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KRITIK:

Love Exposure


von Christian Westhus

Ai no mukidashi (2008)
Regie: Shion Sono
Cast: Takahiro Nishijima, Hikari Mitsushima, Sakura Andô

Story:
Als Yûs Mutter stirbt, wendet sich sein Vater der Kirche zu und wird Priester. Dort lernt er eine Frau kennen und verliebt sich. Von dieser Frau verlassen, begegnet er seinem Sohn mit religiöser Strenge und zwingt ihn, täglich seine Sünden zu beichten. Da Yû keine Sünden vorzuweisen hat, zieht es ihn auf die Straße, um für Gott und seinen Vater Sünden zu begehen. Schnell wird Yû ein Experte für heimlich geschossenen Unterhosenfotos von Mädchen. Als König der Perversen blüht er auf, doch lieben kann er nur eine Frau, seine heilige Maria. Die scheint er bald in der haltlosen Yoko gefunden zu haben. Doch Yoko verliebt sich in die heldenhafte Retterin Sasori, die jedoch nicht ist, was sie vorgibt zu sein. Im Hintergrund zieht zudem noch die krankhafte Koike die Fäden und die „Zero Church“ Sekte sucht nach Mitgliedern. Der Beginn eines wirren Tohuwabohus…

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Kritik:
Wer im Kino (meint hier nicht den Ort, sondern das Medium, den Film) was erleben will, sollte häufiger filmische Fernreisen nach Fernost machen. Insbesondere die Japaner haben nicht ohne Grund den Ruf als (im positiven Sinne) irrste Filmnation der Welt. „Love Exposure“ ist ein erneuter, wild gewordener Beweis dafür. Ein bis über den Rand gefülltes Sammelsurium an Genres, Stimmungen und Ideen, wirr und lebendig – und knapp vier Stunden lang. Ganze sechs Stunden war Shion Sonos erste Schnittfassung, die dann um zwei Stunden verkürzt wurde. Die Laufzeit ist bei diesem Jahrmarkt der Verrücktheiten und der wirren Charaktere auch absolut angemessen, wenn man halbwegs ein Gefühl für die Figuren und ihr Handeln bekommen möchte. Dass nahezu jede Figur auf die eine oder andere Art einen an der Klatsche hat, ist da nur ein Nebenaspekt. Und Sono liebt seine Verrückten, seine Perversen und Psychopathen. Nur die Kirche ist tückisch. So weit sind wir aber noch nicht.

Teenager-Actiondrama-Religionssatire-Liebesfilm mit Shakespeare Anleihen: Übergroße Emotionen, ein Humorspektrum von niedlich bis vulgär, dazu fiese Intrigen. Der geballte Wahnsinn entfaltet sich zunächst ruhig, wenn Yû sich an seine Mutter erinnert, die vor der Madonnenstatue betet. Als sein Vater jedoch die aufgedrehte Kaori kennen lernt, die sich mit aller Macht und im wörtlichen Sinne an den Priester schmeißt, geht es los. Etwas überhastet ist die Beziehung plötzlich aus und der Vater wird zum besessenen Fanatiker, der mit apathischer Ruhe die Buße seines Sohnes einfordert. Das geht schon reichlich schnell und noch sind kaum zehn Minuten vergangen. Zu erahnen, was die folgenden 200+ Minuten wohl bringen werden, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht weil es komplett fern jeder Realität absurd ist, sondern weil man derartige Entwicklung schlicht nicht voraussehen kann. „Love Exposure“ könnte auch eine Serie sein, die man ohne Unterbrechung am Stück guckt, so sehr führt eine Entwicklung zur erneuten Überraschung, zum nächsten Genre- oder Perspektivwechsel. Dabei ergötzt sich Sono nicht bloß an zelebrierter Konfusion, sondern erzählt mit Wucht und Originalität eine weit reichende, unmöglich einzuordnende Geschichte, die im Kern (u.a.) eine große Liebesgeschichte ist

„365 Tage bis zum Wunder.“, heißt es zu Beginn auf einer Texttafel. Der Countdown läuft rasch ab, während Yû sich bemüht, seinem Vater bei der Beichte nach Möglichkeit eine Sünde präsentieren zu können. Fast spontan landet Yû auf der Straße bei einer Gang, mit der er fortan um die Häuser zieht. Seine Motivation ist die Liebe und der Respekt zu seinem Vater und zu Gott, denen diese Sünden auf verquere Art und Weise gewidmet sind. Doch schnell hat Yû, zunächst unbewusst, die Fesseln des anständigen Christen (die in Japan eher Außenseiter-Status haben) abgeworfen und bekennt sich zu seinen Sünden. Und seine Sünde, die, die ihn zum Helden bei der Gang macht, inklusive drei enorm treu(doof)er (und absolut herzensguter Gangster-)Freunde, ist Tosatsu. Bei einem schrillen Großmeister erlernt Yû die Techniken für die heimliche Höschenfotografie. Mit Kampfsport- und Tanzeinlagen, sowie purer Unverfrorenheit, schießt Yû Höschenfoto um Höschenfoto. Schnell ist er der König der Perversen, der Hentais, und lernt seine dreiköpfige Gefolgschaft an. Mit schrillem Humor wird die Dreistigkeit der Fotos geschickt umgangen. Es sind naive Lausbubenstreiche, die in passender Umgebung geradezu verehrt werden und klar als bessere Alternative zur religiösen Bigotterie gezeigt werden. Dass der Umgang der „Perversen“ untereinander, die sich auch selbst meist so nennen, locker und schräg ist, dürfte klar sein.

