BG Kritik:

Kingsman - The Secret Service


von Michael Eßmann

Kingsman - The Secret Service (USA, 2014)
Regisseur: Matthew Vaughn
Cast: Colin Firth, Taron Egerton, Samuel L. Jackson, Michael Caine, Mark Strong

Story:
Inspiriert von den legendären Rittern der Tafelrunde und angeführt von Arthur (Michael Cain), greift der private Geheimdienst Kingsman überall dort ein, wo er gebraucht wird, unabhängig von Staaten und Regierungen. Als einer ihrer Männer bei einem Einsatz umkommt, gilt es sowohl dessen Nachfolge zu klären, als auch den Täter zu überführen. Da sein Vater ihm einst das Leben rettete, wählt der smarte Top-Agent Harry Hart, Codename Galahad (Colin Firth), den Kleinkriminellen Gary „Eggsy“ Unwin (Taron Egerton) als seinen Kingsman-Kandidaten aus, um aus dem talentierten, aber disziplin- und ziellosen Buben einen Gentleman-Agenten zu machen und mit ihm die Bösewichte auszuschalten.

Basierend auf Mark Millers Comic „The Secret Service“, aber mit einigen deutlichen Änderungen in der Handlung.

Kingsman geht mit großer Wahrscheinlichkeit in die Verlängerung.


Ein kugelsicherer Schirm mit allerhand Extras im Griff, explodierende Feuerzeuge und Kugelschreiber mit tödlicher Signatur, Schuhe mit versteckten Klingen in der Sohle und natürlich ein tödlicher Bösewicht mit einer abgelegenen Geheimbasis in einem Berg, inklusive einer im Weltraum stationierten Massenvernichtungswaffe. Klingt wie die Zutaten aus einem Agenten-Film, oder genauer gesagt wie die Zutaten aus einem Agenten-Film vergangener Zeiten. Es sind aber nur einige der Zutaten aus „Kingsman: The Secret Service“. Und wer sich solche und ähnliche klassische Spionage-Film Bestandteile zurück wünscht, der sollte einen genaueren Blick auf „Kingsman: The Secret Service“ werfen, da hier vieles an Bord ist, was Kollege „James Bond“ aktuell nicht zu seiner Einsatzausrüstung zählen darf.

„Kingsman: The Secret Service“ geht also nun den Weg zurück, zurück zu mehr Spaß und überlebensgroßen Bösewichten, mit verrückten Attentätern, gewaltig großen Geheimbasen und Agenten mit explosiven Gadgets. Eine durchaus willkommene Abwechslung zur aktuellen Ausrichtung der Spionagefilme dieser Welt, welchen seit „Bourne“ und „Casino Royale“ ja zumeist eine sehr viel größere Dosis Realismus und sehr viel mehr Ernsthaftigkeit inne wohnt, als noch zu Zeiten eines Roger Moore. Erstaunlich ist, dass er dabei sowohl ungemein klassisch, stilsicher und traditionell, als auch frisch, frech und modern daher kommt. Man wandelt dabei geschickt auf alten Pfaden, betritt andernorts aber auch frisch wirkendes Neuland, und wirkt dabei erstaunlicherweise nie wie ein Abklatsch oder wie simpler Klamauk oder eine platte Persiflage. Das hier ist meilenweit davon entfernt ein „Austin Powers“ zu sein. Hier stimmt die Balance aus Humor und Action, was gleichfalls leider nicht ganz für die ruhigen und absolut nicht ruhigen Momente zutrifft. „Kingsman: The Secret Service“ lebt von seinen überdrehten Action-Momenten voller Gewalt, Spaß und Selbstironie und präsentiert dabei eine wunderbare Meta-Ebene. Aber auf der Kehrseite und in der Filmmitte, - in der vordringlich die Ausbildung von Eggsy und den anderen Kandidaten im Zentrum steht - wird etwas zu weit runter gefahren, und so gestattet die Geschichte der einen oder anderen Länge Zutritt. Diese phasenweisen Momente des Leerlaufs bringen den Film kurz ins Stocken, denn was den Film auszeichnet sind die wirklich großen Momente voller absurder, ja, brutaler Gewalt, die perfekt gestylte und inszenierte Action, aber auch seine Figuren. Denn obwohl größtenteils hemmungslos überzeichnet, gelingt hier das Kunststück, sie trotzdem menschlich und fa­cet­ten­reich, ja, lebendig wirken zu lassen. So sind sowohl der alte Hase Harry Hart als auch Junioragent Eggsy gut gespielt, entwickeln sich und wirken in der dargestellten Welt glaubhaft. Dass die Figuren so interessant und vielschichtig verbleiben, rettet über so manche Länge. Selbiges gilt für so manch markigen und/oder anzüglichen Spruch.

