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Kritik:
Kaboom


von Christian Westhus

KABOOM (2011)
Regie: Gregg Araki
Cast: Thomas Dekker, Juno Temple, Haley Bennett

Story:
College-Student Smith (Dekker) will eigentlich nur unbesorgt und mit möglichst großem Spaß seine Jugend genießen. Flexibel, ob er lieber mit Frauen oder mit Männern zusammen ist, geht er seines Weges und hängt mit seiner besten Freundin Stella (Bennett) ab, deren neue Geliebte Lorelei angeblich übernatürliche Stalker-Kräfte entwickelt. Smith indes hat wirre, wiederkehrende Träume, einen homoerotischen aber angeblich total heterosexuellen Mitbewohner und mysteriöse Begegnungen mit einer Rothaarigen und Männern mit Tiermasken. Eine große Verschwörung scheint sich abzuspielen, die das Ende der Welt bedeuten könnte. Mittendrin auch die unkomplizierte London (Temple).

Kritik:
Der amerikanische Independent-Filmer Gregg Araki hat mit seinen schrillen Filmen über die Sex-, Drogen- und Spaß-Gesellschaft der Jugend und jungen Erwachsenen eine kleine Fangemeinde und seinen eigenen Kultstatus etabliert. Wie kaum ein anderer Filmemacher kreiert Araki eine oft übertrieben bunte, mal melodramatische, aber in der Regel unbeschwerte Stimmung, in der vor allem sexuelle Freiheit herrscht. Jeder darf mit jedem, wenn allen (es müssen ja nicht immer nur zwei sein) der Sinn danach steht. Treffenderweise ist er hierzulande aber am ehesten für einen seiner wenigen ernsten Filme bekannt, für das heftige Kindesmissbrauchsdrama „Mysterious Skin“ mit Joseph Gordon-Levitt. „Kaboom“ ist nun eine Rückkehr zum überdrehten, schrillen und durchgeknallten Araki-Stil. Ein Film, der wie eine Mischung aus „American Pie“ und „Donnie Darko“ wirkt, bevölkert mit Personen aus einem Bret Easton Ellis Roman. Na ja, vielleicht weniger reich. Die Welt in „Kaboom“ scheint wie eine hemmungslos überstilisierte Traumversion des eh schon popkulturell mythologisierten College-Bildes der USA. Partys, Drogen, Sex und zwischendurch mal ein bisschen was lernen, wenn man denn die Zeit dafür hat. 

Mit frechen Dialogen, eigenwilligem Humor und einer „alles kann, nichts muss“ Sicht auf die sexuelle Überpotenz der Jugend, inszeniert Araki den College-Campus und das Leben darin als groteske Sci-Fi Soap. Seine Helden sehen aus wie Kunst-Studenten, nicht nur Stella, die hier tatsächlich eine ist. Fransige Haare, Eyeliner, Vintage-Klamotten und ein kesser Blick, zwischen Anziehung und „Was glotzt du so?!“ Ablehnung. Kein Wunder, dass sich Smith und London fast zuerst über ihre jeweils eigenwillige Kopfbedeckung näher kommen, ehe einfach mal locker und frei gefragt wird, ob der Gegenüber Lust auf Kopulation hat. Smith verkörpert sexuelle Freiheit mit seiner ganz eigenen Philosophie. Er schläft mit Männern und Frauen, träumt von seinem Dumm-wie-Brot Surfer-Typ Mitbewohner beim Masturbieren, ist aber weder homo, noch hetero und irgendwie auch nicht bi. Nicht freie Liebe, sondern freie Lust propagiert der Film in einer unbekümmerten Art. Das funktioniert, auch weil Arakis Frauenfiguren absolute Volltreffer sind. Frech, cool und selbstbewusst weiß vor allem London, in der Gestalt der wunderbar aufgelegten Juno Temple, genau was sie will. Eine wunderbar feministische Glanz-Szene, wenn London ihrem übereifrigen Bettkollegen erklärt, wie man oral nett zu einer Frau ist. Und dass Smiths beste Freundin Stella von einer halb-dämonischen Schreckschraube mit Psi-Kräften gejagt wird, passt in den irren Film irgendwie auch perfekt rein.

Eine knappe Stunde lang ist „Kaboom“ ein toller Spaß, der zwar nicht immer weiß, was er jetzt will und bei dem nicht immer alles so stilsicher zusammen passt, wie die coole Indie-Musik, bei dem aber Stimmung, Humor und Figuren für gute Laune sorgen. Doch mit zunehmender Laufzeit bewegt sich „Kaboom“ in eine eindeutigere Richtung. Was zunächst eine LSD-Version des Jugendfilms mit metaphorisch überstilisierten Szenen sein könnte, wird plötzlich tatsächlich zu einem Verschwörungsthriller, dem das Träumerische und Unbekümmerte abhanden kommt. Smiths Träume sollen aufgelöst werden, die mysteriöse Rothaarige birgt ein Geheimnis und gnadenlos dämliche Gespräche mit Smiths Porno-Milf-Mutter bringen die Thrillerhandlung weiter voran. Alles, was vorher frei, unbeschwert und jugendlich war, wird plötzlich mit aller Macht verbunden und nach überdrehten Genremustern erklärt. Für die große Auflösung, die Verschwörung hinter den Träumen, den Tiermasken und den Entführungen, fehlt dem Film eindeutig Zeit und Ruhe. Mit einem irren Tempo wetzt man in den letzten 20 Minuten von Twist zu neuer Problematik und nimmt sich dabei nicht nur viel zu großen Themen an, sondern verliert auch fast alles aus den Augen, was vorher funktionierte. Mit Smith, der kurz zuvor Geburtstag hatte und den legendären Club der 18-Jährigen verlassen musste, versucht sich wohl auch der Film an einer Reifung, an einer Verklärung des sagenumwoben-träumerischen College-Lebens zu einem erwachsenen Fakt. Nur ist das alles dämlich, unwitzig, zu gewollt und bisweilen sogar nervig. Im Prinzip fällt der Film nach einer knappen Stunde mehr oder weniger komplett in sich zusammen und bietet nur noch die Erinnerung an den lässigen Auftakt. Schade.

Fazit:
Sexuelle Freiheit in einer kunterbunten, leicht surrealen Gaga-Kulisse, mit Anlehnungen an Teen Comedy, Thriller und Sci-Fi. Eine Stunde lang ein herrlich durchgedrehter Spaß, doch dann löst der Film sein eigenes Mysterium auf und fällt fast komplett in sich zusammen.

5 / 10

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