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Kritik:
Liberace - Zuviel des Guten 

ist wundervoll


von Christian Westhus

BEHIND THE CANDELABRA
(2013)
Regie: Steven Soderbergh
Cast: Michael Douglas, Matt Damon, Rob Lowe, Dan Aykroyd

Story:
Die späten Jahre des exzentrischen Las Vegas Entertainers Liberace (Douglas), der Ende der 70er und Anfang der 80er seine Homosexualität hinter einer Fassade aus Glitz und Glamour versteckt. Als Liberace den jungen Scott Thorson (Damon) trifft, holt er ihn zu sich ins Haus und ins Bett. Thorson wird Teil der unwirklichen Luxuswelt der Superreichen, doch es scheint, als sei Scott nicht der erste junge Mann in dieser Rolle. Und vielleicht auch nicht der letzte.

Kritik:
Das TV-Ereignis des Jahres. Oder so. Obwohl Regisseur Steven Soderbergh einen finanziell mehr als annehmbaren Lauf hatte, obwohl er mit Matt Damon und Michael Douglas schon zwei zugkräftige Stars im Schlepptau hatte, und obwohl der Film in der Produktion nicht gerade Unsummen verlangte, stand man am Ende trotz eifrigen Klinkenputzens ohne Ertrag da. Kein Filmstudio wollte „Behind the Candelabra“ (Originaltitel) produzieren. „Zu schwul“, zitierte Soderbergh den einhelligen Tenor, der die Absagen begleitete. Und das, obwohl wir uns doch post-Brokeback-Mountain und im 21. Jahrhundert befinden. Also ging man zum Fernsehen, genauer zum Pay-TV Branchenführer HBO, der das Filmprojekt dankend übernahm und Soderbergh ein Schlupfloch ermöglichte, trotz Ankündigung des Karriereendes doch noch einen Film zu drehen, denn ein TV-Film ist kein Kinofilm. Außerhalb der USA kommt der Film nun dennoch in die Kinos, feierte seine Premiere sogar auf dem ruhmreichen Festival von Cannes. Ein gezielter Konter gegen das TV-Film Stigma, zudem Indiz für die Qualität des Films und für den Stellenwert von Steven Soderbergh, der in den angeblichen letzten Jahren seiner Karriere so kreativ, schnell und abwechslungsreich arbeitete, wie kaum einer seiner Kollegen. Und das bei durchweg hoher Qualität. 

„Liberace“ beweist einmal mehr, wie gut der Regisseur es versteht, verschiedene Stile und Töne zu mischen. In einer Dynamik, ähnlich dem Stripperfilm „Magic Mike“, sehen wir im einen Augenblick noch Liberace auf der Bühne. Soderberghs Kamera (der Wechsel zum Fernsehen lässt den Film im Vergleich zu den letzten Soderberghs eher schöner aussehen) ergeht sich an den obszön überladenen Dekors und Kostümen, an dem Geglitzer und Gefunkel der Bühnenshow, und im nächsten Augenblick schmeißt man uns mitten in die mal zärtlichen, mal frustrierenden „Szenen einer Ehe“ zwischen Liberace und seinem jungen Begleiter Scott. Ohne da gezielt und polemisch den Finger drauf zu legen, entwickelt Soderbergh ein Gespür für das gestörte Beziehungsverhältnis zweier Männer, das einerseits aus den individuellen Charakteren entsteht, andererseits auch als politischer Kommentar fungiert. Wenn es keine rechtmäßig und gesellschaftlich anerkannte „Schublade“ gibt, in die man diese Beziehung stecken kann, entstehen Risse. Die Beteiligten entwickeln eigene Schubladen. „Liberace“ ist – neben anderen Dingen – ein soziopolitischer Problemfilm, der sich eigentlich nie wie ein Problemfilm anfühlt. Zu elegant und leichtfüßig die Inszenierung, zu ehrlich emotional das Beziehungsdrama.

