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KRITIK:

Mary & Max


von Christian Westhus

Mary & Max (2010)
Regie: Adam Elliot

Story:
Mary ist acht Jahre alt, lebt in Australien und ist einsam. Die Mutter raucht und trinkt, der Vater ist meist geistig abwesend und Freunde hat sie keine. Durch Zufall gerät sie an die Adresse von Max und schreibt ihm. Max ist Mitte 40, lebt in New York und findet die Welt sehr verwirrend. Beide teilen sich in ihren Briefen ihr Leben, ihre Welt, ihre Ängste, Sorgen und Wünsche mit, bis eine Freundschaft entsteht, die gleich mehrfach auf eine harte Probe gestellt wird.

Adam Elliots
Debütfilm

Kritik:
2009 war ein Granatenjahr für den Animationsfilm und alle Welt redete von „Oben“, „Fantastic Mr. Fox“, „Coraline“ oder „Küss den Frosch“, womit dann auch drei markante Stile (Computeranimation, Stop-Motion und klassisch Handgezeichnetes), abgedeckt waren. Da kann man den erwartungsgemäß viel zu späten Kinostart in Deutschland fast als Glücksfall bezeichnen. Als australischer Stop-Motion Animationsfilm aus Knetmasse, mit schwarz-weiß Bildern und Knautschgesichtern, hat es der Film wahrscheinlich eh nicht so leicht beim Publikum. Dabei ist „Mary und Max“ ein Juwel, ein absoluter Glücksfall von Film. Eine emotionale Wucht, wie die erste Viertelstunde aus „Oben“ in Spielfilmlänge.

Animationsfilme sind nicht automatisch Kinderfilme. Das dürften mittlerweile die meisten Zuschauer begriffen haben. „Mary und Max“ demonstriert die Möglichkeiten dieser Erzählform erneut, beleuchtet die Innenwelt einer achtjährigen Außenseiterin und eines pathologisch ängstlichen Ü40ers. Zwei Generation, zwei Kontinente und selbst als zwanzigjähriger Europäer dürfte man sich der Magie des Films nicht entziehen können. „Mary und Max“ ist besonders emotional eine selten erlebte Wucht, ein sprichwörtliches Wechselbad der Gefühle, das alle Spielarten beherrscht und wunderbar kombiniert. Dieses fantastische Filmerlebnis platt als „Tragikkomödie“ abzutun wird ihm nicht gerecht. Da kann man auch glatt das obligatorische „Basierend auf wahren Begebenheiten“ ignorieren, denn Adam Elliots Inszenierung ist eigenständig und wirkungsvoll genug. Es sind die Figuren, die uns ans Herz wachsen, die wir kennen lernen und in die wir uns hineinversetzen können. Ihre Probleme sind entweder universell oder auf eine andere Ebene übertragbar.

Dabei ist der Film keineswegs ein simpler Film über zwei Außenseiter. Mary und Max sind Außenseiter, ohne Frage, aber erneut wäre es eine simple Reduzierung, nur von Außenseitern zu sprechen. Durch diese beiden so unterschiedlichen und doch gleichen Augenpaare blicken wir auch auf die Welt, die Eigenheiten von Nebenfiguren und gesellschaftlichen Konventionen. Unsere Welt tickt immerfort und sie tickt nicht ganz richtig, ist schroff, unverständlich, widersprüchlich oder ungerecht. Wunderbar gelungen ist Marys zunächst kindliche Welt. Sie stellt neugierige Fragen, mal naiv, mal klug und präzise. Die Antworten die sie erhält und ihr vorhandenes Wissen verschmelzen höchst amüsant zu kleinen sketchartigen Szenen. Die übliche Frage nach der Herkunft von Babys, beispielsweise. Sie kommen aus Bier oder schlüpfen aus Eiern und die beiden Hunde auf der Straße spielen Huckepack. Auch Mary wünscht sich jemanden zum Huckepack spielen und dass sie die Tragweite des hündischen Huckepacks noch nicht durchschaut, gibt dem ganzen Ansatz eine tolle zusätzliche humoristische und psychologische Note. Max gibt Antworten, die selbst ein wenig kindisch wirken. Und er stellt Fragen, die ihn beschäftigen. Max lebt zurückgezogen, hat kaum menschlichen Kontakt und muss sich alle paar Monate einen neuen Goldfisch kaufen, da diese in teils absurd-komischen Momenten das Zeitliche segnen. Als ihn Marys erster Brief erreicht verwirrt es ihn und schließlich schildert er einem achtjährigen Mädchen, fast auf der anderen Seite der Welt, seine Probleme, wie er dazu neigt, die Dinge wörtlich und logisch aufzufassen.

