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Kritik:
Lone Ranger


von Christian Mester

THE LONE RANGER
(2013)
Regisseur: Gore Verbinski
Cast: Armie Hammer, Johnny Depp, Tom Wilkinson

Story:
Unverhofftes Glück ereilt Schreibtischhüter Reid (Hammer) im Wilden Westen, als er bei einem Überfall auf seinen Bruder und dessen Gesetzeshüter-Helfern als einziger überlebt. Gerettet von einem skurrilen Indianer namens Tonto (Depp) und einem ungewöhnlichen weißen Pferd schwört
er Vergeltung. Auch wenn das bedeuten mag, einen gefürchteten Kannibalen zu jagen und eine gewaltige Verschwörung aufzudecken...

Kritik:
Yeeeha? Als Konzept schien Lone Ranger noch kugelsicher: Pirates of the Caribbean... in den Wilden Westen verlegt. Johnny Depp wieder als chaotisch-seltsamer Outsider, mit einem neuen Orlando Bloom Typ, die so zusammen tollpatschig, witzig und actionreich Gewaltiges erleben, möglichst auf mehrere Teile ausgelegt. Ein Deal zum händereiben, der vierte Milliardendepp nach Pirates und Alice? Schön wär's gewesen.

Wer Depp als Sparrow liebt und auch seinen Hutmacher mochte, darf sich besser auf deren Fortsetzungen freuen, denn was auch immer er sich für seinen Tonto vorgestellt haben mag, es funktioniert in einem Unterhaltungsfilm wie diesen nicht. Ungewöhnlich waren viele seiner Rrollen, aber der wenig gesprächige, esoterische Tonto mit Plauze gehört eher in einen Dead Man als einen Sommerblockbuster. Meistens schwermütig, still und unlesbar, wirkt Tonto wie ein Fremdkörper im Film, und die wenigen witzigen Momente, unweigerlich an Sparrows Hampeleien und Grimassen erinnernd, sind so klein gestreut, dass man glatt meinen kann, all diese Szenen wären nur in Nachdrehs hinzugekommen (um den Rest irgendwie vermarktbar zu machen und das "Von den Machern von Pirates" zu rechtfertigen).

Man muss leider sagen, dass Kemosabe Depp hier wirklich nicht gut ist. Aus Tontos merkwürdiger Mentor-Figur kann er nichts charismatisches machen. Anstatt ihn seltsam-sympathisch zu gestalten, ist er bloß seltsam-seltsam. Gar fürchterlich ist eine unnötige Rahmenhandlung, in der ein in schlechter Maskerade steinalter Tonto einem Kind im Lone Ranger Kostüm die Geschichte ihrer Abenteuer erzählt. Da er der Star ist, nimmt er Co-Star Armie Hammer, dem eigentlichen Titelhelden des Films, trotz immenser Lauflänge Platz für mehr eigene Szenen weg. Wobei die auch nicht wirklich unterhaltsamer wären, da Armie Hammer als nerdiger Büroler leider nicht gut besetzt ist. Mann mit Maske, der gegen 1900 für Liebe und Gerechtigkeit fängt? Wer sich da einen Robin Hood oder Zorro vorstellen mag, der mitreißend, charmant und kämpferisch beeindruckend für Unterhaltung sorgt und Kinder anschließend sich drum kloppen lässt, wer denn den Ranger spielen darf, nope. Hammer hätte das fraglos spielen können, aber das Script macht ihn zu einem Dauerwaschlappen, und es weiß nie, ob es Reid als ernsthafte Figur oder als Witzfigur, als Parodie eines Cowboy-Helden zeigen will. Als gut aussehende 1,90 Kante wirkt Hammer dafür falsch gewählt, eher müsste es jemand wie Simon Pegg spielen.

Sehr viel besser machte das Lone Rangers Verwandter "The Green Hornet", denn yep, Seth Rogen's Britt Reid ist mit Armie Hammer's John Reid verwandt. Seth Rogens Reid ist ein größerer Badass als Hammers, und sein Sidekick soviel cooler als Tonto. Über Christoph Waltz als amüsanter Gegenspieler gar nicht erst gesprochen...

Ein weiterer Fehlschuss sind die Nebenfiguren, die allesamt an der langen Hand verhungern. Tom Wilkinson schläft sich förmlich durch seine Szenen, der zukünftige Shredder William Fichtner hat seinen Spaß, den aber unfairerweise keine Kamera würdig einzufangen vermag (wie mit Sam Rockwells Justin Hammer in Iron Man 2 geschehen), Barry Pepper, den mal wieder keiner erkennen dürfte, sowie Helena Bonham Carter bleiben ungenutzt, und was man hier als Love Interest für den Ranger aufgegabelt hat, ist nicht besser oder interessanter als das vom Laufsteg gecastete Unterwäschemodel Rosie Huntington-Whiteley in Transformers 3.

