BG Kritik:

Logan: The Wolverine


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Logan (USA 2017)
Regisseur: James Mangold
Cast: Hugh Jackman, Patrick Stewart, Dafne Keen

Story: Das Jahr 2029: Die Mutanten sind nahezu ausgestorben. Logan alias Wolverine ist verbittert und ausgebrannt, kümmert sich im Geheimen um den alt und dadurch unfreiwillig gefährlich gewordenen Charles X Xavier, bis eines Tages ein junges Mädchen auftaucht. Sie ist eine Mutantin mit Krallen, Heilungsfähigkeiten und einem schießwütigen Trupp Jäger im Schlepptau. Zu dritt wagen die Mutanten Widerstand und Flucht.

„I’m Wolverine!“ Am Ende seiner Musical Eröffnungsnummer als Moderator der Oscarverleihung 2009, nachdem er in kurzen Sketchen andere nominierte Filme nachgestellt hatte, reckte Hugh Jackman seine Arme in die Luft und verkündete die ultimative Identität seiner Schauspielkarriere. Zum damaligen Zeitpunkt hatte Jackman Wolverine alias Logan in bisher drei Filmen verkörpert; „Origins“, der erste Solo-Film, sollte im anschließenden Frühjahr anlaufen. Zwei weitere (vier, zählt man die Kurzauftritte in „First Class“ und „Apocalypse“) Auftritte als der mies gelaunte Mutant mit den Krallen sollten folgen. Zu sagen, Jackman habe die Rolle als Wolverine/Logan geprägt, wäre eine maßlose Untertreibung. Bis auf Harrison Ford als Indiana Jones gibt es womöglich keine Schauspieler/Rolle Kombination, die derart untrennbar scheint. Das ist nicht bloß auf die immense Quantität zurückzuführen. Wolverine ist Hugh Jackman mit Haut und Haar eingewachsen, ist mit ihm verschmolzen. Und umgekehrt. Genau auf diesen Effekt baut James Mangolds neuer Film.

Aus Gesundheits- und Altersgründen will Hugh Jackman die Rolle nun an den Nagel hängen.


Mangold, der den in Japan angesiedelten Vorgänger „The Wolverine“ damals mit einer Liste hochkarätiger und geradezu obszön prestigeträchtiger Inspirationsfilme bewarb, macht keine halben Sachen, wenn es um Metaphern, Symbole und inspirierende Analogien geht. Der Western „Shane“ („Mein Freund Shane“, 1953) stand schon 2013 auf der Liste, nimmt nun jedoch einen Platz in vorderster Reihe ein. Die Parallelen von „Logan“ zur Geschichte eines Revolverhelden, der einem kleinen Jungen gegen Banditen zur Seite steht, sind so schon gut erkennbar. Doch etwa zur Halbzeit, nachdem sich alle Figuren formiert haben, um den entscheidenden Hauptteil zu beschreiten, läuft „Shane“ groß und unübersehbar im TV, wird ausgiebig kommentiert und später an entscheidender Stelle zitiert. An anderer Stelle geben Logan, Professor X und die junge Laura vor, eine Familie zu sein, damit die unvermeidbaren charakterlichen Eltern/Kind Mechanismen auch bemerkt werden. Manches, wie die Flucht-Thematik mit gezielt nicht-amerikanisch besetzten Teilnehmern, hat durch die jüngere politische Gegenwart vermutlich eher zufällig an brandheißer Aktualität gewonnen, doch Mangold kommt das nur zu gelegen. Er baut selbst echte X-Men Comichefte als gleichermaßen plumpe wie effektive Spiegelebene ein und kreiert einen Widersacher, der für Logans Reise die einzige logische Konsequenz sein dürfte, ganz egal wie sehr man zunächst mit den Augen rollen möchte. Bei all der interpretativen Leuchtreklame ist es fast schon verwunderlich, dass Mangold aus Logans schier unendlichem körperlichen Leiden keine (oder nur eine vergleichsweise subtile) biblische Passionsgeschichte macht.

Jackmans Performance als Wolverine hatte vom ersten Auftritt an eine direkte Körperlichkeit, die die Konkurrenten von Marvel und WB/DC bis heute nicht kopieren oder übertragen konnten, ganz egal wie sehr ein Iron Man Anzug geschrottet wird oder wie lange wir einem Batman beim Bodybuilding zusehen. Mit „Logan“ als vielleicht/womöglich/angeblich (?) letztem Jackman-Wolverine und erstem Wolverine mit dem amerikanischen R-Rating stehen der physischer Darstellung ganz neue Aufgaben bevor. „Logan“ ist ein absolutes Massaker, ein geradezu absurd bluttriefendes Schlachtfest, wie es selbst die hartgesottene Comic-Konkurrenz von „Sin City“ oder „Blade“ nicht vorzuweisen hat. („Punisher: Warzone“ dürfte die einzige echte Konkurrenz auf diesem Gebiet sein.) Schon die Eröffnungssequenz setzt uns abgetrennte Gliedmaßen und durchwetzte Körper (insbesondere Schädel) vor, als wollte man sich für ein halbes Dutzend Wolverine-light Auftritte entschuldigen, in denen sein berühmtes „snikt-snikt“ blutleer in gut kaschierten Hieben verpuffte. Die Gewalt ist absurd, doch Mangolds selbstauferlegte Bedeutsamkeit erdet das Blutvergießen und gibt Wolverines verinnerlichter Wut ein effektives Ventil. Das funktioniert umso besser, da Mutantin Laura nicht nur Wolverines Fähigkeiten besitzt, sondern in entsprechenden Situationen ebenfalls zur wüst metzelnden Furie wird. Über weite Strecken stumm ist Jungdarstellerin Dafne Keen eine echte Entdeckung und trägt einen maßgeblichen Anteil daran, dass „Logan“ als so brutales wie ernstes Charakterdrama mit nur leisen Comic-Untertönen funktioniert.