Eric Bana und Philip Seymour Hoffman
sprechen zwei der Figuren

Wunderbar gelungen ist dabei die Erzählweise. Zwei Drittel des Films bestehen aus zusammenfassender Erzählung, aus den (vor-)gelesenen Briefen und den geschickt montierten Träumen und Erinnerungen, die daraus entstehen. Eine klare Handlung ist dazwischen zunächst nur fragmentarisch zu erkennen, wird jedoch immer deutlicher. Dazu behilft man sich noch mit einem Erzähler, der auch dringend nötig ist, um die schnell aufeinander folgenden Eindrücke zu ordnen und im Fluss zu halten. Die Episodenstruktur möchte man zunächst als schlechten Stil abtun, doch die emotionale Wirkung des Ganzen wirkt wie die fällige Ohrfeige für den ungehörigen Gedanken. Wunderhübsch visualisiert ist das Frage-Antwort-Spiel der beiden. Die Blicke in Vergangenheit und theoretische Zukunft, die Schilderungen der Umwelt, der anderen Menschen im Umkreis und des inneren Seelenlebens werden geschickt montiert. Der Humor ist meist schwarz, gemischt mit kindlicher Unbeschwertheit und einer unkonventionellen Offenheit. So werden dann auch ernste Themen in einer eigentümlichen Art und Weise behandelt. Der Tod ist sicherlich kein Spaß und besonders Mary muss sich schon bald damit auseinandersetzen, doch statt nach Mitleid und Trauer zu gieren, garniert Regisseur Elliot die Szenen mit gedämpftem Witz.

Die ganze Stimmung ist dabei nicht albern, sondern relativ bedrückend, mitunter morbide. Da wird der Humor schon beinahe zu Galgenhumor. Marys Nachbar ist ein ähnlich zurückgezogener Mensch wie Max, der sich kaum aus dem Haus traut und bei jedem vorsichtigen Versuch, doch einen Fuß auf die Straße zu setzen, einen neuerlichen Grund bekommt, im Haus zu bleiben. Marys Vater beschäftigt sich lieber mit toten Tieren, während die Mutter als fast tote Alkoholabhängige erklärt, dass sie im Supermarkt nur ausleiht, nicht klaut. Mary wird in der Schule geärgert, wird von niemandem beachtet und schämt sich für einen Schönheitsfleck auf der Stirn. Allein das ist schon Verbundenheit genug für Max, der wegen Schokoladensucht übergewichtig ist und bei den Weight Watchers von einer aufdringlichen Frau terrorisiert wird. So dienen Schokolade und Süßigkeiten, sowie eine Kinderserie mit Sammelfiguren, als Verbindungsgrundlage – neben der emotionalen Verbundenheit der Einsamkeit. Die relative Anonymität – oder schlichtes Vertrauen durch Vertrautheitsgefühl – lässt beide absolut offen miteinander sprechen, auch wenn Mary erst in späteren Jahren wirklich versteht, was da um sie herum passiert.

