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Kritik:
Les Misérables


von Christian Westhus

LES MISÉRABLES
(2013)
Regie: Tom Hooper
Cast: Hugh Jackman, Russell Crowe, Anne Hathaway, Eddie Redmayne, Amanda Seyfried, u.a.

Story:
Das berühmte Musical, frei nach Victor Hugos Roman: Frankreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert. Jean Valjean (Jackman) stahl aus Not ein Brot und musste für viele Jahre ins Gefängnis. Auch nach seiner Freilassung sitzt ihm der strenge Polizist Javert (Crowe) immerzu im Nacken. Die Leben aller Beteiligten ändern sich, als Valjean auf die gefallene Arbeiterin Fantine (Hathaway) trifft, die sich um das Leben ihrer kleinen Tochter Cosette sorgt.

Kritik:
Wenn ein nicht allzu großer, dafür finanziell erfolgreicher Film auch noch Oscars en masse abräumt, hat der Regisseur danach um ein Vielfaches mehr Spielraum. Tom Hooper nahm sich nach dem Erfolg von „The King’s Speech“ einer Film-Adaption des seit vielen Jahren unfassbar erfolgreichen und oft gar kultisch verehrten Musicals „Les Misérables“ an. Hooper bekam ein üppiges Budget und versammelte ein internationales Ensemble, zumeist bestehend aus etablierten Filmschauspielern, nur vereinzelt mit Theater-/Musicalschauspielern besetzt. Bei der Umsetzung wollte Hooper als Regisseur nicht hinter Musik, Text und Schauspiel zurückstecken und sah sich augenscheinlich genötigt, „Les Misérables“ immer mal wieder zu einem Regiefilm zu machen. Ein origineller und durchaus effektiver Kniff war es, den Gesang mit Live-Ton aufzunehmen, als Teil der Darbietung vor der Kamera. Auf ein Nachsingen unter den akustisch abgesicherten Bedingungen eines Tonstudios wurde verzichtet, um die Darbietung direkter, intensiver und realistischer werden zu lassen. Es ist eine stilistische Entscheidung, die überwiegend aufgeht. Etwas, das man von vielen anderen Regieeinfällen nicht behaupten kann. 

Hooper hatte schon in seinen vorherigen Filmen einen Hang zu aufdringlichen Close-Ups und ungewöhnlichen Perspektiven. Mit seinem neuen Film treibt er es jedoch auf die Spitze. Immer wieder ist er viel zu nah dran an den Gesichtern, will jedes zweite Wort zum großen emotionalen Erlebnis machen. Und das in einem Film, der ohnehin schon alle Mühe hat, den überbordend emotionalen Pathos seiner Musik unter Kontrolle zu halten. Mit jedem Lied, insbesondere den intensiven Solos oder den packenden Gruppenszenen, will Hooper Emotionen um jeden Preis. Nicht zuletzt deshalb sah er sich wohl zu seinem zweifelhaften Inszenierungsstil gezwungen. Wenn aber auch alle zehn Minuten ein Moment mit Wucht auf die Leinwand gebracht wird, der in anderen Filmen das große Finale darstellt, gerät das gesamte Konstrukt ins Wanken. Mehr als gewollt durchschaut man die Illusion, während Nachfolgeszenen der großen Nummern erst darauf warten müssen, dass sich der Zuschauer davon erholt hat. Manche Szenen lässt Hooper derart bühnenhaft enden, dass man nur auf Applaus vom Band wartet. Da dieser nicht kommt, entsteht ein eigenartig künstlicher Verfremdungseffekt. Ein Verfremdungseffekt neben dem unangenehmen Gefühl der bisweilen absurden Perspektiven, die wenig bis keinen narrativen Zweck erfüllen. Neben der häufig unruhigen Kamera, dem mehrfach irritierend harten Schnitt, und ganz besonders der vielen frontalen Close-Ups, mit Darstellern, die mehr oder weniger direkt in die Kamera schauen und singen. Es soll Intimität schaffen und bewirkt das genaue Gegenteil.

Dennoch vermag es Tom Hooper hin und wieder wirklich zu begeistern. Ganz besonders bei Anne Hathaways „I dreamed a dream”. Hathaway ist zwar kaum eine Viertelstunde im Film, aber diese drei, vier Minuten, rund um das vielleicht bekannteste Lied des gesamten Musicals, rechtfertigen nahezu jede Euphorie, jeden Lobgesang und jede Auszeichnung, die Hathaway dafür entgegengekommen ist. Hier aber hat auch Tom Hoopers Stil seine Berechtigung. Er verzichtet komplett auf Schnitte und setzt Hathaway gnadenlos in den Close-Up, die sich emotional hemmungslos verausgabt. Auch profitiert kein anderes Gesangsstück so sehr von der Live-Aufnahme wie dieses, wenn Hathaway immer wieder lebendig und fühlbar aufgewühlt zwischen Schluchzen, Wimmern, Weinen und Brüllen changiert. Ein Gänsehautmoment. Es ist aber auch das viel zu frühe Highlight eines Films (gefühlt nach kaum einer halben Stunde), der nicht erneut so intensiv wird. Nur – ganz passend – die Schlussminuten können mit einer Mischung aus kitschiger Rührseligkeit, Pathos und Wucht noch einmal packen. Samantha Barks‘ Version von Éponines traurigem „On my own“ ist ein weiteres Highlight, wenn es auch gegen die finstere Lyrik und das intensive Schauspiel in Hathaways Nummer keine Chance hat. Die musikalische Dauerbeschallung, die nicht immer ganz sauber zwischen Personen, Orten, Tagen und Jahren wechselt, funktioniert verblüffend gut, wenn konkurrierende Melodien übereinander gelegt werden. Beispielsweise beim Sing-Duell von Jean Valjean gegen Javert, wenn Marius, Cosette und Éponine sich treffen, oder das donnernde Ensemble-Hin-und-Her „One Day more“. 

