BG Kommentar:

Warum Star Wars nur verlieren und Disney (vorerst) nur gewinnen kann


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!


Kriselt es bei Disney/Star Wars? „Rogue One“, die erste in einer auf absehbaren Zeit endlosen Reihe von Star Wars Spin-Off Geschichten, soll Ende des Jahres in die Kinos kommen, bekam aber nun (06/2016) noch vierwöchige Nachdrehs aufs Auge gedrückt. Nachdrehs sind keine Seltenheit und insbesondere Marvel Studios, die bekanntlich ebenfalls über Disney laufen, haben Reshoots mittlerweile standardmäßig für ihre MCU-Filme eingeplant. Doch wenn es nach dem vorläufigen Abschluss der Dreharbeiten noch einmal vor die Kameras geht, dauert es für gewöhnlich nicht so lange und ist dieser Termin nicht so verhältnismäßig spät.

Laut dem Hollywood Reporter geht es bei den Nachdrehs in erster Linie um den Ton. Etwaige Unstimmigkeiten zwischen Regisseur Gareth Edwards, der jüngst auch die Fortsetzung zu seinem „Godzilla“ absagen musste, und dem Studio mag es geben, doch das offizielle Argument scheint glaubwürdig: „[Rogue One] spielt unmittelbar vor Eine Neue Hoffnung und führt bis etwa zehn Minuten ehe die Handlung des Klassikers einsetzt. Man muss den Ton [von Eine Neue Hoffnung] treffen“, zitiert THR eine Quelle.
Wenn ein Film als Vorgeschichte wirklich nahtlos in einen bereits existierenden Film übergehen soll, von Offensichtlichkeiten wie Effektqualität und Darstellern abgesehen, sollten sich beide Hälften stilistisch schon ähnlich sein. Wenn es ganz unmittelbar zu „Eine Neue Hoffnung“ gehören soll, darf „Rogue One“ nicht wirken wie ein TOS „Star Trek“ Film oder gar „Starship Troopers“. Eine tonale Einheit anzustreben ist für dieses Vorhaben eines erneuten Prequels absolut angebracht.


Doch ist es überhaupt eine gute Idee, diese Geschichte zu erzählen? „Rogue One“ schildert, wie ein wilder Haufen von Schmugglern und gesellschaftlichen Randbewohnern auserkoren wird, um die Baupläne des Todessterns zu beschaffen, die Prinzessin Leia – wie wir ja bereits wissen – erhalten wird, in R2D2 versteckt, der wiederum auf Luke trifft und damit das ganze Tohuwabohu der Ur-Trilogie auslöst. Disney möchte mit den Spin-Offs, zumeist als „A Star Wars Story“ unter- bzw. zwischentitelt, die von George Lucas erschaffene Welt vergrößern, will mehr Geschichten erzählen, sich nicht immer nur auf die Schicksale der Skywalker Familie fokussieren.
Und dennoch ist die erste „Star Wars Story“ ein Film, der dieses dunkle Stigma des Prequels tragen muss. Mehr noch als die Prequel Trilogie, wo die Handlung nur in groben Endpunkten um Anakin, Obi Wan, Yoda, Luke und Leia bekannt war, ist „Rogue One“ eigentlich bereits erzählt. Die Gruppe wird formiert, schließt sich nach anfänglichen Differenzen zusammen und schnappt sich erfolgreich die gewünschten Dokumente. Natürlich ist das Wissen um den Ausgang eines Heldenabenteuers nicht immer von allergrößter Wichtigkeit. Wenn wir „Herr der Ringe“ gucken oder lesen wissen wir, mehr oder weniger, dass der Ring der Macht zerstört wird. Wenn wir „Harry Potter“ gucken oder lesen wissen wir, dass Voldemort am Ende vernichtet wird. Es ist der Aufbau und Ablauf des Abenteuers, es sind die charakterlichen Entwicklungen und Konflikte, die unser Interesse in Anspruch nehmen und uns mit Spannung mitfiebern lassen. Und da stehen selbst „Rogue One“ mit seiner bisher überwiegend unbekannten Heldengruppe sämtliche oder zumindest noch einige Türen offen.

