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Kritik:
Killing them softly


von Christian Westhus

KILLING ME SOFTLY
(2012)
Regie: Andrew Dominic
Cast: Brad Pitt, Scott McNairy, James Gandolfini, Richard Jenkins, Ray Liotta

Story: Zwei Amateur-Kriminelle in Geldnot überfallen überraschend erfolgreich ein illegales Kartenspiel in Unterweltskreisen und liefern gleich noch jemanden ans Messer. Doch die Syndikate sind ihnen auf den Fersen. Man engagiert Jackie Cogan (Pitt), einen Profikiller mit Prinzipien, der die beiden Schmalspurganoven aus dem Weg schaffen soll. Doch das (kriminelle) Amerika von einst hat sich verändert und Cogan hat seine ganz eigene Sicht der Dinge, wie man mit den neuen Umständen umgeht.

Kritik:
Mit „Killing them softly“ liefert der australische Regisseur Andrew Dominic erst seinen dritten Spielfilm ab. Nach dem beinharten Krimi „Chopper“ (2000), der Eric Bana über die australischen Grenzen hinweg bekannt machte, nahm sich Dominic 2007 einer amerikanischen Legende an. Im meisterhaften „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ stilisierte und hinterfragte der Regisseur einen amerikanischen Mythos. Den des Jesse James und den des Western generell, mit all seinen vermeintlichen Helden und starken Kerlen. Figuren am kriminellen Rand der Gesellschaft, Outlaws und Gangster, scheinen Dominic zu reizen, doch das Wesen Amerikas reizt ihn mindestens genau so. Auch „Killing them softly“ nimmt einen Mythos unter die Lupe. Den Mythos vom freien Amerika, vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem jeder das Recht und die Möglichkeit hat, seinen Traum zu leben und sich zu verwirklichen.

„Killing them softly“ ist ein explizit politischer Film. Wir befinden uns im Jahr 2008. Der scheidende Präsident George W. Bush wird verabschiedet und meldet sich in Radio und Fernsehen zu Wort. Der Wahlkampf tobt. Obama gegen McCain. „Change“ lautet die überall übergroß zu lesende Parole des späteren Wahlsiegers und Bush-Nachfolgers im Präsidentenamt. Amerika befindet sich am Scheideweg. Die Wunden von 9/11 sind noch nicht verheilt, die Truppen im nahen Osten noch nicht wieder sicher zu Hause, Osama bin Laden noch frei und lebendig. Dazu innerpolitische Unsicherheiten, die Finanzkrise spitzt sich zu, Arbeitslosigkeit, Staatsschulden und heftige Diskussionen über Etats, Krankenversicherungen und Steuereinnahmen. Das ist die Welt, die Andrew Dominic für die Verfilmung von George V. Higgins’ Roman „Cogan’s Trade“ gewählt hat; die Welt, in der er Gangster und Kleinstganoven um Dollars streiten und töten lässt, wo Geschäfte und Glaubwürdigkeit gewahrt werden sollen, wo jeder um seinen Platz im hart umkämpften Sub-Wirtschaftssystem des organisierten Verbrechens bangt.

In Look, Tempo und der Attitüde mancher Gangster strahlt „Killing them softly“ die Atmosphäre eines 80er Jahre Thrillers aus und doch war lange kein Film so sehr als Fingerzeig für unsere Gegenwart zu verstehen. Unsere Gegenwart ist die Nahzukunft der Filmhandlung; Obamas Amerika. Immer und immer wieder hören wir zusammen mit Jackie Cogan im Radio Ausschnitte aus Wahlreden, blicken im Hintergrund auf den Fernseher und auf Wahlkampfveranstaltungen. Mehrfach rückt Dominic Bush, Obama und McCain mit ihren Reden in den Fokus der Handlung. Cogans Touren, sein Warten auf Vertraute, rücken in den Hintergrund, wenn im Radio über das Wesen der amerikanischen Nation gesprochen wird. Das ist alles keineswegs subtil und feingeistig schon mal gar nicht, aber es kreiert eine Stimmung, eine Umgebung, die die zunächst gewöhnlich erscheinende Thrillerhandlung um mindestens eine Ebene erhöht. Zwei abgewrackte Loser, die zufällig an einen lukrativen Job geraten und mit diesem auch noch Erfolg haben, ehe ihnen ein abgebrühter Alter Hase des Geschäfts im Nacken sitzt, der die Dinge, die sich unrechtmäßig am Unterweltsweltbild verschoben haben, wieder zurechtzurücken soll. Das wäre für sich genommen nicht uninteressant, aber spätestens durch die radikal offenherzige, ja polemische Schlussszene wird „Killing them softly“ zu mehr, zu etwas Diskussionswürdigen. Und sei es nur um zu diskutieren, wie offensichtlich und plump man sein darf.

Brad Pitt, der in Dominics „Jesse James“ eine der besten Rollen seiner bisherigen Karriere hatte, ist wie gewohnt eine großartige Präsenz auf der Leinwand. Er spricht nicht viel, bewegt sich selten sonderlich schnell vorwärts und wartet den halben Film darauf, dass gewisse Leute das tun, was er von ihnen erwartet. Doch Cogan ist ein Mann mit Prinzipien. Sein Prinzip lautet ‚Killing them softly’. Dem zu liquidierenden Opfer nicht zu nahe kommen, nicht räumlich, nicht emotional, es aber auch nicht unnötig quälen. Cogan ist ganz der Profi, doch die beiden Loser, die mit ihrer Aktion mehr Glück als Verstand hatten, bringen Cogans Ideale an ihre Grenzen. James Gandolfini gibt einen alten Kollegen, auf den aber kein Verlass mehr ist. Er hat seine ganz eigene Art mit dieser Welt, die an globaler Finanznot erkrankt ist und vor sich hin leidet, umzugehen und sich noch wie ein Mann des Erfolgs zu fühlen. Und Gandolfini ist in seinen wenigen Minuten ebenso magnetisch wie der ewig sympathische Kotzbrocken Ray Liotta. Obwohl Andrew Dominic zweifellos ein Ästhet ist, ein Mann mit Auge und Gespür für die Wirkung von Bild und Ton, ist „Killing them softly“ ein überaus ruhiger Film, ein überaus langsamer Film, bei dem Action und Gewalt nur logischer Teil der Handlung sind. Trotz herrlich schwarzhumoriger Passagen mit dem wunderbar abgewrackten Gandolfini oder dem schleimigen Liotta, trotz der bewusst überzeichneten Unsicherheit und Minderbemitteltheit der beiden Gangster, trotz eines eigentlich durchweg präsenten Sarkasmus, ist es ein galliger, ein mitunter gar wütender Film, der leise und bedrohlich brodelt und insbesondere daraus seine Faszination zieht. Weit entfernt vom Dualismus aus Destruktion und (mythologisch übersteigerter) Faszination des Gangstertums in „GoodFellas“. Weit entfernt vom schnodderig-ironischen Retro-Gangstertum in „Reservoir Dogs“ oder „Pulp Fiction“. „Killing them softly“ zeigt ein Amerika, in dem Kriminelle, in dem Aussätzige der Gesellschaft, um ihre Existenz fürchten und alles dafür tun, sie zu sichern. So verlangt es das amerikanische Prinzip..

Fazit:
Ruhiger und langsamer Polit-Gangsterfilm mit Diskussionspotential. Stark inszeniert und durchweg gut gespielt, sind es insbesondere die überdeutlich im Film verteilten politischen Ideen und Tendenzen, die hängen bleiben. Das fasziniert, ist manchmal aber auch plump.

7,5 / 10
 

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