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Kritik:
Die Liebesfälscher


von Christian Westhus

Die Liebesfälscher (Copie Conforme, 2011)
Regie: Abbas Kiarostami
Cast: Juliette Binoche, William Shimell

Story:
Eine in Italien lebende Französin lauscht in der Toskana der Buchvorstellung eines englischen Autors. Über ein paar Kontakte lädt sie den Autor zu sich ein, um über das Grundthema des Buches zu sprechen: Original und Fälschung. An diesem einen Tag fährt die Frau den Autor durch die Stadt, führt ihn durch Museen und zeigt ihm Statuen, Originale und Kopien. Ganz nebenbei geraten beide, obwohl sie sich kaum kennen, in einen Streit nach 15 Jahren Ehe – und das am Hochzeitstag. Ein Tag, eine Ehe, ein Streit, die auch Kopien sein könnten. Oder ein Spiel.

Kritik:
Das Lächeln der Mona Lisa. Ist es ein Original, also authentisch? Wird es vielleicht schon dadurch zur Kopie, dass es auf ein Gemälde übertragen wurde? Oder hat Leonardo da Vinci gar der Gioconda zugeredet, um ein gewünschtes Lächeln nachzueifern, zu kopieren? Im Film beschäftigt sich der britische Autor James Miller mit genau diesen Themen. So scheint es jedenfalls, hat er doch ein Buch zu dem Thema geschrieben. Dieses Buch - genauer die italienische Übersetzung, also quasi schon eine Kopie – stellt James in Italien vor und fabuliert, dass es keine Originalität gibt und auch nicht zu geben braucht. „Die Liebesfälscher“, der erste europäische Film des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami, greift diese Doppelbödigkeit der Wahrnehmung auf. Nicht nur die Schönheit, der Wert und die „Echtheit“ einer Kopie wird hinterfragt, sondern auch die unsichere Feststellung, was denn überhaupt ein Original ist. 

Dabei ist „Die Liebesfälscher“ eigentlich eine Romanze, ein Liebesfilm und damit Beladen mit Tradition und Erwartungshaltung der gesamten Filmgeschichte. Was sich mit Auftritt von Juliette Binoche, die den Autor beobachtet, zu sich einlädt und herumführt, entwickelt, kennen wir auf die eine oder andere bereits. Ein Ehestreit. Er hat einen wichtigen Tag verschlafen und – das ist das Schlimmste – schnarcht, während sie bei einer Autofahrt mit dem Sohn unvorsichtig war. Schatz, heute ist unser Hochzeitstag, wir sollten nicht streiten! Und du hast nicht mal meine Ohrringe bemerkt. Die Wiederholung und Bekanntheit dieser Szenarien, steht der Authentizität der Emotionen aber doch nicht im Weg. Die Antiquitätenhändlerin aus Frankreich und der Autor aus England, sie sind Modelle. Und trotzdem sind sie innerhalb des Films real und was sie tun, denken und fühlen ist real. Er, James Miller, könnte namentlich auch nur ein Konglomerat der beiden schreibenden Henrys sein. Sie hat nicht mal einen Namen. Sie ist Juliette Binoche, die als sinnliche, herzliche und intellektuell interessierte Frau auch sich selbst spielen könnte. Und ein Spiel ist das Ganze vielleicht eh.

Eine Verwechslung in einem Café macht aus der diskutierfreundlichen Frau und dem bisweilen erstaunlich desinteressierten Autor Ehepartner. Aber sie sind sich tatsächlich schon früher mal begegnet, in Florenz. Oder war es nur das Original eines Erlebnisses, das Binoche jüngst mit ihrem Sohn hatte? Schauspieler spielen Menschen, die Ehepartner spielen. In dem Aufgreifen ehelicher Klischees und bekannter Szenarien liegt dennoch etwas Wahres. So wie die Statue, die nur ein starres Abbild einer symbolischen Geste ist. Die Romantik des Films ist nicht bloß Theorie, sie berührt tatsächlich. Der Autor und die Frau begegnen anderen Paaren, diskutiere über die Kunst Italiens und über die Liebe. Nach einem kaum fünfzehnminütigen (und etwas trägen) Vorlauf ist der Film nur noch Dialog. Pausenlos, nahezu vollständig ohne größere Aktionen, nur ein Schwelgen in falschen, allegorischen, artverwandten oder doch realen Erinnerungen. Kiarostamis Film fühlt sich an wie die noch europäischere Variante der beiden wortreichen Romantik-Meisterwerke „Before Sunrise“ und „Before Sunset“ von Richard Linklater. Alles was war, ist und sein könnte an einem einzigen Tag. Ein theoretisieren über Kunst und Kultur, aber noch viel wichtiger über das Leben und die Liebe. Banal, kopiert und doch ungemein authentisch romantisch. 

Und das gelingt trotz intellektueller Dichte spielend und locker leicht, was den guten Dialogen und den verbalen Kopisten der Dialoge zu verdanken ist. William Shimell ist eigentlich Opernsänger und ist mit seiner lebemännischen Aura dennoch überzeugend. Wahrlich hinreißend aber Juliette Binoche, die Triebfeder des Spiels im Spiel der so real wirkenden Ehe ist. Nicht zuletzt dank ihr ist dieser Gang durch die Toskana gleichermaßen witzig wie romantisch, mit den nötigen bittersüßen Spitzen dazwischen. Ein absolutes Highlight ein längerer Abschnitt rund um einen Hochzeitsbrauch, denn junge Brautpaare wollen sich in der Tradition (also Kopie) anderer Paare vor einem goldenen Baum fotografieren, um so glücklich zu werden, wie ihre Vorgänger, unter denen irgendwann auch das Original zu finden ist. Die Ehe-Scharade ist an einem zentralen Punkt angekommen, auf einem schmalen Grat der Emotionen. Und in den schauspielernden Schauspielern, mit ihrer gefühlten, aber nicht realen (oder doch?) Ehe spiegelt sich für die neuen Brautpaare ihrerseits alles was war, ist und sein könnte. „Die Liebesfälscher“ ist ein höchst unterhaltsames und intellektuell anregendes Spiel mit der Liebe; der realen, der kopierte, der filmischen und allem dazwischen. Mehr als bloß Theorie.

Fazit:
Ein dialog- und fintenreiches Spiel mit der Liebe. Kiarostamis Film manipuliert unsere Blickwinkel und Sehgewohnheiten und sucht gekonnt nach dem Authentischem im Bekannten. Zusammen mit den beiden glänzend aufgelegten Darstellern, ganz besonders die wunderbare Juliette Binoche, wird „Die Liebesfälscher“ zu einem unterhaltsamen, romantischen, emotionalen und geistig anregenden Film.

8 / 10

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