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Kritik:
Life of Pi -
Schiffbruch mit Tiger


von Christian Westhus

LIFE OF PI
(USA, 2012)
Regie: Ang Lee
Cast: Suraj Sharma, Irrfan Khan, Tabu, Rafe Spall

Story: Piscine „Pi“ Patel wächst in Pondycherry, Indien auf. Pis Vater, ein Zoo-Direktor, beschließt aus wirtschaftlichen Gründen irgendwann den Zoo zu verkaufen und Indien in Richtung Kanada zu verlassen. Mit einigen nach Übersee verkauften Tieren verlässt die Familie die alte Heimat auf einem großen Frachtschiff, bis das Schiff in einen Sturm gerät und sinkt. Pi kann sich auf ein Rettungsboot retten, zusammen mit ein paar Tieren, darunter ein ausgewachsener bengalischer Tiger. Eine Überlebensgeschichte auf hoher See beginnt, die, wie der erwachsene Pi dem staunenden Romanautor erzählt, einen Menschen näher zu Gott bringen kann.

Kritik:
Der junge Mann, der Tiger und das Meer. Schiffbruch hat in der Literatur eine lange Tradition. Das Individuum gegen die Naturgewalten oder alte Männer im Bann der Endlosigkeit des Meeres. Yann Martels erfolgreicher Roman „Life of Pi“ („Schiffbruch mit Tiger“) mixt eine Adoleszenzgeschichte mit einer Prise magischem Realismus zu einem so spannenden wie ungewöhnlichen Abenteuer. Es ist – der Originaltitel verrät es bereits – die Geschichte eines Jungen namens Pi, der mehrere Tage mit einem Tiger auf einem Rettungsboot verbringt und überlebt. Mehr als 200 Tage auf See, auf engstem Raum mit einem gefährlichen Raubtier, das bald schon Hunger haben wird. Die Suche nach Nahrung, das Auffangen von Trinkwasser, die Unberechenbarkeit des Meeres machen Pis Reise zu einer Odyssee, bei der Pi seine Grenzen überschreiten muss um zu überleben. Und er wird überleben. Damit wird nicht das Ende verraten. Gleich in der ersten Szene sehen wir, wie der erwachsene Pi seine Geschichte einem Autor erzählt, der daraus einen Roman machen will. Ganz nach Vorbild von Martel, der genau diesen erzählerischen Rahmen mit einer Meta-Fiktion etablierte. Rafe Spall als Autor lässt sich von Irrfan Khan als erwachsener Pi bekochen und lauscht den faszinierenden Erzählungen des Mannes. 

Das Drehbuch, überwiegend gekonnt adaptiert von David Magee, folgt der dreigeteilten Struktur (plus Rahmen) des Romans und führt durch Pis Leben. In farbenprächtigen Bildern labt sich die Kamera geführt von Ang Lees geschulter, nie zu verspielter Regie an der Exotik Indiens, an den Tieren im Zoo von Pis Familie, an den Märkten und Tänzen, den Kleidern und dem Essen. Wir lernen, wie Pi zu seinem Namen kam, dass er eigentlich Piscine heißt und nach einem Schwimmbad benannt wurde. Wir lernen Pis schwimmbegeisterten Onkel kennen und machen eine erste Bekanntschaft mit Pis gestreiftem Mitfahrer Richard Parker und sehen, wie der Vater unmissverständlich klar macht, dass ein Tiger kein Haustier und niemals ein Freund sein kann. Doch entscheidend ist Pis Verhältnis zu Gott. Aufgewachsen als Hindu entwickelt Pi schon als Junge einen Blick auf die größeren Zusammenhänge von Religion. Gott hat viele Gesichter und viele Arten, sich zu zeigen. Pi entwickelt eine Art Omnitheismus, praktiziert gleichzeitig mit großer Hingabe und unstillbarer Neugierde Hinduismus, den Islam und den christlichen Glauben. Pis spätere Lebensprüfung nach dem Schiffsunglück ist gleichzeitig auch eine Glaubensprüfung, in der Gott hinterfragt, beschimpft und um Hilfe gebeten wird. Das Versprechen einer Geschichte, die einem zu Gott führt, führt den Autor in Pis kanadische Wohnung. Die schon im Buch eher spirituelle Reise ist auch im Film weit davon entfernt, ein aufdringliches „Lasst Gott in eure Herzen“ zu sein. Gottvertrauen ist für Pi nach dem Verlust und mit dem drohenden Ende der eigenen Existenz die letzte Hoffnung. Die komprimierte Natur einer filmischen Romanadaption lässt das Thema aber natürlich auch zentraler und dominanter wirken, als es in geschriebener, ausführlicher Form der Fall war.

