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Kritik:
Der König der Löwen 3D


von Christian Westhus

THE LION KING 3D (1994/2011)
Regie: Roger Allers, Rob Minkoff
US-Sprecher: Matthew Broderick, Jeremy Irons, James Earl Jones, Whoopie Goldberg
D-Sprecher: Frank Lorenz Engel, Thomas Fritsch, Wolfgang Kühne, Hella von Sinnen

Story:
Löwenkönig Mufasa wird Vater. Der kleine Simba soll eines Tages seinen Platz einnehmen, den Thron besteigen und über die Savanne walten. In jungen Jahren ist Simba noch von einem unbeschwerten Abenteuerdrang getrieben und bemerkt nicht die Falle, in die er läuft. Des Königs Bruder Scar, der seit jeher auf den Thron schielt, hat ganz eigene Vorstellungen von der Nachfolge Mufasas und verbündet sich mit den ausgestoßen lebenden Hyänen. Simba indes muss erst erwachsen werden und seinen Platz im Leben finden, ehe er Scar die Stirn bieten kann. Ungewöhnliche Hilfe bekommt er dabei von einem Erdmännchen und einem Warzenschwein.

Kritik:
Es ist so langsam an der Zeit, der aktuellen 3D-Welle nach all der Schelte und Verachtung auch mal einen Dank auszusprechen. Ohne die neue Technik wäre ein derart flächendeckendes Kino-Revival des letzten großen Disney-Klassikers (ohne Pixar) nicht denkbar gewesen. Die Aussicht auf zusätzliche Einnahmen mit einem bereits fertigen Film ist natürlich nicht von der Hand zu weisen, doch wenn alle Filme mit hauptsächlich finanzieller Relevanz derart emotionale Wundertüten wären, würde man sich auch kaum mehr darüber beklagen. „Der König der Löwen“ war 1994 das letzte große Disney Zeichentrick-Meisterwerk mit beinahe uneingeschränktem Zuspruch, ehe mit „Toy Story“ 1995 die Ära des Computeranimationsfilms eingeläutet wurde. Nicht, dass Filme wie „Mulan“ oder der extrem witzige „Ein Königreich für ein Lama“ nicht tolle Filme sind, aber „Der König der Löwen“ war das bisher letzte große Ausrufezeichen der Maus-Company und ist bis heute einer der beliebtesten Familienfilme überhaupt. Und Dank 3D wird dieses noch gar nicht alte Schmuckstück der jüngeren Generation da zugänglich gemacht, wo es hingehört. Im Kino. Während die „Älteren“ mit Nostalgie und erweiterter Lebenserfahrung eine wohlige Kino-Erinnerung neu erleben, darf das junge Publikum des 21. Jahrhunderts erkennen, dass es nicht immer Computertrick sein muss, um im Kino bewegt und unterhalten zu werden. Und 3D ist da nur das notwendige und kaum störende (im Gegenteil) Übel, diese Stabübergabe zu bewerkstelligen. 

Dabei war der Film ja keineswegs verschollen, unauffindbar oder fürs Heimkino durch exorbitante Preise quasi nicht vorhanden. In den vergangenen 15 Jahren hätte man den Film theoretisch täglich zig Mal schauen können, sollte einem der Sinn danach stehen. Das Kinoerlebnis, in Gemeinschaft mit neuen und alten Löwen-Fans, hat jedoch etwas ganz Besonderes, egal ob man den Film zum 325. Mal, zum ersten Mal seit 15 Jahren oder zum ersten Mal überhaupt sieht. „Der König der Löwen“ ist das perfekte Konglomerat Disney’scher Erzählmechanismen, gepackt in eine reife Geschichte und reichhaltig im kompletten Emotionsspektrum. Da ändert auch die gelungene 3D-Konvertierung des Films nicht wirklich viel dran. Weder zerstört es, noch verstärkt es das Gefühl im Film sonderlich. Die dritte Dimension ermöglicht einen direkteren Zugang in die Savanne, bietet Momente zum Staunen und zeigt, dass 3D nicht unbedingt notwendig ist, aber mit viel Mühe und Liebe ein angenehmer Zusatz werden kann. Der fliegende Rotschnabeltoko Zazu, eine markante Erscheinung an einem See oder die gewaltige Stampede in der Schlucht sind die Momente, die als markanteste 3D-Momente in Erinnerung bleiben könnten. Dass zwei dieser Momente aber ohnehin schon zu den beeindruckendsten und eindringlichsten Momenten des Films gehören, zeigt nur, dass es der Film an sich ist, der geliebt wird, und nicht die Projektionstechnik.

