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Kritik:
Lincoln


von Christian Mester

LINCOLN
(2013)
Regie: Steven Spielberg
Cast: Daniel Day-Lewis, Tommy Lee Jones

Story:
Als Präsident Abraham Lincoln (Daniel Day-Lewis) beschließt, die Sklaverei abzuschaffen, macht er sich nicht nur hoffnungsvolle Freunde. Zahlreiche Rassisten und rücksichtslose Geschäftsleute wollen den status quo um jeden Preis beibehalten, während der andauernde Bürgerkrieg täglich Leben frisst und weiterhin kein Ende zu finden scheint. Unbeirrbar hält Lincoln an der Gerechtigkeit fest und gibt nicht auf... 

Kritik:
Amistad, Die Farbe Lila, Schindlers Liste, Das Reich der Sonne, Gefährten, Der Soldat James Ryan - wenn ein Altmeister Hollywood ein Händchen für gewaltige Kriegsgeschichten und mitreißende Schicksalsstunden hat, dann wohl Spielberg, bei dem wohl schon von Anfang an abzusehen werden musste, dass er die Geschichte des legendären Befreiers würdig umsetzen würde. Anders als die letztjährige Trash-Produktion Abraham Lincoln vs. Zombies, oder die zwar höher budgetierte, aber inhaltlich ebenfalls trashige Nummer Abraham Lincoln Vampirjäger, in welcher Wanted-Regisseur Timur Bekmambetov Abe geworfenen (!) Pferden ausweichen ließ - auch noch in 3D - ist Spielbergs Beitrag zum urplötzlich aufgekommenen Lincoln-Hype natürlich ein ernster Film geworden.

Spielbergs Film hat zwar nur 2Ds, dafür stehen sie hier aber für Daniel Day-Lewis. Dessen Kunst, in Filmen wie Gangs of New York, There will be Blood oder Der letzte der Mohikaner völlig in Rollen zu verschwinden, ist kaum zu vergleichen. Day-Lews ist ein berüchtigter Method Actor, der sich manches Mal nahezu mit Wahnsinn in seine Rollen begibt: so lebte er bereits für eine Vorbereitung wochenlang alleine auf einer Insel, erbaute sich eine eigene Hütte im Wald um sich nur von selbst Gefangenem zu ernähren, oder erlernte das komplette Fleischerhandwerk. Inwiefern er sich auf die Rolle Lincolns vorbereitet hat, ist nicht allzu bekannt, aber was er auch getan haben mag, es hat ihn weiter denn je gebracht: Hier zieht er Frack und Zylinder an und spielt nicht mehr länger nur; er ist Lincoln. Ist untrennbar in der Rolle verschollen, lebt, atmet und ist diese Figur so einnehmend, dass man sein Konterfei auf ewig mit dem Namen verbinden wird.

Lincoln ist Popkultur und zuletzt durch alberne Action- und Horrorfilme geprägt. Man meint ihn zu kennen, alles wichtige von ihm zu wissen und nichts darüber hinaus erfahren zu müssen, doch Day-Lewis radiert sämtliche vorherige Prägungen aus. prägt selbst neu. Zu keinem Moment wirkt sein eigensinniger Bart oder das bekannte Auftrittsbild in Zylinder überzuckert: kehrt er hier ein, ist er neuerlich faszinierend. Seine revolutionären Taten schrieben bekannte Geschichte, doch was Spielberg neben interessanter Aufarbeitung des Weges hin zur Abschaffung der Sklaverei gelingt, ist Lincolns Wirkung auf dessen Gegenwart einzufangen. Day-Lewis, in Blood und Gags rau, erbarmungslos und unberechenbar gefährlich, spielt diesen Mann als sanften, gutmütigen Anführer, der gerne lächelt, liebend gern Geschichten erzählt und unaufhaltsam an das Gute im Menschen glaubt. Der körperlich zwar fragil wirkt, als könne ihn ein dicker Zwölfjähriger verprügeln, aber als nehme stets jeder ehrwürdig Abstand, fast schon päpstlich im Respekt, den man ihm zuspricht. Eine Autorität, die sich auf auf den Zuschauer überträgt und die durch kleinere Blicke in sein Privatleben abgerundet wird. Auch er hat Fehler, Ungeduld und Probleme: so steht er politisch dafür ein, den Bürgerkrieg zur Not auch noch länger laufen zu lassen, kann aber wiederum nicht mit dem Gedanken leben, seinen Sohn an die Front ziehen zu lassen. Dass 3 seiner 4 Kinder schon im Kindesalter starben, zeichnet ihn, und noch viel mehr seine Frau, die immer wieder von Panikattacken erfüllt wird.

