Kritik:
Kane & Lynch II
Dog
Days
von
Christian Mester
KANE & LYNCH II: DOG DAYS
(2010)
Studio: Io
Interactive
Story:
Gedacht hatte Ex-Soldat Adam Kane Marcus, dass er seinen leicht
soziopathischen Freund James Seth Lynch einfach mal besuchen
fährt, doch kaum ist er in Shanghai angekommen,
fliegen den beiden (unfreiwilligen) Massenmördern schnell
wieder die Kugeln um die Ohren. Es folgt eine turbulente Jagd unter den
Neonleuchten der Stadt hindurch, bis in die letzten Schlupfwinkel der
heruntergekommensten Gassen...
Kritik:
Während der geplante "Kane & Lynch" Kinofilm mit Bruce
Willis noch immer auf sich warten lässt,
veröffentlichte EIDOS vor ein paar Wochen bereits die
Fortsetzung von "Kane &
Lynch: Dead Men": "Kane & Lynch II: Dog Days". Der erste Teil
wurde 2007 von vielen Spielemagazinen dafür gerügt,
spielerisch nur geringe Puste zu haben. Eine Kritik, die
vollends gerechtfertigt war. Das Spiel ist ein nur passabler
Third-Person-Shooter, in dem man als Spieler sehr beschränkt ist: von
Level zu Level geht man ständig hinter irgendwelchen
Säulen,
Tischen und Stühlen in Deckung, um angreifende Gegnerwellen
ins Jenseits zu befördern. Es gibt keine Rätsel, spielerisch keine Abwechslung,
kein Fähigkeitenausbau, kein
Inventar, keine Zeitlupen ala "Max Payne" und nahezu keine
Interaktivität mit der Umwelt. Die Figuren sind nicht einmal
in der Lage zu springen. Auch die
Gesamtspielzeit von nur rund 4 Stunden galt als enttäuschend. Die Grafik? Moderat.
Was den Titel jedoch für Filmfans interessant machte ist die
Tatsache, dass es zwei der markantesten Game-
Figuren der letzten Jahre beinhaltet. Der ruppige Kane und der
durchgeknallte Psychopath Lynch sind im ersten Teil schier großartig, da sie
nur unfreiwillig zusammenarbeiten, teilweise sogar
gegeneinander vorgehen und sich mit ständigen Kommentaren
Kontra geben. Kane gibt den tragischen Vernünftigen ab, der
emotional aufgerührt ist, da es um das Leben seiner
Tochter geht; Lynch ist eine tickende Zeitbombe, eine Art
böser Murdock vom A-Team, der ständig Gefahr
läuft, Kane bedrohlich zu werden, insgeheim für Kane
aber auch nötig
ist, um das Abenteuer zu bestehen. Dieses führt sie
ortstechnisch sehr abwechslungsreich durch die USA, Venezuela, Kuba und
Tokyo. Ebenfalls grandios ist die komplexe Handlung, denn
Kane und Lynch müssen nicht bloß Bösewichte
erschießen. Sie werden von einer geheimen Gruppierung
gezwungen, Gelder aufzubringen, wodurch sie sich
zwangsmäßig auch gegen Cops stellen
müssen - die Zerrissenheit und Not, all das tun zu
müssen, machte "Kane & Lynch: Dead Men" zu einem nicht
unbedingt guten Spiel, aber zu einem hervorragenden
interaktiven Film.
Also "Kane & Lynch II:
Dog Days". Die Spieleentwickler von IO Interactive, die auch die
"Hitman" Reihe gemacht haben, haben sich die harte Kritik am ersten
Spiel
offensichtlich nicht zu Herzen genommen, denn sämtliche
Mängel am Vorgänger tauchen auch im Sequel wieder auf
- nichts ist bereinigt worden. Auch der zweite ist ein
gnadenlos linearer 4-Stunden-Deckungs-Shooter ohne neue
Möglichkeiten, Interaktionen oder spielerischer Abwechslung.
Was den Hundstagen jedoch auch für Filmfans das Nasenbein
bricht, ist die Feststellung, dass auch sämtliche positiven
Aspekte des ersten Teils ignoriert und nicht mehr länger beachtet wurden.
Da wäre die visuelle Abwechslung. "Dead Men" führte
durch
verschiedene Länder und Settings, "Dog Days" spielt
ausschließlich in Shanghai, und da fast nur in immer gleich
aussehenden grau-grauen Gassen und Wohnblöcken, die von
grellen Gelb- und Pinkneontönen beleuchter werden. Abgesehen
von einer
Spielszene, in der Kane & Lynch frisch gefoltert und nackt
fliehen (!), bleibt es beim ständigen Gegnerhorden abwarten
und diese dann abknallen.
Gab es in der ersten Handlung verschiedene emotionale Pfeiler und
obskure Hintergrundfiguren, geht es hier um weit weniger. Prinzipiell
geht es nur darum, dass Lynch einen Gangster verärgert hat und
dieser und andere Mistreiter jeden verfügbaren Mann auf ihn
hetzen. Ähnlich leer fallen die Charakterisierungen dieses Mal
aus: Kane wird lediglich mitgeschliffen und
bekommt überhaupt nichts eigenes zu tun; bei Lynch fehlt das
Unberechenbare, Verrückte, denn er ist nur noch ein
verzweifelter Mann, der sich den Weg zu seiner Freundin
frei killt. Er ist wie Kane aus dem ersten Teil, nur ohne den
unterhaltsamen Verrückten neben sich. Gesprochene
Interaktionen zwischen beiden gibt es viele, doch die beläuft
sich fast nur
noch darauf, dass Kane den ruhelosen Lynch zu beruhigen versucht. Eine
der wenigen Auffälligkeiten des Spiels ist die Wahl der Optik,
denn stilistisch entschied man sich in diesem Fall für eine
Wackelkamera, die den Eindruck machen soll, jemand laufe unentwegt mit
einer Digicam hinter beiden her. In den vielen Actionszenen kann das
durchaus atmosphärisch sein, macht es doch den Eindruck eines
Kriegsgebiets, doch das ständige Gewackel und Gepixele (aus
Stil-, nicht aus Zensurgründen wurden sämtliche Blut-
und Nacktszenen verpixelt) kann beim ein oderen sicher dazu
führen, dass man gewaltige Kopfschmerzen bekommt.
Fazit:
Kennt man den ersten Teil nicht, so ist "Dog Days" ein zwar sehr
actionreicher, aber kurzer und eintöniger Shooter, der spielerisch
sehr einschränkt und wenig Abwechslung bietet. Eintönig und
abwechslungslos ist auch die Handlung, die äußerst simpel
ausfällt und von zahlreichen anderen Konkurrenten weit
übertroffen wird. Kennt man "Dead Men", enttäuscht "Dog Days"
auf der ganzen Linie. Die ganzen Stärken des ersten Teils sind
futsch, einzig die halbwegs unterhaltsame Spielmechanik ist geblieben.
Es ist eine Schmach, dass die filmreifen Elemente des hervorragenden
Vorgängers derart gestutzt wurden..
3,5 /
10
10
- Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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