Hugh Jackman als Hauptfigur Valjean ist sehr kraftvoll. Es ist eine schwierige, aber auch sehr dankenswerte Rolle. Jackmans Gesang ist zum größten Teil gut, seine dramatische Darbietung vielleicht der Höhepunkt seiner bisherigen Schauspielkarriere. Eine positive Überraschung ist auch Eddie Redmayne, dem man vorher vielleicht weder das überzeugende Schauspiel, noch die mehr als überzeugende Stimme zugetraut hätte. Der erste Liebessingsang mit Cosette gehört musikalisch zu den eher schwächeren Nummern, aber als junger Mitkämpfer in den Widerstandswirren (sehr stark: „Red and Black“) macht er eine tolle Figur. Überhaupt sind die Darsteller gut. Helena Bonham Carter und Sacha Baron Cohen wirken als tückisches Comic Relief Ehepaar nicht immer passend zum Restfilm, sind für sich genommen aber in Ordnung, wie auch Amanda Seyfried, die mit ihren großen Augen und der fragil-hohen Stimme gut zu ihrer Cosette passt. Russell Crowe ist leider der Schwachpunkt im Ensemble und das nicht nur gesanglich. Doch auch er fällt nie so stark ab, dass es das Gesamtgefüge des Films wirklich stört. Das schafft Tom Hooper schon alleine. 

In Hoopers „Les Misérables“ steckt ein grandioser Film, das Potential für mehr ist da, aber ganz hervorbringen kann er es nicht. Die Schauwerte sind groß, Kostüme und Kulissen sind prachtvoll, das Musical an sich, d.h. die Musik und die Texte, sind unbestreitbar mitreißend und von unwiderstehlicher Eingängigkeit. Auch aus den Darstellern holt Hooper Enormes heraus, was zeigt, dass er sein Handwerk durchaus versteht. Zwischen Hathaways zentraler Szene und dem Ende gibt es dennoch allerhand Leerlauf, gibt es trotz immensem Aufwand wenig Ertrag, der über die stilistischen Irritierungen hinwegtröstet. Zur Irritierung trägt stattdessen bei, wie in dieser sehr englischen Adaption beispielsweise mit dem Französischen des Texts umgegangen wird. Die Aussprache der Namen oder Worte wie „Monsieur“ stört, ebenso wie Sacha Baron Cohen, der in einer Szene plötzlich aus Spaß mit französischem Akzent singt. In einem Musical, das zu 95% aus gesungenen Worten besteht, ragen die wenigen normal ausgesprochenen Passagen und Sätze ebenfalls auffällig heraus. Man wundert sich noch, warum der Satz nicht gesungen wurde und im selben Atemzug setzen Musik und Gesang schon wieder ein. 

Dass aus Victor Hugos komplexer politischer Gesellschafts- und Charakterstudie hier ein zuweilen kitschiges Melodrama geworden ist, muss man hingegen nicht diesem Film anlasten, der ja gar nicht behauptet, Hugos Roman zu verfilmen. Anzumerken ist dennoch, dass das politische Szenario in Frankreich ein wenig beliebig wirkt. Die politischen Konflikte und Dimensionen wurden eingestampft, werden oftmals kaum wirklich klar. Menschen hungern und verarmen, und auf den Straßen steht alles kurz vor der Explosion, die unweigerlich kommen wird und kommen muss. Viel mehr nimmt man vom historisch-politischen Rahmen der Geschichte nicht mit. Emotionen und das Personal sind wichtiger, will doch jede größere Figur mindestens einen erinnerungswürdigen Auftritt, mindestens ein schmuckes Solo haben. Dass durch die vielen in die Länge gezogenen Musikmomente häufig auch der Raum für tatsächliche Charakterisierung und Entwicklung fehlt, merkt man schnell abseits von Jean Valjean. Für das verzwickte Liebesdreieck Cosette-Marius-Éponine fehlt zum Beispiel schlicht und ergreifend das Material, um wirklich grundlegend zu bewegen, statt nur oberflächlich zu affektieren. Zwar sorgen die brutal offenen Monologe und Gespräche der Lieder dafür, dass wir ausreichend über den Seelenzustand der drei Liebenden erfahren, aber gesehen haben wir davon kaum etwas. So stehen nahezu alle weiteren Figuren in Jean Valjeans übergroßem Schatten und der Film rettet sich damit, dass er die Übergröße der Figur Valjean anerkennt und forciert. Das geht eleganter, ist aber effektiv.

Fazit:
Mit fantastischen Darstellern, prachtvollen Kulissen und der grandiosen Musik des Musical-Dauerbrenners hätte Tom Hoopers Film-Adaption das Zeug zum richtigen großen Wurf. Doch ein paar fehlgeleitete Regieeinfälle, die mehr irritieren als involvieren, und ein nicht immer ausgewogen fesselndes Script verhindern dies. Sehenswert ist der Film aber allemal.

6,5 / 10

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