Als Lincolns emotional oft aufgeriebene, politisch bissige Frau Mary beeindruckt Sally Field, während Tommy Lee Jones genau genommen das spielt, was er am allerbesten kann: einen griesgrämigen, zynischen alten Kauz. Das, humorvoll. Yep, dafür, dass der Film ein so ernstes Thema behandelt, ist Spielbergs Lincoln mitunter zuweilen spaßig geworden. In der umfassenden Weite ist es zwar fraglos ein respektvoller Blick auf einen wichtigen Zeitpunkt der Zivilisation, doch Spielberg ist einmal weniger sich selbst. Hat er bei Gefährten noch bewusst auf extreme Melodramatik, auf einfühlsame Familienbindung und niederschmetternde Tragik gesetzt, ist Lincoln primär Blick in ein politisches Haibecken, in dem sich zahlreiche Feinde schnippisch - dank eines tollen Drehbuchs toll verfasst - mit Worten einander bekämpfen.

Sieht man es grob, ist Lincoln vom Konzept her in erster Linie ein typischer Film vom Schlage Gerichtsfilm; fast alle Szenen zeigen Männer, die in Räumen zu Paaren oder Scharen kammerspielartig zusammensitzen und Diskurs halten, über Paragraphen und Vermutungen möglicher Konsequenzen tratschen, die über die Definitionen von Menschlichkeit und Grundrechte sinnieren - oftmals lauthals im Streit zwischen Republikanern und Demokraten. Amüsant ist dabei , dass sich die oftmals verschrobenen Politiker aus verschiedenen Motivationen einander beharken: neben Idealisten gibt es Bestochene und Prinzipstimmer, und in jeder Reihe hausen wiederum Verräter, die in wichtigen Momenten in ausgesuchte Rücken zu fallen wissen. Man muss also unbedingt eine Affinität für dialoglastige Filme mitbringen, aber zugleich gewahr sein, dass Lincoln nicht ausschließlich trockener Prozess ist, sondern einiges mit einem Zwinkern präsentiert. Einzige wirkliche Schwäche? Der Abschluss des Films ist nicht wirklich gelungen; Lincoln verabschiedet sich zu seinem schicksalsträchtigen Theaterbesuch, doch was folgt, ist ungünstig gewählt. Das Attentat selbst wird übersprungen, dafür gibt es noch einen Flashback mit einer alten Rede, die bewegt, aber da nicht so wirklich passen will.

Technisch ist Lincoln ein überraschend zurückhaltender Spielberg. John Williams Musik ist zweifellos malerisch heroisch, doch es gibt kaum mitreißende Themen, vielmehr bleibt der Score eher verspielt, was sich dem oftmals amüsanten Ton der Dialoge gut anschließt. Die Bürgerkriegsszenen halten sich indes stark zurück; neigt er oft zu pompösen Kriegsszenen, sind die Blicke aufs Schlachtfeld allesamt klein und hässlich gehalten; dafür wiederum werden die kruden, oft gering beleuchteten Unterhaltungsräume zu magischen Plätzen. Auch das Kamerabild ist dezenter; Janusz Kamiński hält sich zurück und verzichtet auf Panoramabilder. Die Regie an sich? Dass Lincoln beinahe 3 Stunden geht und theaterstückartig fast nur aus alten Männern besteht, die in Räumen stehen und sich mit Argumenten bearbeiten, auf ein Ziel auslaufend, dass jeder kennt, wird trotzdem unterhaltsam. Amüsant ist, dass er es sogar schafft, den Film, sofern man sich in der Geschichte nicht umfassend mit Lincolns Mitstreitern auskennen mag, mit einem herrlichen Twist enden lässt, der warmherzig schmunzeln lässt.

Fazit:
Stark gespielt und souverän verfilmt - interessiert man sich für gut umgesetzte Historik, liefert Lincoln einen faszinierenden, gar überraschend amüsanten Blick hinter die Kulissen einer der wichtigsten Entscheidungen der Geschichte.

8 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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