durch eine unvollständige Halbwahrheit selbst schützen muss und den Neo-Nazi Freund besagter Kollegin kennen lernt, erhält Lien ein genaueres Bild dessen, was gerade in den Rostocker Straßen brodelt und kurz vorm Überkochen ist. Auch dann noch, als die Sinti und Roma zum Schutz in Bussen weggefahren werden.

Qurbani ist Sohn afghanischer Einwanderer.


„Deutschland, dein Volk stirbt aus“, singen die Jugendlichen auf dem Weg zum Asylantenwohnheim, um mal ein bisschen Randale zu machen. Die „Oi(nk) Oi(nk)“ Rufe scheinen manchen von ihnen wie melodische Phrasen, nicht anders wie ein „Shalala“ im Fußballstadion. Für manch andere von ihnen ist dieses Lied jedoch Teil der eigenen Identität, ein Ausdruck von Lebensgefühl und Wahrheit als Ansporn, „mal etwas tun“ zu müssen. Bei diesen Jugendlichen liegt Qurbanis Hauptinteresse und das nicht ohne Grund. Nicht nur waren es Jugendliche, die später zu Molotov Cocktails griffen, hier findet Qurbani auch zu seinen effektivsten Bildern und Ideen. Besondere Aufmerksamkeit widmet der Film Stefan und Robbie, die Jonas Nay und Joel Basman mit unterschwelliger Verletzlichkeit oder halbirrer Energie glänzend verkörpern. Im Laufe des Tages werden die Jungs ein paar Stunden auf der Polizeiwache verbracht, einen Kumpel betrauert und einem anderen Kumpel einen Hakenkreuz Sonnenbrand auf der Stirn verpasst haben. Der obligatorische Interessenskonflikt um ein Mädchen (Saskia Rosendahl) ist nur ein weiterer Tropfen Öl im Feuer, wie auch der klar rechte Einfluss von Robbies Bruder. Qurbani sucht den Ursprung von Gewalt aus verschiedenen Perspektiven. Das jugendliche Kokettieren mit antiautoritärer Gewalt und Nazi-Symbolik ist für Stefan und Robbie zunächst noch kein Ausdruck einer verinnerlichten Überzeugung. Während Stefans Vater von seinem Vater eine Warnung über die genealogische Entwicklung politischer Überzeugungen hört, suchen Stefan, Robbie und die anderen der Gruppe ihre Identität und ihren Lebenssinn in einer unsicheren und vermeintlich unfairen Welt. „Kann man nicht einfach nur normal sein?“, fragt Robbie zornig zu Beginn, als er nach seiner politischen Orientierung gefragt wird. Am Ende des Tages, vor TV Kameras, wird er sich anders präsentieren. Dies geschieht an einem Punkt, wenn der Film die faktische Realität der Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen einholt.

„Wir sind jung. Wir sind stark.“ Ist mit einer bildtechnischen Eleganz erzählt, die im deutschen Kino selten ist. Qurbanis Kamera, unter der Anleitung von Yoshi Heimrath, ist ständig in Bewegung. Wir gleiten, kreisen, schweben und fliegen umher, während wir den sich langsam verzahnenden Rädern dieses großen Mechanismus folgen. Die traumwandlerisch losgelöste Kamera und die wunderbar ausgeleuchteten Schwarzweißbilder geben der Handlung einen andersweltlichen Anstrich. Die Unaufhaltsamkeit der kleineren und größeren Geschehnisse, die am Ende zu Gewalt führen, erscheint wie aus einer magisch-unwirklichen Parallelwelt. Qurbani tut gut daran, seine angedeuteten Antworten im Kleinen, in Klischees und Alltäglichkeiten zu suchen, die dank der technisch mutigen Umsetzung und den glänzenden Darstellern Eindruck hinterlassen. So sind Stefan und Robbie nur zwei Jungs, nur zwei Beispiele, die gerade dadurch so gut wirken, da sie nicht ausgewählten realen Tätern entsprechen müssen. Mit der Realität erreicht schließlich auch die Farbe den Film, der in seinen rauschhaften Szenen in und um den Wohnkomplex flirrend intensiv ist. Es ist ein Film mit Feuer im Herzen, der statt „Wie konnte das nur passieren“ Plattitüden vielmehr an Emotionen, Bildern und Stimmungen interessiert ist. So ist auch das aggressive, plumpe, ja beinahe schon polemische Schlussbild in seiner Gänsehaut verursachenden Effektivität der passende Weg, uns zurück in die Realität von 2015 und darüber hinaus zu entlassen.

Fazit:

Ungewöhnlich und ausdrucksstark inszenierte Verarbeitung noch junger deutscher Geschichte. Über die filmisch dramatisierte und fiktive Haupthandlung wirft der Film einen faszinierend anderen Blick auf das hierzulande so beliebte Thema, die eigene Geschichte zu Filmstoffen umzuwandeln. Glänzend gespielt und relevanter denn je.

8 / 10

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