Liberace, von seinen Freunden Lee genannt, spricht es selbst aus: Er will für Scott Vater, Bruder, Geliebter und bester Freund zugleich sein. Statt zu heiraten, will Lee den jungen Mann adoptieren und um ihn auch wie einen Sohn aussehen zu lassen, soll mit plastischer Chirurgie nachgeholfen werden. Als überkandidelter Chirurg Jack Startz, der schon etwas zu häufig selbst unterm Messer lag, hat Rob Lowe einen grandiosen Gastauftritt. Schrill, grell und überzeichnet, ehe uns Soderbergh mit nonchalant direkten Chirurgie-Szenen zurück auf den Boden der Tatsachen holt. Es gibt mehrere kleinere und höchst effektive Einwürfe, mit denen Soderbergh mal unbemerkt Gift verspritzt, sarkastisch humorvoll kommentiert oder den Blickwinkel erweitert. Ein später Blick auf eine Zeitungsschlagzeile leistet mehr, als nur einen historischen Kontext zu schaffen. Spätestens mit der auferlegten optischen Veränderung Scotts sieht dieser Liberace mit anderen Augen und bleibt doch bei ihm. Bei all den penibel recherchierten, wunderbar ausgestatteten und schmissig inszenierten Szenen auf der Bühne oder bei den Erkundungstouren durch Liberaces ähnlich gigantomanisches Domizil, geht es trotzdem ganz zentral um die Beziehung mit Scott und um Scott im Speziellen. 

Soderbergh und Drehbuchautor Richard LaGravenese bemühen sich, Liberace nicht zu sehr als Monster darzustellen, vermeiden aber auch, ihn vollends naiv sympathisch zu zeichnen. Auch hier zeigt sich, was für ein kluger Filmemacher Soderbergh ist. Der reale Scott Thorson war noch ein Teenager, als er den Ü60er Liberace traf und bei ihm einzog. Matt Damon ist ein gestandener Mann, geht in der Rolle als irgendwie-in-den-20ern Bubi aber erstaunlich gut durch. Es geht weniger darum, ob und wie sehr Lee, der bezeichnenderweise mit Ludwig II. von Bayern verglichen wird, ein Faible für junge Burschen hat. Es geht um diese eine Beziehung zwischen ihm und Scott, wie die beiden verlorenen, halb-verwaisten und familiär haltlosen Männer einander etwas geben und sich lange schwer damit tun, zu ihren wahren Gefühlen zu stehen. Lieben sich diese beiden Männer, oder ist es nur für beide eine Zeit lang ganz praktisch. Lee hat unersättliche sexuelle Energien, will ewig jung bleiben und sieht in Scott auch eine Möglichkeit sich selbst zu überleben. Scott genießt den Luxus, genießt das Showbiz-Leben und das ziellose Verweilen in einer Scheinwelt. Auch das Liebesleben ist angenehm, zumindest eine Weile und solange er nicht unten liegen muss. 

Michael Douglas ist erwartungsgemäß großartig in der Hauptrolle. Nicht zuletzt dank ihm entgeht der Film der Falle, Liberace zu sehr zur Karikatur zu machen. Der Entertainer ist eine Kunstfigur und bewusst überzeichnet, doch dem Menschen hinter der Fassade, hinter dem Kandelaber auf dem Piano, kann man jederzeit fasziniert folgen. Gleichermaßen hinterhältig, egomanisch, naiv und fürsorglich schwirrt Lee durch sein Haus, umgarnt Scott oder bezirzt das Publikum von der Bühne. Fast noch besser ist Matt Damon, dessen Scott wesentlich vielschichtiger ist, als der vermeintlich manipulative Lee. So entsteht eines der spannendsten und emotionalsten Beziehungsdramen des Jahres, das fasziniert, gerade weil es um so viel mehr geht, als um „Er liebt ihn oder er liebt ihn nicht.“ Und doch geht es eigentlich genau darum.

Fazit:
Einerseits grelle Bühnenschau mit großartigen Kulissen und Kostümen, viel Humor und augenzwinkernden Seitenhieben. Andererseits ein komplexes und hochemotionales Beziehungsdrama. Die Mischung funktioniert, dank zweier großartiger Hauptdarsteller und dank Soderberghs cleverer Regie.

8 / 10

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