Das Gefühl bleibt dennoch: Disney scheint in erster Linie daran gelegen eine Lücke zu füllen, sich auf Bewährtes zu verlassen. Worum es im zweiten „A Star Wars Story“ Film gehen soll, der wahrscheinlich 2018 in die Kinos kommt? Um die jungen Jahre von Han Solo.

Nun möchte man protestieren und Disney Faulheit unterstellen. Plötzlich spielen weiterführende Gerüchte zu den „Rogue One“ Nachdrehs doch wieder eine Rolle. Disney sei unzufrieden mit ersten Testläufen zu Edwards‘ Film und versuche nun, den von JJ Abrams durch „Das Erwachen der Macht“ gesetzten Standard zu erreichen. Viele deuten dies als Anpassung, als von Profitgier gesteuerten Kontrollwahn, aus der – so wird vermutet – eigenständigen Vision eines Filmemachers ein gleichförmiges Massenprodukt zu machen.
Was auch immer da hinter den Kulissen bei Disney passiert, werden wir Gareth Edwards‘ derzeitige Fassung unter Garantie niemals zu Gesicht bekommen. Bei einem gigantischen Unternehmen wie Disney sind sogar Zweifel angebracht, ob es in naher Zukunft Interviewaussagen von Beteiligten geben wird, die Aufschluss darüber geben, was genau durch Nachdrehs und Anpassung verändert wurde. „Rogue One“ wird, mehr oder weniger, der Film sein, den Disney haben wollte. Für das ehemaligen Maus-Haus bedeutet eine Verringerung charakteristischer Ecken und Kanten für gewöhnlich eine Erhöhung von eingenommenen Dollars. Oder Euros. Oder Yen. Es geht um Geld, wie so oft.


Als George Lucas sein Lebenswerk für ca. 4,5 Milliarden (ja, Milliarden) Dollar an Disney verkaufte, waren viele Fans froh. Zu groß waren die Enttäuschungen mit der Prequel-Trilogie, war der Ärger über ständige Veränderungen an der Ur-Trilogie, und war der Wunsch nach weiteren Abenteuern in diesem facettenreichen Universum. Disney machte vieles richtig, um den teuren Einkauf wieder salonfähig zu machen. Wer mit Namen von Regisseuren halbwegs vertraut ist, hatte JJ Abrams wahrscheinlich selbst ganz oben auf dem Zettel für einen neuen Star Wars Film. Der „Star Trek“ Regisseur machte keinen Hehl daraus riesengroßer Fan zu sein, was anderen Fans, die „nur“ Zuschauer sein können, sehr gelegen kommt. Man holte einige alte Vertraute zurück und besetzte die neuen Helden ganz mutig und ganz 21. Jahrhundert-konform mit einer jungen Frau (Daisy Ridley) und einem dunkelhäutigen Mann (John Boyega). So waren alle zufrieden. – Oder fast alle, denn so manche Ewig-Gestrigen konnten sich nicht vorstellen, wie oder warum „einer wie Boyega“ ein Storm Trooper sein könnte.

Mit der Präsentation der neuen Verantwortlichen vor und hinter der Kamera, darunter auch Ur-Trilogie Drehbuchautor Lawrence Kasdan und die neue Lucasfilm Chefin Kathleen Kennedy, hatte Disney ein gewaltiges, nahezu ausnahmslos positives Moment geschaffen. Selbst ehemalige Kritiker oder solche, die nach den Prequels von Star Wars abgefallen waren, erfreuten sich so langsam wieder an der Aussicht, in dieses so farbenfrohe wie abwechslungsreiche Universum zurückzukehren.
Der erste Teaser-Trailer beruhigte und bekräftigte diese Hoffnung auf lieb gewonnene Vertrautheit. Ein sensationell entworfener erster Trailer besiegelte dann alles und zwar wirklich alles. Lichtschwerter, X-Wings, Vaders Maske, Han Solo sagt „Es ist alles wahr“, die minimal modernisierten Musikthemen – nach dem „Chewie, wir sind zu Hause“ des Teasers war dieses Werbefilmchen die Bestätigung eines Versprechens. „Wir geben euch das, was ihr wollt“, rufen Disney und JJ Abrams dem Fan zu. Ab diesem Moment stand fest, dass das Publikum genau diese nostalgische Vertrautheit gesucht hat, dass der Film ein finanzieller Megaerfolg wird, dass per Merchandise Milliarden erwirtschaftet werden können, und dass das weitere Star Wars Kinoversum diesen Weg der nostalgischen Vertrautheit weiterverfolgen wird.

