Love and other Drugs
Nebenwirkung inklusive
von
Christian Westhus, mit Dank an Twentieth Century Fox
(PV)
LOVE AND OTHER
DRUGS
(2010)
Regie: Edward Zwick
Cast: Jake Gyllenhaal, Anne Hathaway
Story:
Jamie Randall (Gyllenhaal) ist auf der Suche nach
einem Job. Sein Talent: Leuten etwas aufschwatzen
und Sex. Er wird Vertreter in der Pharmaindustrie,
verkauft kurz darauf schwer erfolgreich Viagra und
trifft bald auf die junge Maggie (Hathaway), die an
Parkinson leidet. Beide landen zusammen im Bett,
aber emotional zieht sich Maggie mit ihrer Krankheit
zurück.
Kritik:
Man könnte sagen, es war lange überfällig, einen
Film über Viagra zu machen. Dies ist kein Film über
Viagra. Tatsächlich ist die Tragik-Romcom vom
sonstigen Spektakelregisseur Edward Zwick ein
gewaltiger, mitunter arg dreister Werbefilm für
Pfizer und die gesamte Pharmaindustrie. Das hat zwar
durchaus inhaltliche Relevanz, weil Gyllenhaals
Charakter auf Sex und aufs Verkaufen fixiert ist und
mit Pharma und Viagra die perfekte Schnittstelle
dafür gefunden hat, wird aber irgendwann nervig.
Auch die mögliche Behandlung oder gar Heilung von
Parkinson ist ein zentrales Thema, aber so wirklich
viel wird daraus nicht gemacht. Es ist alles da, die
Logos, die Firmen- und Medikamentennamen, die
Conventions und die wortgewaltig breit getretenen
Vorteile von Medikament XY, aber für die eigentliche
Handlung hat es wenig bis gar keine Bedeutung. Randy
könnte auch Sanitäter sein oder Kindergärtner und
trotzdem wäre sein Verhalten gegenüber Maggie und
anderen Frauen nachvollziehbar. Ein derart
überdimensionales Pharma-Schaulaufen ist nicht
nötig, aber durch Gyllenhaal immerhin ganz charmant
präsentiert.
Jamies berufliche Neufindung und das Erwachen neuer
sexueller Möglichkeiten treten klar hinter der
Beziehung von Jamie und Maggie zurück, sowie hinter
Maggies Kampf (eher resigniertes Aussitzen) mit
Parkinson. Aus der Krankheit wird von Beginn an kein
Geheimnis gemacht und Maggies
schnodderig-gleichgültige Außenwirkung lässt das
eigentlich tonnenschwere Thema in der ersten Hälfte
unauffällig angenehm (eher: nicht unangenehm)
wirken. In der ersten Hälfte befinden wir uns
nämlich mittendrin im Romcom-Terrain, wenn Randy
sich mit einem Pharmakonkurrenten anlegt, den Frauen
in bester George-Clooney-macht-sich-Kaffee-Manier
den Kopf verdreht und alle paar Minuten zu Maggie in
die Kiste steigt. Der Film profitiert davon, dass er
angenehm direkt, bisweilen schlüpfrig-frivol und ein
bisschen schmutzig ist, mit Nacktszenen der
Hauptdarsteller im Fünfminutentakt und einer
unverkrampft direkten Ausdrucksweise. Gerade mit
Womanizer Jamie und der zynischen, promiskuitiven
Maggie ist diese Herangehensweise von Vorteil, da es
weniger feige und eher authentisch wirkt, auf einer
unterhaltungsfilmtechnische Art und Weise. Freunden
typischer romantischer Komödien dürften hier ab an
die Ohren schlackern, wenn sie nicht durch viele
Jahre „Sex and the City“ akklimatisiert wurden. Das
amerikanische R-Rating ist in diesem Fall
gleichzeitig Warnung und Entwarnung, je nach
Erwartungshaltung an typische Filme dieser Art.
