BG Kritik:

Man of Tai Chi


von Michael Eßmann

Man of Tai Chi (USA, 2014)
Regisseur: Keanu Reeves
Cast: Tiger Hu Chen, Keanu Reeves, Karen Mok, Simon Yam, Iko Uwais

Story:
Der zwielichtige Geschäftsmann Donaka Mark (Keanu Reeves) veranstaltet illegale Untergrund-Kämpfe mit tödlichem Ausgang, welche er als eine Art extreme Reality-Show an zahlungswillige Klientel überträgt. Eines Tages gerät der junge Martial Arts-Kämpfer Tiger Chen Lin-Hu (Tiger Hu Chen) in sein Blickfeld, und er beschließt dem Ling Kong Tai Chi-Schüler ein Angebot zu unterbreiten. Gleichzeitig versucht die aufrechte Polizistin Sun Jingshi (Karen Mok) den illegalen Fight Club hochgehen zu lassen.



Keanu Reeves gehört (trotz seines meist nur stoischen und versteinert wirkenden Gesichts-ausdruckes) seit nunmehr über 20 Jahren zum festen Bestandteil des Unterhaltungskinos aus Hollywood und durfte sich so im Laufe der Jahre die Leinwand mit u.a. Al Pacino, Morgan Freeman, Rachel Weisz, Denzel Washington oder auch Patrick Swayze teilen. Wenn sich nun ein Hollywood-Star wie Keanu Reeves zum ersten mal hinter die Kamera wagt, ist die Erwartungs-haltung selbstredend etwas höher, als wenn ein Unbekannter sein Debüt gibt. Und das nicht erst seit Ben Affleck. Wenn es dann noch ein Martial Arts-Film werden soll, der im Vorfeld mit nie dagewesenen Kameratechniken angekündigt wird, steigt die Erwartung entsprechend. Kann der Star aus Gefährliche Brandung, Speed und natürlich der Matrix-Trilogie hinter der Kamera als kreativer Kopf überzeugen?

Das Regiedebüt von Keanu Reeves


Einfach hat es sich Reeves jedenfalls nicht gemacht mit seinem Debüt. Denn wo andere Kollegen zuerst mal was eher Gängigeres angehen, geht Reeves einen anderen, deutlich unkonventionellen Weg. Statt z.B. auf eine Riege namenhafter US-Stars zu setzen, verwendet Reeves (bis auf sich selbst als Bösewicht) ausschließlich asiatische Darsteller und dreht einen Film in der Landessprache, wodurch im O-Ton mindestens 80 Prozent Kantonesisch und Mandarin gesprochen, und Englisch untertitelt wird. Dem (US) Massenpublikum verschließt sich Reeves somit anscheinend in voller Absicht, in dem er ein absolut nicht westlich angepasstes Werk offeriert. Über die deutsche Synchronfassung kann an dieser Stelle leider noch keine Aussage getroffen werden, gesehen wurde die O-Ton Pressevorstellung.

Über was aber gesprochen werden kann, und muss, sind die Kampfszenen. Und um es direkt aus der Welt zu schaffen, die hierfür vor Beginn der Produktion in diversen Videos und Berichten angepriesenen neue Kameratechniken haben es nicht in den Film geschafft. Die Gründe hierfür liegen im relativ moderatem Budget von 25 Millionen Dollar, welches dies schlussendlich einfach nicht her gab. Macht aber nichts, denn die oft sehr nah am Geschehen bleibende, sich flüssig, fast fließend durch den Raum bewegende und mit den Kämpfern mitgehende oder diese umkreisende Kameraführung ist auch ohne neue technische Innovationen beeindruckend und im höchsten Maße effektiv und gekonnt von Kameraveteran Elliot Davis (u.a. Out of Sight, Die Eiserne Lady) umgesetzt. Die Kämpfe wirken sehr beeindruckend und als Zuschauer ist man oft nah am Geschehen, und kann die Wucht der Schläge fast fühlen. Kein Wunder, holte sich Reeves doch für die Choreografie der Kampfszenen fachmännische Unterstützung der Oberklasse, indem er den chinesischen Martial-Arts-Choreografen Yuen Woo-ping (u.a. Matrix-Trilogie, Tiger & Dragon) die Kampfszenen choreografieren ließ. Und dieser Schachzug zahlt sich in jedem der wirklich zahlreichen und teilweise verdammt langen Kämpfe aus, denn diese sind größtenteils mehr als nur ansehnlich und spannend geworden. Ja, man kann es gar nicht genug betonen, die Kämpfe sind größtenteils erste Sahne, und wenn man nicht gerade Vergleiche mit dem aktuellen Genre-Primus The Raid zieht, absolute Welt-Spitze. Abgesehen vom Finale, aber dazu später.

