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Kritik:
The Look of Love


von Christian Westhus

THE LOOK OF LOVE
(2013)
Regie: Michael Winterbottom
Cast: Steve Coogan, Imogen Poots, Anna Friel, Tamsin Egerton

Story:
Die Geschichte von Paul Raymond, der in den 60ern und 70ern als „König von Soho“ mit Stripclubs und Erotikmagazinen zum reichsten Mann Großbritanniens wurde, dessen Familienleben aber nicht so erfolgreich lief, wie das Geschäft mit nackter Haut.

Kritik:
Londons – heute nicht mehr ganz so lebhaftes – Erotikviertel Soho verdankt sein Dasein scheinbar einem einzigen Mann. Jedenfalls wenn wir dem neuen Film von Vielfilmer Michael Winterbottom glauben können. Paul Raymond revolutionierte London und Soho mit mal stil-, mal humorvoller Erotik. Am Ende der 50er Jahre verwandelte Raymond freizügige Zirkus Revuen in so genannte „Gentlemen’s Clubs“, die ersten Striptease Bars des Landes. Es folgten freizügiges Theater, Erotik Varietees und Magazine, die Raymond zu einem der reichsten, ja sogar zeitweise zum reichsten Mann Großbritanniens machten. Wie üblich aber zwingen Konkurrenzdruck, finanzielle Zwischentiefs und die sich ständig weiterentwickelnde öffentliche Wahrnehmung von Sex und Nacktheit Raymond dazu, immer weiter zu gehen, den Grenzbereich der gesellschaftsfähigen Erotik hin zur Pornographie und Prostitution zu beschreiten. 

„The Look of Love“ ist ein unentschlossener Film. Fast vier Jahrzehnte im Leben der Unternehmerfigur werden zusammengefasst und aufgearbeitet, angereichert mit einem übermäßigen Zusatz an Nebenfiguren und präsentiert in einem uneinheitlichen Gewirr aus Erzählweisen, spielerischen Ideen und Stimmungen. Eine gedoppelte Rahmenhandlung präsentiert uns den gealterten Raymond, wie er nach einem Schicksalsschlag auf sein Leben zurückblickt. Zunächst in Schwarz-Weiß, mit einem fast komödiantischen Ton, blicken wir auf die Anfänge der beruflichen Erfolgsgeschichte. Zwischendurch fühlen wir uns durch Montage und Voice Over kurzzeitig in einer Doku und wenn es auf den Varieteebühnen oder bei Fotoshootings heiß hergeht, findet Winterbottom erneut einen neuen, anderen Kniff, um das irgendwie ansprechend zu präsentieren. Das erschwert aber auch einen wirklichen Zugang zum Stoff, der uns unkoordiniert hin und her führt und emotional überrumpelt.

Die erste Hälfte ist noch ein frivoler Unterhaltungsspaß, präsentiert mit lakonischem Witz, viel Zeitkolorit und noch viel mehr nackter Haut. Wie man das bei Michael Winterbottom gewohnt ist. Steve Coogan besitzt als Typ genau die richtige Mischung aus legerem Playboy, arrogantem Unternehmer und selbstgefälligem Spaßvogel. Raymonds Diskussionen mit seiner ersten Frau Jean, lebhaft verkörpert von „Pushing Daisies“ Darstellerin Anna Friel, machen dank Wortwitz Spaß und haben Feuer. Jean, eine Choreographin, weiß von den außerehelichen Eskapaden ihres Mannes, toleriert sie, solange dieser auch immer wieder zurück nach Hause kommt. Bis er das irgendwann nicht mehr tut, als er sich in die neue Tänzerin Amber (Tamsin Egerton) verguckt. Damit beginnt ein schleppender und unausgewogener Wechsel im Tonfall. Mit der jüngeren Amber gibt sich Raymond unbefangen, kann sich äußerst leicht emotional von seiner Familie lösen und frönt einem ausschweifenden Sexualleben mit allem, was dazu gehört. In Raymonds Bett ist regelmäßig was los, häufig auch mit mehr als zwei Personen. So kriegen wir dann wieder und wieder eingehämmert, was für ein Typ Mann Raymond ist. Es wiederholt sich und nebenbei vergrößert und entwickelt sich im Schnelldurchlauf das Erotikimperium, während gleichzeitig die zweite Hauptfigur den Film betritt, deren Geschichte am Ende fast zentraler scheint, als die von Paul Raymond.

Tochter Debbie (überzeugend: Imogen Poots) war vor der Trennung der Eltern alt genug und eh auf ein Internat abgeschoben, um danach auf ihren Vater zuzugehen und durch ihn eine Karriere zu erzwingen. Immerhin weiß Raymond, wie man aus Frauen etwas macht, egal wie wenig Talent sie haben. Hauptsache, sie sehen gut aus. Die jüngeren Söhne bleiben bei der Mutter, wissen lange nichts von ihrem berühmten und schwerreichen Vater und entwickeln als junge Erwachsene unterschiedlich ausgeprägte Abneigungen oder Gleichgültigkeit gegenüber dem desinteressierten Vater. Der Auftritt von Debbie, ihre naive Vorstellung Sängerin zu werden und Raymonds Versuch, sie nach und nach in dieser, seiner geschaffenen Welt zu etablieren, machen aus dem bunten, lockeren 60er Jahre Rotlicht-Bilderbogen ein deutlich ernsteres Drama, das immer wieder von frivol-unterhaltsamen Einspielern und schwach integrierten Nebenhandlungssträngen zerschlagen wird. Obwohl gar nicht mehr so klar ist, welche Figur, welcher Handlungsstrang nun wirklich im Vordergrund steht. Raymonds Imperium? Raymonds Liebesleben? Die Beziehung zu Amber? Die öffentliche Wahrnehmung der „moralischen Verwahrlosung“? Oder tatsächlich Debbie, die innerhalb von gefühlten fünf Minuten heiratet, Kinder bekommt und drogenabhängig wird. Wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Nichts davon kann sich wirklich entwickeln, nichts ist wirklich interessant oder ansprechend genug. Trotz durchweg guter Darsteller stehen sich die tonalen Extreme immer wieder im Weg. 

Fazit:
Ein neckisch-frivoles Porträt einer Zeit, eines Ortes und dem dafür verantwortlichen großen Macher. Zur Hälfte recht unterhaltsam, durchweg gut gespielt und nicht ohne interessante Ansätze, aber stilistisch konfus. Der Film leidet an der typischen Biographie-Film Krankheit, lahmt an einem überfrachtetem Plot und dem unausgewogenen Konflikt zwischen Stimmungsextremen.

5,5 / 10

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