Schon wenn sich ganz zu Beginn die blutrote Sonne majestätisch über der Savanne erhebt und die Tiere zum Königsfelsen strömen, um den neuen Königssohn willkommen zu heißen, während eindringlich der Kreislauf des Lebens besungen wird, dürften sich für Zuschauer aller Altersklassen die Nackenhaare aufstellen. Ein gigantischer Gänsehautmoment, der in epischer Größe und mit gezieltem Pathos vom Start weg für wohlige Beklemmung sorgt. Und wenn sich am Ende das Kreis-Motiv schließt, löst sich die Beklemmung mit einem Schlucken in Ergriffenheit auf. Das ist Kino-Magie, wie sie auch Disney nicht all zu oft zu beschwören wusste. Inhaltlich befinden wir uns hier mitten in einem Königsdrama, dem mitunter Shakespeare’sche Qualitäten unterstellt werden. Ein gutherziger König, der machtgierige Verwandte, ein Königsmord und der verschwundene rechtmäßige Erbe im Exil, der im Selbstfindungsprozess seiner Adoleszenz erst reifen muss. In einer familiengerechten Dosis geht es mitunter finster zu, wie Scar die Macht an sich reißt und die Intrige spinnt, die Simba und Mufasa aus dem Weg räumt, bis es ganz zentral und eindringlich heißt „Lang lebe der König.“ Ein unfassbares Gänsehaut-Zitat, ein unvergesslicher Moment, der hierzulande viel eher Sprecher Thomas Fritsch zugestanden wird, als seinem berühmten US-Sprecher-Vorbild Jeremy Irons. Nicht zuletzt dieser entscheidende Moment im Film machte aus Scar einen der markantesten Disney-Schurken überhaupt. 

Es ist dann aber auch die Kombination von Scar und Thomas Fritsch (bzw. der Übersetzung generell), als sich kleinere Probleme einstellen. Denn die vielen Lieder und Musical-Nummern haben die sprachliche Übertragung ins Deutsche nicht immer vollends gelungen überstanden. Es ist insbesondere Scars visuell eindrucksvoll mit Militär-(und NS-)Symbolik durchsetzte Aufpeitschgesang bei den Hyänen, der ein wenig schief wirkt. Und ob zum lebenslustigen Tralala „Ich will jetzt gleich König sein“ von Klein-Simba unbedingt eine Tier-Pyramide entstehen muss, darf man auch vorsichtig mit „Nein“ beantworten. Für alles Weitere muss man sich aber schon sehr anstrengen (oder ein Disney-Kitsch Hasser sein), um ein Haar in der Suppe zu finden. Natürlich darf man sich mal fragen, wer Nalas Vater ist, und natürlich darf man Mufasas merkwürdige Rechtfertigung, warum die Löwen ihre Untergebenen fressen, kritisch hinterfragen. Man nimmt dem wunderbaren Film damit aber auch die Magie, die Unbeschwertheit und Unschuld, wenn man derart bohrt. (Es mag ja sogar Leute geben, die in dem Film eine Alleinherrscherpropaganda erkennen wollen.)

Eigentlich fühlt man sich doch sofort wohl und heimisch in dieser Welt, entdeckt sie mit kindlicher Neugierde, oder gruselt sich bei den Hyänen und auf dem Elefantenfriedhof. Der ungestüme junge Simba ist jederzeit glaubwürdig und wird durch einen inszenatorisch cleveren Schnitt ins junge Erwachsenenalter geschafft, wo ein relativ gut durchdachter Prozess intensiviert wird. Durchzogen ist die recht ernste Selbstfindung des vertriebenen Königssohns von den üblichen Disney-Zutaten. Ein bisschen Naturmystik von Mandrill Rafiki, die zarte Liebesbande mit der Kindheitsliebe und Comic Relief Humor der brachialen Sorte, wenn das Kult-Duo Timon und Pumbaa die Bühne betritt und die Käfersäfte spritzen. Wie üblich ist es ein emotionaler Mix, ein reichhaltiger Cocktail der Stimmungen, der meisterhaft arrangiert und dosiert wird. Und sollte sonst gar nichts funktionieren, hat man am Ende des Films die Auswahl aus einem guten Dutzend garantierter Ohrwürmer, von denen Rafikis uriges Ethno-Gequassel ein Favorit sein dürfte. – Ein Disney-Meisterwerk, das man auch in 3D nicht verpassen sollte, auch wenn man es bereits kennt.

Fazit:
Das letzte uneingeschränkt zu empfehlende Disney-Meisterwerk büßt auch in 3D nichts von seiner Faszination und emotionalen Wucht ein. Die 3D-Konvertierung ist sogar ziemlich gut gelungen und ansonsten einfach nur der Grund, einen großartigen Zeichentrick-Film wieder im Kino zu sehen.

9,5 / 10

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