Der größte Knackpunkt, an den ansonsten ziemlich realistisch rüber kommenden Kämpfen kommt danach, und ist in den Nachwirkungen der harten Kicks und Punches zu sehen. Denn es gibt fast keine. Denn auch wenn in den Kämpfen zumeist kein Blut fließt, so erscheint es doch absurd, Tiger trotz sichtlicher und harter Treffer, in 9 von 10 Fällen keine Blessuren davon tragen zu sehen. Dies wirkt im Angesicht der vorherrschenden Härte der Treffer, wenig sinnig. Gar irritierend und die Härte immer wieder rückwirkend abwertend. Trotzdem lebt der Film von den Kämpfen, und diese sind zugleich auch dessen Existenzberechtigung. Ein kurzer Auftritt von The Raid Action-Bombe Iko Uwais kann allerdings als verschwendet angesehen werden, da er wenig zu tun bekommt, und nichts von seinem Können auspacken darf. Abseits der Kämpfe ist die Handlung zäh und durchschaubar, die Figuren klischeehaft und die Erzählstruktur und Inszenierung unspannend und uninspiriert. Denn es ist nunmal schlicht nicht besonders spannend oder einfallsreich, wenn sich Regisseur und Filmbösewicht Keanu Reeves in gefühlt 100 Einstellungen, - und mit zu 99 Prozent versteinerter Mine - auf unterschiedlichen Möbelstücken sitzend positioniert und dabei Bildschirme in unterschiedlichsten Größen anstarrt. Selbiges lässt sich auch auf die sich ständig gleich anfühlenden und sich wiederholenden Observierungen durch die engagierte Polizistin Sun übertragen. Zu beliebig gleichmütig und sich zu oft wiederholend.

Tiger Chen ist Reeves langjähriger Kampfsport-Trainer


So merkt man dem Debüt in der Gesamtheit zwar die Liebe die Reeves dem Genre gegenüber verspürt an, aber im gleichen Atemzug auch dessen Unerfahrenheit was Spannungsaufbau und Storytelling angeht. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Man of Tai Chi trotz durchschnittlicher Lauflänge deutlich zu lang anfühlt. Dies liegt aber fast ausschließlich an den Szenen zwischen den Kämpfen, die Klischee an Klischee reihen, und zäh wie 3 Tage altes Kaugummi sind. Gegen Ende gibt es gar noch einen Twist, der völlig verpufft. Oft wirken diese Szenen zwischen den Kämpfen sogar unfreiwillig komisch. Besonders wenn Reeves plötzlich anfängt Grimassen zu ziehen. Abseits solcher Ausfälle bleibt es schauspielerisch aber größtenteils im Rahmen des Erträglichen, denn neben gelegentlichem Overacting nahezu aller Beteiligten, gibt es auf dem Gebiet kaum schlimme Ausfälle. Und so kann Hauptdarsteller Tiger Hu Chen auch abseits der Kämpfe durchaus überzeugen, macht eine in diesem Umfeld betrachtet relativ glaubhafte Entwicklung durch, und man darf sich sogar mit Recht fragen, wieso der Stuntman bisher nicht öfter vor die Kamera trat. Für einen Film dessen sichtlicher Fokus auf gut choreographierten Kampfszenen liegt, geht das schauspielerisch wie gesagt alles in Ordnung.

Was aber wahrlich nicht in Ordnung geht sind einige CGI-Szenen, wie ein Hubschrauberflug oder ein heftiger Blechschaden. Letzterer ist so schlecht, er könnte von den D-Movie Jungs von The Asylum auf einer PS2 gerendert, oder alternativ vom Team hinter der legendär schlechten Motorradszene aus Lockout stammen. Umso ärgerlicher, es hätte dieser Szenen überhaupt nicht bedurft, bzw. wäre weniger hier deutlich mehr gewesen. Denn in der Summe ziehen diese und weitere Negativer das Kampfkunstwerk deutlich runter, da der Fluss welcher die Kampfszenen auszeichnet, im Rest des Films größtenteils verloren geht. So rettet sich der Film fast nur von Fight zu Fight. Aber auch nur bis kurz vor Schluss. Denn dann schießt Regisseur Reeves den sprichwörtlichen Vogel mit dem bereits vorher angesprochenem Finale ab. In diesem kann es sich der Ex-Neo leider nicht verkneifen, sich selbst seinem Hauptdarsteller zu stellen. Dies ist zwar konsequent, und durchaus ein klassischer Film-Moment, aber hier und in der Form auch dumm. Denn der Kampf kann die vorher aufgebauten Erwartungen an einen Finalkampf überhaupt nicht erfüllen, da Reeves schlicht und sichtlich das benötigte kämpferische Können fehlt, um auch nur im Ansatz mit Tiger Hu Chen mitzuhalten. Dadurch wird es mehr zur Farce, und wieder mal unfreiwillig komisch. Denn es wirkt nie so, als könne Reeves tatsächlich und ohne Drahtseile mithalten oder gar gegen Tiger punkten.

Fazit:

Die Story ist weitestgehend vorhersehbar, aber an dieser Stelle wollte (oder konnte) Reeves wohl keine neuen Akzente setzen. Stattdessen ist sein Man of Tai Chi offenkundig eine versuchte moderne Hommage an den chinesischen Martial Arts-Film, - kombiniert mit Teilen der Truman Show - und als solche zumindest für Fans des Genres einen Blick wert, da Hauptdarsteller Tiger Hu Chen und seine Kontrahenten sichtliche Könner sind. Zusammenfassend bekommt man viele tolle Kampfszenen, in einem ansonsten mehrheitlich schwächeren Film, der deutlich besser hätte sein können und dürfen.

5,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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