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Kritik:
Le Havre


von Christian Westhus

LE HAVRE (2011)
Regie: Aki Kaurismäki
Cast: André Wilms, Kati Outinen, Blondin Miguel

Story:
Als alter Hase im Geschäft weiß Marcel Marx wie der Hase läuft. Als Schuhputzer in der französischen Stadt Le Havre pendelt er zwischen Bahnhof und Hafen, um Schuhe zu putzen. Im Hafen wird unterdessen ein vergessener Container entdeckt, in dem sich Flüchtlinge aus Afrika befinden, die eigentlich nach London wollten. Der junge Idrissa entwischt den Behörden und trifft bald auf Marcel Marx und dessen skurrile Nachbarn. Eigentlich will Marx Idrissa helfen, aber ausgerechnet jetzt wird seine Frau Arletty überraschend ins Krankenhaus gebracht.

Kritik:
Themen der Zeit. Menschen aus ärmeren Ländern suchen Zuflucht in den vermeintlich wohlständigen und chancenvollen reichen Ländern. Und in der letzten Hoffnung, eine Idee einer fernen Gerechtigkeit nahe zu kommen, schmuggeln sich viele Menschen unter widrigsten Umständen in die Fremde. Ein ganz besonders auch politisches Problem, welches gerade dieses Jahr wieder mehrfach im Fokus des Interesses stand. Irgendwie verwunderlich aber, dass sich ausgerechnet Aki Kaurismäki diesem Thema filmisch annimmt. Der finnische Altmeister der absurd-melancholischen Dramödie ist nicht unbedingt für filmisches Augenöffnen in politischen Dingen bekannt. Daher wundert es im tatsächlichen Film dann auch umso weniger, dass das politische Thema unpolitisch angepackt wurde. Kaurismäki wählt eine lockere, bisweilen ironische Stimmung, die stets ein wenig irreal und magisch wirkt, ohne je total verkitscht, sentimental oder unrealistisch zu werden. So verweigert sich der Film aber auch, trotz realer Nachrichtenszenen von der Zerstörung eines berühmten Flüchtlingsdorfes, klaren Aussagen oder eines klaren Blicks auf das politische Problem. Vielmehr ist es eine optimistische Episode innerhalb eines politischen Problems. Kaurismäki kehrt nach ein paar Jahren der filmischen Abstinenz wieder nach Frankreich zurück und begleitet den alternden Schuhputzer Marcel Marx auf seinen Streifzügen durch die Hafenstadt Le Havre. 

Kaurismäki kehrt auch zur Figur des Marcel Marx zurück, der schon 1992 in „Das Leben der Bohème“ auftauchte. Ebenfalls verkörpert durch den charismatischen André Wilms. Eklatant wichtig ist diese Verbindung und Doppelung allerdings nicht. Marcel führt ein einfaches Leben, streift auf der Suche nach Kundschaft durch die Stadt und stoppt immer mal wieder in Kneipen, um ein Gläschen Wein zu trinken. Und es wird viel getrunken und noch mehr geraucht. Wie ein Schlot. Ein permanenter blauer Dunstschleier umgibt die niedliche kleine Siedlung, in der Marcel mit seiner Frau Arletty wohnt, mit dem Mann vom Gemüseladen, der Bäckerin und der Wirtin ebenso auf du ist, wie mit dem chinesischen Schuhputzkollegen Chang, der eigentlich Vietnamese ist. Blau und grau sind die vorherrschenden Farben, auch von dem kleinen „Puppenhaus“, in dem Marcel und Arletty mit Hündin Laika wohnen. Und in diesen ruhigen Mikrokosmos der einfachen Leute tritt der flüchtige Idrissa aus Gabun und mit ihm die Polizei und die Einwanderungsbehörden.

Es ist eine sympathische kleine Welt in dem ansonsten so übergroßen Le Havre. Nicht zuletzt dank gut getimter Nebenhandlungen, die der ohnehin schon zweigeteilten Haupthandlung nicht die Luft zum Atmen nehmen, entsteht eine durchaus enge Sympathie-Bindung zum kauzigen Personal der Siedlung. Auf dem Papier wirken die Figuren authentisch, lebendig und nachvollziehbar, doch Kaurismäki stilisiert sie ganz dezent ins Irreale. Die durchweg gut aufgelegten Darsteller geben Worten und Gesten stets eine Spur Ironie, einen Hauch Theatralik mit auf den Weg. Mal gewitzt, mal irritierend, wird dem politischen Störfall die Dramatik genommen. In der Presse machen Idrissas Verschwinden und die erfolglose Suche der Polizei viel Wirbel, doch Kaurismäki vermeidet ganz gezielt, einen zu schweren, zu ernsten Film zu machen. Es ist eine ganz eigen- und einzigartige Mischung aus verschiedenen Versatzstücken, die irgendwo (Senioren-)Drama ist, Sozialdrama, Tragikkomödie, Kriminalfilm und Politthriller. Das alles in der gekonnten Kaurismäki-Mixtur ergibt ein ganz eigenes Stimmungsdurcheinander, das ungemein gut funktioniert. 

Beispielsweise die trocken schwarzhumorige Einstiegsszene mit einem Schuhputzkunden, der „ja immerhin bezahlt“ hat, ist so ein kleines Stimmungsunikat. Mit Hut und Mantel zieht ein Kriminalbeamter durch die Straßen und stellt in den Bars und Läden neugierig Fragen, erhält von einem anonymen Nachbarn Infos. Das erinnert an den Film-Noir, an Jean-Pierre Melville und ist doch immer mal wieder einen Spur ins Absurde verdreht. Marcel Marx wird indes wie selbstverständlich zum Polit-Aktivisten, macht sich gezielt auf die Suche nach Helfern und Verwandten von Idrissa, während er sich wie ein kleines Kind in romantischer Sorge um die erkrankte Arletty kümmert. Ein leiser Film, mit ebenso dezent hervortretenden Humor und ein paar Abzweigungen durch den Genre-Film. Das macht rundum Spaß und regt dennoch ausreichend an, über Menschenrecht und Staatenflucht zu reflektieren. So was nennt man für gewöhnlich „nett“. Letztendlich bietet „Le Havre“ humanistischen Gutmenschenoptimismus, ohne die vollkommen unrealistisch sentimentale „Alles wird gut“ Tour manch anderer Filme zu fahren. Mit zunehmender Laufzeit nähert man sich dennoch märchenhaftem Kitsch in Reinkultur an. Aber was wäre es denn auch für eine zynische Moral gewesen, wäre es anders gekommen?

Fazit:
Ein politischer Film, der nicht politisch ist. In der schwer kopierbaren Kaurismäki-Stimmung, prallen Tragikkomödie, Kriminalfilm und politisches Drama aufeinander. Leise humorvoll, ein wenig ironisch und durchweg sympathisch, mit einem gezielt überoptimistischen Blick auf sein Grundthema und auf die handelnden Personen.

7 / 10

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