Und
Gyllenhaal und Hathaway haben
spürbare Freude daran, mit teils
durchaus netten Dialogen, großem
Mienenspiel, mit permanentem
Rumgeknutsche und feurigen
Fummeleien. Schön, dass der Film
dabei nicht zu sehr unter die
Gürtellinie zielt und selbst eine
Nebenfigur, wie beispielsweise
Jamies Millionen schwerer, aber in
Liebesdingen unbeholfener Bruder,
amüsant wirken. Das Geschehen spielt
sich jedoch zwischen Gyllenhaal und
Hathaway ab, nicht nur in der
Horizontalen. Besonders für Hathaway
ist es eine tolle Rolle, da sie die
gesamte Palette herunter spielen
kann, von unschuldig bis lüstern,
von witzig und verspielt bis
verletzte und betroffen. Jake
Gyllenhaal gelingt die George
Clooney Kopie erstaunlich gut, aber
der Junge hat ja auch ordentlich
Charisma und davon zehrt die eher
mittelprächtig ausgearbeitete Figur
enorm. Jamies Charisma weicht
irgendwann jedoch einem
übermotiviertem, dabei
unentschlossenen Beschützer, als der
Film mehr und mehr zum bitteren
Drama wird. Immerhin schleppte man
die ganze Zeit den großen
Parkinson-Klotz mit sich herum, da
kann es nicht die ganze Zeit mit
amüsanten Neckereien und
überzeichneten Nebenfiguren weiter
gehen.
Es wird ernst. Die wenig subtile
Bewusstmachung für Parkinson kann
man dem Film kaum übel nehmen,
besonders wenn ein Treffen von
Parkinsonpatienten und Angehörigen
so bewusst, aber auch leise
humorvoll daran appelliert. Der
Stimmungswandel wird jedoch gut
vorbereitet und entwickelt sich,
abgesehen von ein paar
Holzhammer-Aktionen, nachvollziehbar
und wohl dosiert. Die Zweiteilung
wirkt auch nicht immer vollends
harmonisch, aber es ist dennoch
schön zu sehen, dass sich ein Film
nicht ins gemachte Nest setzt und in
wohliger Sicherheit ausruht. Das
Wechselspiel aus Vergnügen und
Tränenkullern funktioniert zum
Vergleich zum Beispiel besser als
beim in eigentlich allen Belangen
unterlegenen „P.S. Ich liebe dich“.
So drückt „Love and other Drugs“
gegen Ende natürlich auch gewaltig
auf die Tränendrüse und serviert ein
wild zwischen den Stimmungsextremen
schwankendes Ende, wie also der
gesamte Film, der übrigens etwas zu
lang ist, dabei aber nie langatmig
wirkt, egal wie tief man schließlich
doch noch durch den Sumpf typischer
(und tendenziell oberflächlicher)
Romcoms watet.
Ed Zwicks Regie ist solide, aber was
einige Szenen regelrecht zerstört
oder zumindest in ihrer Wirkung
untergräbt, ist der aufdringliche
Einsatz von Musik. Permanent und
dabei aufdringlich in den
Vordergrund gespielt, scheint sich
Zwick nie ganz auf seine Darsteller
verlassen zu können. Nicht auf
Gyllenhaal und Hathaway und auch
nicht auf die Nebenfiguren, die zwar
eher unterforderte Stichwortgeber
mit Humor- oder Informationsfunktion
sind, aber dennoch auch ohne
ständiges Shalalala funktioniert
hätten. Tränen kullern mit Musik in
solch konstruierteren Filmen eh
meist besser, aber der Humor
funktioniert ganz alleine. Die Witze
zünden nicht immer und sind nicht
immer die Krönung der Originalität,
aber ab und an verirrt sich dennoch
ein witziger, sympathischer
Volltreffer in den Film. Sie
erfüllen, wie die Nebenfiguren,
ihren Zweck und das scheint hier
oberste Maxime des Films zu sein,
funktionieren. Das heißt zum Lachen
bringen, die Tränen purzeln lassen
und ganz allgemein zu unterhalten.
Das ist kein großes vielschichtiges
Kino mit einer entlarvenden
Geschichte, aber ein halbwegs
gelungener Versuch, das Romcom-Genre
etwas ernster und erwachsener
anzugehen.
Fazit:
„Love and other drugs“ ist eine
durchaus gelungene Tragik-Romcom mit
einem tollen Hauptdarstellerpaar und
offenherzigem Umgang mit Sex und
einer Krankheit Parkinson. Die
aufdringliche Werbung für die
Pharmaindustrie muss man schlucken,
ebenso wie ein paar stilistische und
emotionale Unebenheiten. Kann man
das, ist es ein abwechslungsreicher,
witziger wie dramatischer
Unterhaltungsfilm, der es oftmals
etwas besser macht, als einige
romantisch-humorvolle
Unterhaltungskollegen.
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