BG Kritik:

Maps to the Stars


von Christian Westhus

Maps to the Stars (Kanada, USA, Deutschland, Frankreich 2014)
Regisseur: David Cronenberg
Cast: Julianne Moore, Mia Wasikowska, John Cusack, Evan Bird, Robert Pattinson, Sarah Gadon, Olivia Williams

Story:
Diverse Personen in und um die Familie Weiss und ihr verkorkstes Leben in der Showbiz Upperclass von Los Angeles, darunter ein frisch aus dem Drogenentzug entlassener 13-Jähriger, eine aus dem Exil zurückkehrende psychotische junge Frau, ein psychotherapeutischer Masseur und eine alternde Schauspielerin, die die Rolle ihrer verhassten Mutter in einem Remake spielen möchte.

Moloch Hollywood. In seinem neusten Film wirft der kanadische Kult-Regisseur David Cronenberg einen Blick auf die hässliche „wahre“ Fratze der Traumfabrik.

Der erste Film, den David Cronenberg in den USA drehte.


Es ist zu gleichen Teilen treffend und irritierend, dass ausgerechnet einer wie David Cronenberg mit Gift und Galle gegen die Scheinwelt Hollywood und die verkommene Celebrity Realität von Los Angeles zu Felde zieht. Cronenberg, der auch nach seinen größten Erfolgen stets in Kanada verankert blieb, mehr mit dem europäischen Autorenfilm zu tun hatte, als mit Hollywood, ist eine Randfigur des Glitzers und Glamours, ein Beobachter, ein Außenstehender. „Ich bin vom Jupiter“, sagt Agatha (Mia Wasikowska), als sie sich bei ihrer Rückkehr nach Los Angeles vorstellt. Jupiter ist für sie Florida, doch wenn man Cronenberg überhaupt mit einer dieser von Drehbuchautor Bruce Wagner entworfenen Figuren verbinden möchte, dann mit Agatha. Als Rückkehrerin ist sie auch die nächste Verbindungsinstanz zum Zuschauer. Agatha kennt Hollywood, doch sie war lange nicht hier und in ihrer Abwesenheit hat sich einiges verändert.

So scheint es jedenfalls, doch „Maps to the Stars“, mit seinem nicht immer zielgerichteten Rundumschlag gegen Film- und Showbusiness, wirft den Vorschlag in den Raum, dass es schon immer so war und immer so bleiben wird. „Zeit ist ein flacher Kreis“ – wie es jüngst in der gänzlich anders gestrickten und doch vergleichbaren TV-Serie „True Detective“ hieß. Die alternde Schauspielerin Havana Segrand (Julianne Moore) steht beispielsweise kurz vorm Nervenzusammenbruch. Rollen werden rarer und sie wird älter. Als man das Remake eines Films plant, durch den ihre schauspielernde Mutter berühmt wurde, will Havana diese Rolle unbedingt haben. Sie will zu ihrer Mutter werden, in das Andenken ihrer Mutter schlüpfen, obwohl sie Therapeut Stafford Weiss bei den Massage-Sessions erzählt, wie sie von ihrer Mutter angeblich misshandelt wurde. Havana ist das gepeinigte Kind, von der Mutter vermeintlich misshandelt und unfähig, aus dem übergroßen Schatten der mythologisch früh verstorbenen Erzeugerin zu entkommen. Es ist die grell-böse Ironie dieses Films, dass das erwachsene Kind Havana Segrand vom Schicksal eines anderen Kindes profitiert, um ihrem Ziel einen Schritt näher zu kommen.

Viggo Mortensen und Rachel Weisz sollten ursprünglich Rollen spielen.


Hollywood ist wie Saturn, es frisst seine eigenen Kinder. Und die Kinder fressen sich selbst. Der 13-jährige Benjie Weiss wurde früh berühmt, erfolgreich und unangemessen reich, ergo landete er in der Drogenentzugsklinik und entwickelte schon früh einen ekelerregend arroganten Geltungsdrang. Als Personifikation jung-berühmter Stars, von Drew Barrymore, Britney Spears bis hin zu Justin Bieber, erforscht Cronenberg in Benjie den Showbiz-Jugendkult und den Kreislauf, wie dieses Umfeld schon frühzeitig die Nachfolgegenerationen vergiftet. Bisweilen werden Cronenberg und Bruce Wagners Drehbuch etwas plump, wie das häufig passiert, wenn man frühreife Jugendliche wild drauf losquatschen lässt. Überhaupt schleicht sich im Mittelteil eine gewisse Monotonie und Gleichförmigkeit ein, wie und wo Hollywood mit Gift besprüht wird. Leute vögeln durch die Gegend in zuweilen arg abseitigen Praktiken, nehmen in einer Tour Drogen und werfen mit wüsten Beschimpfungen um sich, mal direkt, mal hinterrücks. Spätestens beim zweiten Mal haben wir es verstanden. Klar, Hollywood macht seine Teilnehmer zu kalten und gemeinen Egomanen, die im Angesicht einer privaten Tragödie anderer Leute daheim trällernd ein Freudentänzchen aufführen, öffentlich aber ganz gezielt ihren Mascara mit Tränen ruinieren.

„Maps to the Stars“ ist weniger Satire, als vielmehr eine wilde Attacke, ein aus der Fußsohle hervorgeholter Batzen Galle, der mit Verachtung auf den Boden gerotzt wird. Cronenbergs Film fasziniert am meisten, wenn er das Wechselspiel aus Vergangenheit und Gegenwart aufgreift, sei es im Rollenkampf der Havana Segrand oder der Panik der Familie Weiss, nun da die destruktiv veranlagte und potentiell gefährliche Tochter wieder in der Nähe ist. Die sprichwörtlichen „Geister der Vergangenheit“ lässt Cronenberg plötzlich zu tatsächlichen Geistern werden, Phantasmen des Vergangenen, die die Lebenden beeinflussen. Es passt zu diesem faszinierend-unausgegorenen Film, auch wenn man Cronenberg anmerkt, dass ihm das Übernatürliche nicht so viel Spaß macht, wie die reale Selbstzerfleischung seiner Protagonisten. Cronenberg muss niemandem mehr etwas beweisen und so inszeniert er routiniert, aber auch etwas flach, in häufig etwas zu stark ausgeleuchteten Räumen. Dem Bösen und Gemeinen fehlen mitunter Biss und Abwechslung. Dafür lässt er seine Darsteller ungehemmt walten, was insbesondere Julianne Moore zu einer faszinierenden, hysterisch-psychotischen Höchstleistung antreibt. Auch Mia Wasikowska als andersweltliche Agatha, Robert Pattinson in einer kleineren Nebenrolle, und der junge Newcomer Evan Bird können überzeugen. Die Parallelen zu David Lynchs Hollywood-Albtraum „Mulholland Drive“ liegen nahe. Lynchs Meisterwerk ist witziger, emotionaler, unheimlicher, während „Maps to the Stars“ in erster Linie gemeiner ist. Es ist ein Film, der zuweilen so unfokussiert und chaotisch wirkt, wie seine Protagonisten. Ein faszinierendes Chaos.

Fazit:

David Cronenbergs grell-böse Attacke auf Hollywood und Celebrity-Kultur ist ätzend gemein und unterhaltsam böse, hat faszinierende Ideen und tolle Darsteller, auch wenn Film und Gesamthandlung kaum zu einem wirklich kohärenten Gesamtfilm zusammenfinden können.

6,5 / 10
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