Dabei muss man Pis Reise gar nicht religiös, nicht mal wirklich spirituell lesen. Das überwiegend vorlagengetreue Script, das Pi in seinen „freisten“ Momenten eine zurückgelassene Liebe in Indien andichtet, übernimmt folgerichtig auch das Ende. Ein Ende, welches schon bei Yann Martel nicht ausschließlich positiv aufgenommen wurde. Es ist nicht das Ende, das man zu einem Abenteuerfilm mit einem schiffbrüchigen Jungen und Tiger vielleicht erwartet, zwingt es den Zuschauer doch ganz direkt zu einer Entscheidung. Und schon die Tatsache, eine Wahl zu haben, dürfte für einige Zuschauer schwierig werden – obwohl genau darin natürlich der hauptsächliche Reiz und die Faszination des Films liegen, der damit eben zu mehr wird, als „nur“ ein Abenteuerfilm mit einem schiffbrüchigen Jungen und Tiger. Aber „Life of Pi“ ist ohnehin kein simples und von allen Altersgruppen gefahrlos konsumierbares Kinderabenteuer mit tierischem Begleiter. Obwohl das Script die im Buch teils realistisch-drastisch und blutig beschriebenen Fress- und Jagdszenen klein hält, obwohl die Inszenierung vieles kaschiert und Pi, der seinen Vegetarismus zum Selbstschutz ablegt, mit einem blitzsauberen Thunfisch-Filet wedeln lässt, ist es kein einfacher Film. Wer wirklich mehr aus Pis Reise mitnehmen will, als großartige Bilder und eine vage Ahnung über den Zusammenhang zwischen Mensch, Tier und Natur, hat die Erlaubnis aufmerksam zu sein und zu fragen. Schon bei der moralischen Dimension des Abenteuers, der Beziehung zwischen Pi und Tiger Richard Parker, ganz besonders bei manch durch die körperlichen Mangelerscheinungen hervorgerufenem magischen Einfall. Aber spätestens beim Ende. 

Bis dahin wirft Ang Lee aber die große Bildmaschine an und inszeniert einen trotz seiner so beschränkten Möglichkeiten oft atemberaubend schönen und vor allem emotional mitreißenden Film. Mit einer 3D-Technik, die die räumlichen Dimensionen auf dem Boot, auf und unter dem Wasser, wunderbar herausstellt und ohnehin mit viel Gespür für Wahrnehmung und Wirkung eingesetzt wird, ist „Life of Pi“ nah dran, das vielleicht beste 3D in einem nicht-animierten Spielfilm zu haben. Dabei ist natürlich der Computer häufig genug verantwortlich für die Bildgewalt des Films. Ein Sonnenaufgang, der die spiegelglatte Oberfläche des Meeres in einen orange-roten Marmorboden verwandelt, wirkt vielleicht künstlich, während eine Biolumineszenz-Szene gleichermaßen irritiert wie in Staunen versetzt, doch in erster Linie sind es die Tiere, ist es Tiger Richard Parker, der trotz meist digitaler Herkunft atemberaubend glaubwürdig und unmittelbar real aussieht. Als zweiter Hauptdarsteller muss er das auch, denn zwischen ihm und Pi spielt sich der gesamte Hauptteil des Films ab. Irrfan Khan und Rafe Spall unterbrachen den ersten Abschnitt in Pondycherry noch etwas zu häufig mit neugierigem Nachfragen und schulmäßigen Erklärungen der Umstände. Auf hoher See treten sie komplett zurück und überlassen dem jungen Pi die Funktion, durch sein Tagebuch zu erzählen und zu kommentieren. Der junge Suraj Sharma macht nicht nur eine starke physische Transformation durch, er trägt den großen Film auch beinahe alleine. Die Beziehung zwischen Pi und Richard Parker, die sich irgendwie arrangieren, die ihre Dominanz austesten und von einander profitieren, sind das Kern-, nein das Herzstück des Films. Das ist gleichzeitig ein Zeichen für die Verbundenheit zwischen Tier und Mensch, aber auch – so unromantisch es klingen mag – ein Sieg für die digitale Tricktechnik. Da können auch die Hundertausend pelzigen Gaststars, die in einer so absurden wie erinnerungswürdigen Sequenz vorbei schauen, nicht mithalten. Das Schicksal von Richard Parker bewegt und rührt mindestens genau so, wie das von Pi. .

Fazit:
Bildgewaltiges Abenteuer in hochwertigem 3D, das wunderschöne Bilder noch direkter wirken lässt. Im Herzen ein mitreißendes und bewegendes Abenteuer, das als Film über Adoleszenz, Freundschaft und natürliche Verbundenheit ähnlich gut funktioniert, wie als Exkurs in Spiritualität und der Möglichkeiten des Erzählens.

8 / 10
 

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