Der fertige Film erhielt tatsächlich mehr kritische Stimmen, als man hätte erwarten können. Der zu weiten Teilen in seinen Handlungskernpunkten deckungsgleiche Inhalt im Vergleich zu „Eine Neue Hoffnung“ wurde mehrfach kritisch bemerkt und angesprochen. Doch diese Extremform des Vertrautheitsgefühls war vielerorts auch genau der Grund, warum man mit „The Force Awakens“ zufrieden war. Mit über zwei Milliarden Dollars an den Kinokassen, gewaltigen Merchandise Einnahmen, mit immerhin fünf Oscarnominierungen, mit einem Kritiker Konsens ganz entspannt im grünen Bereich, sowie allgemeinem Zuschauer- und Fan-Zuspruch auf IMDB und sämtlichen SW-Fanseiten kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass der Film sein Publikum gefunden hat und dieses Publikum nach mehr giert.


Zuschauer und Fans haben Disney das Gefühl gegeben, mit dem eingeschlagenen Weg alles richtig gemacht zu haben. Warum also etwas daran ändern? Nun tarnt Disney das unflexible, künstlerisch und erzählerisch eingeschränkte, aufs reine Produktdenken ausgerichtete Unternehmen namens „Star Wars“ als Fan-Service Projekt. Fan-Dasein, heute mehr denn je an Reproduktion und Vorführung von optischen und oberflächlichen Details interessiert, lässt Herzen schneller schlagen, wenn gewisse Objekte, Orte oder Personen auftauchen. Disney weiß dies gleich doppelt zu nutzen. Nicht nur [Achtung, „Erwachen der Macht“ Spoiler] gibt uns die plumpe Todesszene von Han Solo das Gefühl, ganz doll emotional bewegt worden zu sein, ein junger Han Solo steht schon in „Rogue One“ wieder bereit und wird übernächstes Jahr seinen eigenen Film erhalten. Der Charakter wird für eine emotionale Szene geopfert und sofort wieder regeneriert. Das Fan-Interesse an Oberflächlichkeiten weckt zwar Zweifel an Han-Darsteller Alden Ehrenreich, da dieser nun mal nicht Harrison Ford ist, doch Disney wird auch hier wieder wissen, wie man Altes neu machen und gewinnbringend vermarkten kann.

Disney, wie jedes Unternehmen, welches ein teures Produkt auf den Markt bringt, braucht den Zuspruch der Fans, weiß diesen aber auch gekonnt zu beeinflussen. Manch idealistischer Fan ist womöglich enttäuscht, dass Disney dieses Universum so stark als gewinnorientiertes Produkt sieht, statt als kreative Grundlage für spannende Geschichten. Doch Geld ist im Kino immer ein Faktor und wenn etwas so viel Geld kostet und – wichtiger noch – so viel Geld einbringen kann, muss jedes kleinste Detail konfiguriert und auf größten Massenzuspruch ausgerichtet sein. Obwohl da ohne Frage eine Vielzahl von Faktoren ins Spiel kommt, ist es schon verwunderlich, dass die Disney Aktie fiel, als „Das Erwachen der Macht“ mit Rekordzahlen durchs Kino fegte. Star Wars war eine gewaltige Investition und hat gewaltiges Potential; mit so etwas wird gehandelt und gerechnet und geschätzt, also werden immense Erwartungen geschürt. Disney kann es sich kaum leisten, einen Gareth Edwards einfach machen zu lassen, um einen weniger massenkompatiblen Film zu machen, der in der Spitze vielleicht positivere Kritikerreaktionen hervorruft, der insgesamt aber weniger Geld erwirtschaftet als möglich wäre. Und das Geld kommt nicht allein über Kinotickets, sondern beinhaltet Merchandise, Logo- und Werbelizenzen und eben den undurchsichtigen Aktienmarkt.