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Yû jedenfalls fühlt sich glücklich mit den Fotos, spart sich – inklusive seiner ersten Erektion – aber für seine Traumfrau, der heiligen Maria, auf. Einige Charaktere sind im Laufe der Handlung sehr überzeugt von Gott, dem coolen Typen, der ihnen aus einer schwierigen Lage geholfen hat, doch von echter Frömmigkeit, bzw. Ikonenverehrung in Yûs Falle, ist das weit entfernt und ist auch die Gesinnung des Films weit entfernt. Yû sieht seine Traumfrau, die bald das Gesicht der jungen Yoko haben wird, abwechselnd als keusche Madonna oder als Schulmädchen mit hoch wehendem Röckchen. Meist begleitet von der bald darauf ständig einsetzender Vollerektion. Der Ständer als vulgär-amüsantes Symbol der wahren Liebe. Und es funktioniert. Schließlich ist der Countdown abgelaufen. Das Wunder ist geschehen und nach etwa einer Stunde (das entspricht auch in Japan rund 60 Minuten) wird der Titel eingeblendet. Ein einstündiger Prolog also, der die Ausgangssituation und die handelnden Figuren festlegt. Die Eier muss man überhaupt erstmal haben, einen 17-jährigen Höschenfotografen zum heldenhaften Oberromantiker zu stilisieren, der sich für die wahre Liebe aufhebt. Und das in einem einstündigen Intro. Starkes Stück.

Und Sono hat gerade mal Luft geholt. Die wilde Fahrt wird nun erst richtig wild. In zwei kurzen Zwischenkapiteln – kurz heißt hier immer noch 20 Minuten und mehr – werden uns die beiden weiblichen Hauptfiguren Yoko und Koike vorgestellt. Und eins ist sicher, im Westen wäre ein solch grandioser Irrsinn der Sinneseindrücke und Seherfahrungen nicht möglich. Schon gar nicht in dieser Qualität. Beide Mädchen haben nach einer schwierigen Kindheit und Jugend mit gewalttätigem Elternhaus ein ganzes Arsenal an Psychosen ins Oberstübchen gepackt, gehen damit aber zunächst unterschiedlich um. Von Männerhass mit angedeuteten lesbischen Neigungen, inklusive Entführung, Gewalt und Drogenhandel, bis hin zur extrem blutigen Genitalverstümmelung (Einen Lars von Trier essen manche Japaner zum Frühstück oder wie oder was?) ist alles dabei. Der Ton ist überdramatisch, aber nie wirklich ernst. Mit extrem amüsierter Fassungslosigkeit (was auch immer das genau sein soll) beobachtet man dieses wild montierte Treiben und sieht sich plötzlich zwei verwirrten Mädchen gegenüber.

Während Koike die Schwester im Geiste von Kill Bills Gogo sein könnte, irritiert Yoko, auch dank Hikari Mitsushimas hinreißend niedlicher Art, mit süßlicher Schuldmädchenattitüde und Sehnsucht nach wahrer Liebe. Von einer Familie losgesagt, verfällt sie ihrer Retterin in der Not: Sasori. Dass unter der Fassade der schwarz gekleideten Sasori ein alter Bekannter steckt, wirbelt das Liebeskonstrukt nur noch weiter durcheinander, bis sich zwischen Yû und Yoko im Verhältnis erneut etwas ändert. Das gleicht bisweilen einer romantischen Komödie, wenn Geschlechter vertauscht, Masken getragen und Bezugspersonen gewechselt werden. Mit dabei natürlich auch Koike, die manipuliert und beobachtet, dabei immer in Begleitung von zwei stummen Handlangerinnen und einem mega lässigen Wellensittich, der – cool wie er ist – ständig bei Koike abhängt. Koikes Interessen und Absichten sind an der Oberfläche offensichtlich, im Kern reichlich konfus. Das wird in ihrem Fall auch bis zum Schluss so bleiben. Ihre Anwesenheit bringt jedoch noch etwas Pfeffer ins Spiel (als wenn das noch nötig gewesen wäre), wenn die drei Hauptfiguren quasi wie in einer WG zusammenwohnen. Mit dünnen Wänden, vielen Geheimnissen und der manipulierenden Koike wird die oft beschrieene ‚Teenage Angst’ auf humorvolle Art behandelt. Überhaupt könnte der Film als überzeichneter, dennoch zutreffender Jugendfilm bezeichnet werden, der Themen wie Liebe, Veränderung, Abnabelung vom Elternhaus, berufliche Zukunft und Wirken auf die Gesellschaft geschickt thematisiert.