James Mangold plant die Veröffentlichung eine Schwarz-Weiß Version fürs Heimkino.


Wut, Leid, Gewalt und Tod beherrschten Logans bisheriges Leben. Charles kann er nicht aufgeben, doch darüber hinaus kann und will Logan für nichts und niemanden Verantwortung übernehmen oder Gefühle entwickeln. Zu viel Schmerz und Verlust hat er erlebt. Angesiedelt im nicht nachvollziehbaren Brachland der Fox „X-Men“ Kinochronologie ist „Logan“ gleichermaßen ein komplett eigenständiges Spin-Off und doch maßgeblich mit den vergangenen Filmen verknüpft. Wir haben Logan mit Rogue gesehen, kennen das Gefecht an der Freiheitsstatue, sahen Jean Greys Tod, ihre Rückkehr als Phoenix und durchlebten ihren neuerlichen Tod durch Logan selbst. Wir wurden gleich mehrfach Zeuge, wie aus Wolverine Weapon X wurde, sahen (Teilzeitbruder) Sabretooth, Kayla Silverfox, Mariko und die Verlockung der Sterblichkeit durch den Silver Samurai, ehe die Gesetze von Raum und Zeit durchbrochen wurden, um neuen-alten Weggefährten eine Zukunft zu geben. All das trägt Hugh Jackman in jeder Pore, in jeder Falte, in jedem noch immer stattlich hochtrainierten Muskel und in jeder Narbe, in jeder sich zunehmend langsamer verschließenden Wunde. „Logan“ und Logan machen körperlichen und seelischen Schmerz spürbar, was das emotionale Road Movie der zweiten Hälfte enorm spannend macht.

Ein echter Comic-Film ist „Logan“ trotz allem nicht. Der klassische Wolverine der Comics war Hugh Jackman nie und James Mangold ist sicherlich nicht der Regisseur, der Comicfilmen ihre archetypischen Farben und Kostüme zurückgibt, störte er sich doch bereits an der Bezeichnung Comic-Book Movie. Die Comichefte innerhalb von „Logan“ beschreibt die Hauptfigur als Fantasie, Fiktion und Lüge, als Geschichten die selten „wahr“ und selbst dann „nie so passiert“ sind. Mangolds Film spricht hier mit Fans, spricht über den Franchise, über ein Genre, und verschafft sich gleichzeitig Raum, um etwas ganz Eigenes zu werden. So überheblich Mangolds Ablehnung des Comic- und Superhelden Subgenres auch sein mag, die Handhabe einer Wolverine Geschichte als ernsthaftes Charakterdrama im Gewand eines modernen Western macht aus „Logan“ ein bemerkenswertes Stück Kino und womöglich ein Leuchtzeichen für die Zukunft von Comichelden auf der Leinwand. Bei Fox hat man aus der Not der chaotischen Chronologie eine Tugend gemacht. Mit „Deadpool“ und nun „Logan“ durften zwei Filme einfach Filme sein, in erster Linie ihre eigene Geschichte erzählen, ohne Verantwortung für den großen, zusammenhängenden Franchise zu übernehmen, was im Vergleich zum Marvel Universum mehr Raum für Neuerungen und Überraschungen lässt. Filmemacher durften (wenn auch mit reduziertem Budget) mit selten gesehenen Freiheiten eine Superheldengeschichte erzählen, womit man bei Fox das umgesetzt hat, was man uns bei WB/DC einst versprochen hatte. Wenn die Konkurrenz aus dem qualitativen und finanziellen Erfolg von „Logan“ in jeweiliger Anpassung die richtigen Schlüsse zieht, können wir wider Erwarten noch einige Jahre mit Helden aus Comicheften Leinwandabenteuer verleben.

Fazit:

Brutal, ernst und verdammt gut. „Logan“ fühlt sich nicht wirklich an wie ein Superheldenfilm, doch als grimmiges Charakterdrama mit Westernanleihen und heftiger Action ist Hugh Jackmans vielleicht letzter Auftritt als Wolverine ein echter Hingucker.

7,5 / 10

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