Der eigenartigen Atmosphäre aus locker, leicht, schwarzhumorig und tendenziell depressiv passen sich sogar die Tiere an. Elliots Figurendesign ist absolut knuffig, originell und sehr zutreffend. Die weit aufgerissenen Kugelaugen, das eher ängstliche statt fröhliche Zähnezeigen oder die gedrungene Körpersprache; all das lässt auch die Tiere zu stummen Kommentatoren einer irgendwie merkwürdigen Welt werden. Wie die Tiere grinst auch Max, wenn er es denn mal versucht, eher aus Furcht und Abwehr, denn aus Freude. Während Mary älter wird, lässt er sich von der Welt verwirren, bis er endlich einen Namen dafür hat. Besser geht es ihm dadurch aber auch nicht. Nach und nach löst sich das Episodische immer mehr auf, ohne je gänzlich zu verschwinden. Die Zwischensketche bleiben erhalten, doch die Handlung schreitet voran, auch ohne rückblickende Zusammenfassung oder kommentierendes Beobachten. Jahre vergehen und der Film wird besser und besser. Die Handlung ist ab 1976 angesetzt und wahrt sich ihren ganz unabhängigen, zeitlosen Ansatz. Die Welt um sie verändert sich kaum, doch zwischen Mary und Max geschehen Dinge, die andere Dinge verändern, die mal schön, mal unglaublich traurig oder enttäuschend verlaufen. Hier trennt sich Elliots Drehbuch endgültig vom kindgerechten Anliegen. Es wird mitunter reichlich bitter, ohne, dass der sarkastische Humor je verloren geht. Dafür berührt es ungemein, weil die beiden Figuren so liebevoll und nachvollziehbar sind. Da ist Elliot auch konsequent genug, sich den Prüfungen des Lebens zu stellen, ihnen nicht mit Rührseligkeit und Unrealismus aus dem Weg zu gehen. Die letzte halbe Stunde tränenfrei zu überstehen, dürfte ein schwieriges Unterfangen sein.

Elliot ist sich so sicher in seiner Inszenierung, schafft es immer wieder, mal simple, mal subtile und einfach zutreffende Bilder und Symbole zu kreieren. Auch dank einer vorzüglichen Kameraarbeit, mit tollen Bildkompositionen und einer gelungenen Farbdramaturgie. Dass Max im schwarzweißen New York, Mary im erdigbraunen Australien lebt, mag reichlich offensichtlich erscheinen, doch es funktioniert und ist ein so kleiner Aspekt. Kauzige Details, alles etwas schräg, zerbeult und leicht deformiert, aber irgendwie angenehm und vertraut. Genau dieses Gefühl strahlt der Film aus, so sieht er die Welt und genau das bringt das Design des Films erstklassig rüber. Die Knetanimation ist generell absolut gelungen. Elliot versucht sich nie an irgendwelchen halsüberkopf Szenen, die mit Rasanz und Effekten begeistern, wie etwa in den „Wallace und Gromit“ Filmen. Er braucht das auch nicht, weil er ein brillantes Script und einen Animationsstil gefunden hat, die sein Anliegen ideal unterstützen. So wackeln die Figuren meist etwas eirig durch die Gegend, aber nicht etwa, weil die Animation unsauber ist, sondern weil die Figuren nun mal zu einer merkwürdig eiernden, verwirrenden, ungerechten und nicht ganz makellosen Welt gehören. Im Zentrum stehen weiterhin Mary und Max. Dass es nur um sie, ihre Freundschaft, ihre Entwicklung und den Blick nach draußen geht, ist aller Ehren wert. Die emotionale Wucht, diese Mischung aus Lachen und Weinen, ist die Belohnung. Unterstützt von einem tollen Musikeinsatz kann man gar nicht anders, als zu reagieren. Leroy Andersons Klassiker „Typewriter“ ist inhaltlich nur logisch, aber das wunderbare Hauptthema verschafft schon alleine Gänsehaut. Und am Ende des Films wird es, nur durch die Erinnerung an dieses Kinojuwel, zu Tränen rühren. Das kann Kino: Bewegen, mitreißen, unterhalten und bewegen.


Fazit:
Schlicht großartiger, absolut emotionaler, witziger wie trauriger Animationsfilm, der wunderbar aussieht und inhaltlich eine wahre Pracht ist. Der Freundschaft der beiden Hauptfiguren und ihrem etwas anderen Blick auf die Welt, kann man sich nicht entziehen.

9 / 10

 


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