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Kritik:
Looper


von Christian Westhus

LOOPER
(2012)
Regie: Rian Johnson
Cast: Joseph Gordon-Levitt, Bruce Willis, Emily Blunt

Story:
Wenn kriminelle Organisationen im Jahr 2074 Leute spurlos aus dem Weg schaffen wollen, schicken sie sie per Zeitreise zurück ins Jahr 2044. Dort warten die so genannten Looper, die die zurückgeschickten Opfer erschießen und vernichten. Einer von ihnen ist Joe (Gordon-Levitt), der gedankenlos seinen Lohn kassiert und versucht das Leben zu genießen. Eines Tages sitzt jedoch sein Zukunfts-Ich (Willis) als Teil der Abmachung mit der Firma vor ihm und kann entkommen. Joe jagt sich selbst nach.

Kritik:
Science-Fiction funktioniert häufig am besten, wenn die technischen Details nur genutzt, nicht wirklich erklärt werden. Niemand braucht halsbrecherisch aus Halbwissen und Fantasie zusammengesponnene Erklärungen, um Raumschiffe mit Lichtgeschwindigkeit oder Teleportation in einem Film nachzuvollziehen. Mit Zeitreise verhält es sich ganz ähnlich. Die realen wissenschaftlichen Theorien zum Thema Zeitreise sind auch heute noch genau das, Theorien. Wie sehr das Ich der Vergangenheit das Ich der Zukunft beeinflussen kann, ob die Vergangenheit unveränderlich ist, oder wie es sich mit dem so genannten Großvater-Paradoxon verhält, kann ohne tatsächlich funktionierende und existierende Zeitreise nicht beantwortet werden. Zeitreise kann noch immer als Gedankenspielerei genutzt werden, mit einer ganz eigenen Kausalität, die wie „Zurück in die Zukunft“, elliptisch wie in „Twelve Monkeys“, oder die wie in „Looper“ ablaufen kann. Autor und Regisseur Rian Johnson entwirft seine ganz eigene Logik der sich kreuzenden Zeitlinien und ist dabei natürlich nicht vor eigenen Paradoxa gefeit, was den Spaß an der Sache aber keinesfalls mindert. Nahezu komplett ohne wissenschaftliche Andeutungen, als rein mechanisches und funktionierendes Element der Handlung, kurbelt die Zeitreise die Handlung an und Rian Johnson schickt seine Figuren auf die Reise in einem der mitreißendsten und cleversten Unterhaltungsfilme des Jahres. 

Rian Johnson, der mit dem High School Noir Film „Brick“ (2005) ein mehr als beachtliches Debüt feierte, inszeniert die Nahzukunft in „Looper“ auffällig unauffällig. Subtile Designs, coole, aber stets realistische Kostüme, dazu eine hippe Augentropfen-Droge und Düsen-Bikes, die noch so richtig schön nach knatternder und qualmender Höllenmaschine aussehen. Es ist im besten Sinne altmodisch, wie „Looper“ sich über weite Strecken anfühlt, gepaart mit spärlich eingesetzter moderner Technik und einer spielerischen Kaltschnäuzigkeit, die man in einem Genrefilm dieser Größe und Bekanntheit länger nicht gesehen hat. Mit klugen Ideen und großer Originalität mixt Johnson einen beinharten Thriller mit Sci-Fi Zutaten, Sozialkommentaren und bissigem Humor. Eine relativ frühe Szene, die die Bestrafung eines Mitarbeiters zeigt, ist dabei derart fies und unerwartet unangenehm (ohne unmittelbar brutal zu sein), dass sie noch lange nachwirkt.