Ein neuer Star Wars Film muss immer nur so gut sein, um ein theoretisches Maximum an Menschen anzulocken und soweit zufrieden zu stellen, dass sie auch beim nächsten Mal wieder gewillt sind.

Zweifel, „Rogue One“ könnte weniger als eine Milliarde Dollar einspielen, gibt es kaum. Wenn 2017 der von Rian Johnson inszenierte „Episode VIII“ in die Kinos kommt, wird das Doppelte erwartet, und es gibt kaum einen Grund zu glauben, dieses Ziel könnte verfehlt werden. Mit „Episode VIII“ werden, mehr noch als mit „Rogue One“ die bereits etablierten Gesichter neu vorgestellt und interessant gemacht, um im Weihnachtsgeschäft sämtliche Kaufhäuser der Welt zu dominieren. Star Wars muss für Disney im Gespräch bleiben und wird dies vorerst auch. Bis 2021 wird es jedes Jahr einen neuen Film aus dem Universum geben, der dabei immer gerade so „neu“ ist, dass sich jeder sofort heimisch fühlt. Bloß keine Abweichungen, bloß keine Ausbrüche wagen, sich auf das verlassen, was funktioniert hat – so lautet das Mantra, denn nach 2021 soll es logischerweise weitergehen. Die Theorie ist, es wird Star Wars geben, solange es das Kino gibt. Und wenn wir irgendwann nicht mehr öffentliche Lichtspielhäuser zur Filmvorführung besuchen, wird Star Wars auch die virtuellen Welten des subjektiven VR-Medienkonsums beleben.

Disney wird Geld machen, wird die sprichwörtliche Kuh so lange melken, bis Fell und Knochen zu Staub zerfallen. Und dieser Tod auf Raten ist vorprogrammiert, ist von Disney wissentlich initiiert. Der Reiz von Star Wars lag immer auch im begrenzten Output. Romane und Videospiele erreichten nie den Massenzuspruch, den die Filme hatten, und so sind sechs Filme (die beiden Ewok Filme nicht mitgerechnet) in rund 40 Jahren sehr überschaubar. „Absence makes the heart grow fonder“ heißt ein Sprichwort; Abwesenheit lässt die Zuneigung größer werden. Wir sehnten uns nach einem neuen Star Wars, weil es mal wieder Zeit wurde, weil wir nicht täglich damit zugeballert wurden und weil die letzte Begegnung nicht erfreulich genug war, als dass sie die letzte hätte sein dürfen. Nun bekommen wir jedes Jahr das, was wir als zurechtgebogene Masse wollen bzw. was Disney uns wollen lässt. Jedes Jahr gibt es einen neuen, technisch hochwertigen, inhaltlich altbewährten und mal mehr, mal weniger sympathisch besetzten Film. Star Wars ist eine, wenn nicht gar die größte Popkultur Marke der Welt und aller Zeiten. Star Wars hat Generationen geprägt, beeinflusst, inspiriert und zusammenfinden lassen. Unter der Disney Flagge wurde der Turbo gezündet; Star Wars brennt stärker als jemals zuvor. Bald schon wird dieses weit entfernte Universum aus längst vergangener Zeit ausgebrannt sein. Bald schon wird Star Wars ein Franchise und Massenprodukt wie viele andere sein, vielleicht erfolgreicher als manche, jedoch nicht länger dieser Stern am Firmament der Popkultur. George Lucas hat Star Wars unsterblich gemacht. Disney schickt sich an, das Gegenteil zu beweisen.


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