Vom Regisseur von Layer Cake, Stardust, X-Men: Erste Entscheidung und Kick-Ass


Samuel L. Jackson gibt seinen lispelnden Bösewicht als eine aberwitzige (aber hier funktionierende) Mischung aus Bond-Bösewicht Ernst Stavro Blofeld, Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und Gangster-Rapper 50 Cent, geht dabei sichtlich freudig zur Sache, und so kann Lispel Jackson mit dem infantil wirkenden Mann, gar so manche Szene stehlen. Selbiges gilt für dessen Killerin Gazelle (Sofia Boutella) - die ihre Opfer mittels messerscharfer Beinprothesen in zwei Hälften schneidet und an die klassichen Bond Henchman wie Hutschmeißer Oddjob oder den Beißer erinnert. Eine klare Schwäche des Films betrifft das massiv eingesetzte CGI, welches ab und an deutlich besser aussehen hätte dürfen. Der Soundtrack ist Agenten-typisch und funktionell bis genial gewählt. Das Dekor, - und damit die Zitronenschale oder Olive im Martini des Agenten - ist aber die bereits kurz angekratzte Meta-Ebene des Films. Diese rundet ab, macht das Gesehene zusammen mit einer guten Portion Selbstironie geschmeidiger und lockerer, wodurch Geschehnisse in der Filmwelt schlicht besser funktionieren, wie so manche eher abstrus anzusehende Wendung in der Handlung. Und so heißt es im Film selbst, als sich Held und Bösewicht über die klassischen, (natürlich besseren) weniger ernsten Spionage-Filme unterhalten: „Ich liebe jede noch so weit hergeholte Handlung“. Wunderbar, nicht zu aufgesetzt wirkend, damit spielend und funktionell.

„Kingsman: The Secret Service“ ist einer jener Filme, deren Trailer und Werbematerial es nicht gelang, den Film richtig und auf den Punkt anzukündigen. Denn was in den Trailern nichts Halbes und nichts Ganzes zu sein schien, entpuppt sich im Werk als größtenteils sehr stimmig und rund. „Mit Schirm, Charme und Melone“ trifft den klassischen „James Bond“, streift dabei „Austin Powers“ und inszeniert mit der grafischen Gewalt und dem Humor seines „Kick Ass“. So ließe sich wohl Matthew Vaughns „Kingsman: The Secret Service“ kurz zusammenfassen. Bereits mit den direkten Regie-Vorgängern „Kick Ass“ (ebenfalls nach einer Vorlage von Mark Miller) und „X-Men: Erste Entscheidung“ bewies Regisseur Matthew Vaughn seine Befähigung dafür, Action, Story, Figuren und Humor im Einklang bringen zu können, - dabei im Falle von „Kick Ass“ durchaus mal härter und herber zur Sache gehen zu können - und bei all dem doch ein weitestgehend stimmiges Paket abzuliefern. Die Balance, mit der Vaughn auch hier wieder inszeniert ist grandios, und so gelingt es ihm auch scheinbar spielend, aus einer der gewalttätigsten Szenen des Filmes, zeitgleich auch eine der kontroversesten und lustigsten Szenen zu generieren. Etwas, was sicherlich so nicht jedem seiner Kollegen so geschmeidig und stilvoll(!) gelungen wäre, und so merkt man auch diesem Film beinahe jede Minute an, hier einen Matthew Vaughn auf der Leinwand zu sehen. Dem Mann, der uns zuvor u.a. mit der kleinen Chloë Moretz mitfiebern und feiern ließ, wie sie in „Kick Ass“ zu den Klängen des einmaligen Ennio Morricone im Alleingang eine Horde Bösewichte nieder mähte.

So verwundert es nicht, in dem tonal gut vergleichbaren „Kingsman: The Secret Service“ nun im von „Pomp and Circumstance“ musikalisch unterlegten Finale, nun reihenweise Köpfe in Rauch aufgehen zu sehen, ohne dass diese Szene ultrabrutal oder wie Gewaltverherrlichung ausschaut, und eher zum beherzten Griff in die Snacktüte einlädt. Von Splatter keine Spur, denn den Teil klärt Vaughn bereits in einer früheren Szene in einer Kirche für sich. So gelingt es ihm, das schon „X-Men: Erste Entscheidung“ durchziehende klassische Spionage-Gefühl, mit der grafischen Gewalt aus „Kick Ass“ zu kombinieren und zu einem wohlschmeckenden und coolem Mix zu vereinen. Wenn man es allerdings negativ ausdrücken will, so wurde vielerorts schlicht die Erfolgsformel von „Kick Ass“ übernommen und auf britische Gentlemen-Spione übertragen. Wem das nicht stört, der wird eine gute Zeit im Kino haben, denn „Kingsman“ ist - und will ganz offensichtlich auch nicht mehr sein als das - ein aktueller Unterhaltungsfilm der den Gentlemen-Agenten mit Spaß huldigt und zu einer Renaissance verhelfen will. Nur bitte diesmal nicht Jeff Wadlow für ein etwaiges Sequel engagieren, sondern wieder den Meister ran lassen.

Fazit:

Wem die aktuelle Craig-Ära der „Bond“-Filme zu ernsthaft ist, und/oder den Superhelden in „Kick Ass“ gerne zugesehen hat, der wird vermutlich ebenso viel Freude mit den Gentlemen-Agenten in „Kingsman: The Secret Service“ haben, da hier die „Kick Ass“-Erfolgsformel aus grafischer Gewalt und humorvoller und gekonnter Inszenierung, schlicht aber gekonnt übertragen wurde. Ein Film gewordenes, überlebensgroßes und knallbuntes Agenten-Knallbonbon für die Fans von Gentlemen-Spionen mit Schirm, Charme, Stil und Gadgets, die vor expliziter, (über)stilisierter Gewalt nicht zurück schrecken, sowie ein großer Spaß mit kleinen Macken, der eventuell gar das Zeug zum Kultfilm hat, und zeigt, wie aus einem mittelmäßigen Comic, ein wirklich guter Film werden kann.

7,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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