Dass der Film verrückt teuer sein muss, sieht man. Keine Frage. Neben detailverliebten, Riesen-Sets und prächtiger Ausstattung gibt Verbinski vor allem Etat für die verschiedenen Actionszenen aus, in denen Brücken explodieren, Züge entgleisen, in, auf und unter denen übrigens andauernd gekämpft wird, und es wird einiges mit Pferden gemacht. Es ist jedoch so, dass der Effektbombast zuviel wird. Ähnlich wie bei Pirates 3 ermüdet es irgendwann, schon wieder einen Waggon durch die Gegend fliegen zu sehen, und trotz gut konzipierter Moment sind Timing und Pointen oft nicht gelungen, oder stören die fehlenden Reaktionen der Hauptstars. Beispielsweise gibt es gegen Anfang eine Szene, in der ein Waggon auf die am Boden sitzenden Helden zu rast, eine Stahlstrebe durch die Luft fliegt und sich dann passend so verkeilt, dass sie von dem zig Tonnen schweren Apparat nicht wie Fliegen zermatscht werden. Verbinski und Depp/Hammer verpassen aber jegliche Aufregung, oder OH MEIN GOTT Resonanz, die diesen millionenteuren Moment zu etwas besonderem machen sollten. Generell entgehen Tonto und Reid oft mit reinstem Glück diversen Gefahren, worauf nur selten mit mehr als einem Schulterzucken reagiert wird.

Wie Tonto nimmt sich der Film zu ernst, mit Drama, das der Film aufgrund fehlender Sensibilität (Räuber und Eisenbahnbauer sind böse, Indianer gut und alle anderen naive Opfer) und missratener Figuren (niemanden interessieren die Hintergründe Reids oder Tontos) nicht erfüllt, und Tonschwankungen, die immer wieder rätseln lassen, was genau ihnen für ein Endergebnis vorschwebte. So gibt es Szenen, in der eine ganze Armee von Indianern brutal mit Maschinengewehren exekutiert wird, in denen bitter auf Sklaverei hingewiesen wird oder Indianer wie Tierexponate ausgestellt werden. Dann wiederum gibt es Wer-Karnickel, Charlie Chaplineske Leiterkletterszenen, ein kletterndes, biertrinkendes Pferd, andererseits dann aber auch überzogenen Gore (nicht der Regisseur, wobei er mit 150 Minuten Langatmigkeit selbst auch überzieht).  Was für ein Biest will Lone Ranger also sein? Familienklamauk? Dafür ist er zu anstrengend lang und zu blutig. Eine eher schwarze, blutige Komödie a la Hot Fuzz? Dafür wiederum ist er zu albern und zu inkonsistent, und versucht zu sehr, die beiden Hauptfiguren zu dramatischen Figuren zu machen. Als Abenteuerdrama mit Mahnmal-Zeigefinger? Dafür zu poppig und taktlos in seinen Bildern.

Fazit:
Hi ho Silver, brrrrrr. Lone Ranger will vieles sein: er will die epischste Lokomotivaction aller Zeiten haben, eine neue Sparrow-Variante einführen, er will bitter auf das Leid der Indianer hinweisen, gleichzeitig eine familienfreundliche, alberne Action-, wie auch ein ernste, blutige Erwachsenenstory sein und einiges mehr noch als das, aber auch wenn manches davon für sich zuweilen funktionieren mag, ist das Gesamtpaket ein überlanger, zu witziger, gleichzeitig auch zu wenig witziger Effektwestern, der trotz soviel mehr Budget nicht merklich besser ist als Cowboys & Aliens oder Jonah Hex. Man könnte Charaktere und Szenen zwischen allen drei Titeln tauschen und nichts würde woanders mehr oder weniger sein.

(Anmerk.: Depp, Verbinski und Hammer kritisierten im Nachhinein, die Kritiker hätten den Film schon vor einem Jahr abgeschrieben, als die Produktionsprobleme bekannt wurden, aber wer macht sich extra einen Spaß daraus einen Film zu zerreißen, wenn die Beteiligten doch sonst immer gern gesehen sind und es schade ist, dass es heutzutage so selten Western gibt. Außerdem wurde World War Z zur etwa gleichen Zeit mit größerem Spott erwartet - und wurde dann ja auch noch ein angenehm unterhaltsamer Film. Depp und Verbinski haben in der Tat einen ungemein amüsanten, actionreichen und schrägen Western gemacht, aber der heißt leider Rango und nicht Lone Ranger.)

4 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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