Und dann ist da ja auch noch die Kirchen- und Sektenthematik, die im letzten Drittel besonders deutlich zum Tragen kommt. Die Parallelität von Perversion und Religion ist nicht gerade subtil, wie das gesamte Themenkuddelmuddel nicht wirklich subtil oder übermäßig zielstrebig ist. Es ist jedoch anschaulich und als bewusstseinserweiternde Erfahrung funktioniert es vorzüglich. Mit dem letzten Drittel, passend auch zum Disk-Wechsel bei der DVD, verändert sich der Ton erneut radikal. Zuvor war es schrill und weitgehend heiter, zumeist dank greller Überzeichnung. Nun macht Sono ernst und mit ihm die ‚Zero Church’, die sich mit krassen Methoden Leute einverleibt. Natürlich droht auch Yoko in ihre Fänge zu geraten. Dank der vorherigen Erlebnisse fühlt man sich durch den Stimmungswechsel auch nicht überrumpelt und so ganz entgleitet Sono der überspitzte Ton eh nie. Zu selbstbewusst geht er mit der Materie, den Figuren und den vielen Stileinflüssen um. Sono schrieb auch das Originaldrehbuch zu diesem Ungetüm. Kein Roman, kein Manga als Vorlage, sondern filmische Neuerschaffungsfreude, die als schiere Ungewohnheitserfahrung schon ein Volltreffer ist.

Dass manches Spielerei ist und dabei nicht immer zu 100% funktioniert – geschenkt. Etwas unsaubere Schnitte, manchmal zu unentschlossene Einstellungen, dazu ein bisschen Split-Screen hier, Kapiteltafeln dort und viel Musik. Es gibt eigentlich nur vier wirklich markante Musikstücke, die jedoch immer wieder verwendet werden. Nicht immer kleidend. Ravels Bolero, beispielsweise, dominiert das erste Viertel dermaßen, ohne wirklich jemals markant heraus zu stechen, dass er schnell nervt. Der sakrale Kirchenchor scheint eher wahllos mit den religiösen Szenen verknüpft und Beethovens markanter zweiter Satz der siebten Symphonie findet nur all zu oft kaum wirkliche Inhaltsentsprechung. Wenn Beethoven aber wirkt, dann richtig. Alle drei jungen Hauptdarsteller liefern in ihren schwierigen Rollen tolle Leistungen ab. Schwierig, weil sie schnell ins Lächerliche abdriften können, doch sowohl Yû als romantischer Perverser, wie auch Koike als teuflische Strippenzieherin, besitzen Relevanz und Bodenhaftung. Doch Hikari Mitsushima ist die absolute Entdeckung des Films. Während Beethoven mal wieder aus den Lautsprechern donnert, trägt sie mit einer unglaublichen Inbrunst das ‚Hohelied der Liebe’ aus der Bibel vor. Plötzlich sind Gesten und Emotionen überlebensgroß, doch was wie Karikatur klingt, funktioniert in diesem Film schlicht hervorragend. Die ernste letzte Stunde ist ein mitreißender Rausch. Wenn Sono Gewalt zeigt, dann heftig und typisch Japanisch, ergo mit satt roten Blutfontänen. Er besitzt aber immer einen Kniff, der seiner Tour de Force der Gefühle ein letztes Bisschen Lockerheit zurückgibt, auch wenn sich die Protagonisten gerade die Seele aus dem Leib schreien und weinen.

Shian Sonos filmisches Feuerwerk ist ein Beweis für die Möglichkeiten des Kinos, abseits von Effekthascherei und Technik. Sono schreibt und inszeniert gegen jede Gewohnheit und zelebriert eine erzählerische Freiheit, die man einfach genießen muss. Dass er dabei einen thematisch und stilistisch reichhaltigen Film geschaffen hat, bevölkert mit herrlich überdrehten Figuren, der mit seiner radikal übers Ziel hinausschießenden Lauflänge nahezu konstant mit tollen Ideen und Experimenten unterhält, ist absolut bemerkenswert.


Fazit:
Ein vierstündiges Feuerwerk an Ideen, Stilen und Emotionen. Ungeachtet jeder Konvention prallen hier enorm wirkungsvoll Jugendliebe, schrille Komödie, Action und Drama aufeinander. Stets wild und niemals vorhersehbar, mit einer ganzen Wagenladung an kritisch religiösen Themen, die mit einer noch viel größeren Wagenladung an weiteren Impressionen zu einem unglaublich mitreißenden und unterhaltsamen Ganzen vermischt werden. Stark.

8 / 10

 


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