Im Zentrum steht jedoch der wie so oft großartige Joseph Gordon-Levitt als Joe, ein junger Looper, der eigensinnig und ziellos den Job verrichten, mit der Aussicht später 30 Jahre sorgenfrei verbringen zu können. Mit kleinen, aber enorm effektiven Maskeneffekten und einer einstudierten Körpersprache kommt Gordon-Levitt seinem Zukunfts-Ich Bruce Willis verblüffend nahe. Eine großartige Sequenz – die man leicht mit einem logischen Lapsus verwechseln könnte – stellt die visuelle Verbindung zwischen den auf den ersten Blick doch recht ungleichen Männern dar und legt die Karten offen, um was es geht. „Looper“ ist keine Actionhatz durch die Zeit, sondern beschäftigt sich auf intelligente und mitreißende Weise mit grundlegenden Ideen der Zeitreise und ihrer Nutzungsmöglichkeiten. Fehler der Vergangenheit ausmerzen, geliebte Menschen retten, einfach eine zweite Chance erhalten, oder voraus schauen, ob sich die Mühe auch wirklich lohnt. Es ist absolut faszinierend, wie derselbe Mensch, auf zwei 30 Jahre entfernte Personen verteilt, so unterschiedliche Motive hat und doch so eng verbunden ist. Mutig dabei, wie das Drehbuch beide „Helden“ als komplizierte, ambivalente Charaktere zeigt, die nicht nur Fehler haben, sondern weiter gehen, für ihr in beiden Fällen nachvollziehbares Ziel zu mehr bereit sind, als man gewohnt ist. Die Sympathiefrage des Zuschauers wird auf eine harte Probe gestellt und genau das macht einen gewaltigen Reiz des Films aus. Johnson macht einen coolen Thriller, mit wenigen, aber wohl dosierten und effektiven Actionszenen. Aber er ist auch ein guter Geschichtenerzähler und einer, der bereit ist Neues und Ungewöhnliches zu wagen. 

Am mutigsten ist „Looper“ (und damit Johnson) darin, wie er die zweite Filmhälfte angeht. Subtile Andeutungen und beiläufige Details legen den Grundstein für einen Wandel, den man im Ansatz vielleicht sogar voraussehen kann, der einem in seiner Inszenierung und in den Ausmaßen seiner Wichtigkeit dennoch den Boden unter den Füßen wegzieht. Nicht jeder wird mit der eigenwillig veränderten Marschrichtung und dem auffällig ruhigen und langwierigen Mittelteil, der den Wandel (stilistisch und auch geographisch) durchführt, zufrieden sein. Und doch macht die Herangehensweise Sinn und bietet weiterhin starke Charakterszenen und Entwicklungen. Genau diese sind es, diese vollwertigen, gerade in ihrer Fehlerhaftigkeit so überaus spannenden Figuren, auf die es bei diesem Film ankommt. Die Zeitreise ist genauso nur ein Mechanismus die Figuren zu beeinflussen, sie auf ihre Reise zu schicken und ihnen Möglichkeiten zu geben, wie die Enthüllungen der zweiten Hälfte. Rian Johnson scheut sich dabei nicht, Wagnisse einzugehen und Erwartungen zu enttäuschen. Einen so ungewöhnlichen Genrefilm, der auf den ersten Blick gar nicht so ungewöhnlich (und auch nicht sperrig) wirkt, bekommt man in dieser Qualität nicht alle Tage vorgesetzt. Es ist ein Spiel, ein Wagnis, auf das man sich einlassen muss und das man sich nur zu leicht kaputt machen kann. Gelingt es, sich in diese paradoxe Welt mit ihren Unvorhersehbarkeiten einzufinden, ist „Looper“ ein absoluter Volltreffer.

Fazit:
Spannender und cleverer Sci-Fi-Thriller, der seine technischen Details klein hält und sich ganz um eine gute Story und gute Figuren kümmert. Logikfragen bleiben nicht aus und die zweite Hälfte betritt mutig Neuland, mit dem der Film nicht ausschließlich Fürsprecher gewinnen kann. Doch als origineller, top gespielter und mitreißender Genrefilm mit großer Figurenstärke kann „Looper“ absolut überzeugen.

8,5 / 10

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