BG Kritik:

Ich und Earl und das Mädchen


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!



Me and Earl and the Dying Girl. (USA 2015)
Regisseur: Alfonso Gomez-Rejon
Cast: Thomas Mann, Olivia Cooke, RJ Cyler, Nick Offerman, Connie Britton, Jon Bernthal

Story:
Greg (Thomas Mann) versucht so gut es geht durch das letzte Jahr der High School zu kommen, indem er eine oberflächlich-freundliche Beziehung zu quasi allen klassischen Schulgruppen pflegt. Als man bei seiner Mitschülerin Rachel (Olivia Cooke) Leukämie diagnostiziert, wird Greg von seiner Mutter gezwungen auf Rachel zuzugehen und sich mit ihr anzufreunden. Aus Zwang wird bald echte Freundschaft.

Nach „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, ein neuer Filmtipp aus dem ‚Todkranke Teenager‘ Untergenre.

Die Verleihrechte wurden 2015 für die Jahresrekordsumme von 12 Mio. Dollar auf dem Sundance Film Festival gekauft.


Einen Film übers Sterben zu machen, über potentiell tödliche Krankheiten und eine Bewusstwerdung des möglichen Tods, ist keine leichte Aufgabe. Ob aus direkter Erfahrung oder vager Vermutung; jeder hat ganz eigene Vorstellungen, wie der Tod auszusehen, wie sich Sterben im Film anzufühlen hat. Eine inszenatorische, schreiber- oder darstellerische Verfehlung wirkt, mehr noch als das ähnlich individualisierte und doch gleichzeitig universelle Thema Liebe, um ein Vielfaches persönlicher. Hier geht es um Respekt, um Anstand, um Pietät, da sollte man es doch bitte entweder „richtig“ machen oder gleich ganz sein lassen. Ein Meisterwerk wie „Amour – Liebe“ ist keine Selbstverständlichkeit, doch es wäre fatal, die John Green Adaption „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ oder nun Alfonso Gomez-Rejons Film, der auf einem Roman von Jesse Andrews basiert, wahlweise für ihre Young Adult Berechenbarkeit oder ihre forcierte Flippigkeit zu rügen. Auch die Jugend krankheitsgeplagt und dem Tode nahe zu sehen muss kein billiger Schocker oder Tränendrücker sein, sondern kann bei richtiger Umsetzung ein wohl platziertes notwendiges Übel sein, um unseren Platz in der Welt neu zu verankern. In diesem Sinne funktioniert „Ich und Earl und das Mädchen“, nun ja, teilweise.

Will man das Spiel mit Vergleichsfilmen weiter führen, mit Filmen, die eine ganz konkrete Ähnlichkeit zu diesem haben, landet man schnell und kurioserweise bei „Abgedreht – Be Kind Rewind“, Michel Gondrys nur gelegentlich melancholische Liebeserklärung an VHS und ans Selbermachen, in der Jack Black mit Kumpel Mos Def hausgemachte Parodien diverser Hollywoodfilme dreht. Ähnliches, wenngleich aus anderen Gründen, treibt Greg und Kumpel Earl um. Die beiden High Schooler drehen seit der Kindheit mit genial-dämlichen Wortspielen betitelte, entschlossen billige Parodien bekannter Filme, nur dass Greg und Earl so etwas Cineasten sind, vielleicht sogar Snobs, obgleich wir sie selten wirklich konkret über die cineastischen Originale sprechen hören. Erst durch diese Filme entwickelt sich eine echte Verbindung zwischen Greg und Rachel, deren Beziehung zunächst noch von Gregs Mutter überschattet wurde, die es für eine gute Idee hielt, ihren Sohn zu zwingen eine mit Leukämie diagnostizierte, aber eigentlich quasi-fremde Mitschülerin anzufreunden.

Titel von Filmparodien im Film: Eyes Wide Butt, Gross Encounters of the Turd Kind, A Sockwork Orange.


Greg und Earl konsumieren Filme insbesondere in der Bibliothek, die irgendwie gleichzeitig das Büro von Lehrer Jon Bernthal („The Walking Dead“) darstellt, der als tätowierter Alterna-Intellektueller wohl irgendwann mal den Plan hatte, seinen eigenen Club der toten Dichter aufzubauen, jedoch an der jugendlichen Realität scheiterte. Weniger alternative, dafür geradezu dadaistische Ratschläge bekommen die Jungs von Gregs Vater, den Nick Offerman als geistig kaum wirklich anwesenden Nahrungsphilosophen spielt. Demzufolge ist es kein Wunder, dass die beiden Jungs ausgerechnet Künstlerunikat Werner Herzog verehren, der sich diese Gelegenheit, die Leukämiekrankheit einer bald zur guten Freundin gewordenen Mitschülerin in einem Film zu kommentieren, sicherlich nicht entgehen lassen hätte. Denn genau das steht bald Greg bevor, der sich diese naheliegende, aber eben auch schwierige Aufgabe von einer gemeinsamen Freundin aufhalsen ließ. Eine Freundin, die mit zielgerichtetem und doch überwiegend passivem Körperkontakt Gregs Verwirrung nur noch verstärkt. So muss er auch bald mit seinem Vorsatz brechen und wider Willen doch im bekannten „Fressen oder gefressen werden“ Spiel der Schule teilnehmen, was ihm insbesondere eine Möchtegern-Rapper übel nimmt.

Die Hälfte diese Nebenhandlungsstränge hat eigentlich nichts in diesem Film zu suchen, zumindest nicht so zeitintensiv. Thomas Mann ist als Greg der typische Schluffi mit dem schläfrigen Blick, dessen „Nerd“ Interessen und soziale Distanz dem Script als Grundcharakterisierung reichen. 27-mal wiederholt brauchen wir diese Details jedenfalls nicht vorgesetzt bekommen. Greg ist immer dann eine halbwegs interessante Figur, wenn er mit Earl oder Rachel kommuniziert oder durch nicht-Kommunikation ein paar Nuancen erhält. Doch Gregs hüftsteife und halbwache Art erhält bald schon Relevanz, wie auch die alleinstehend ziemlich bedeutungslosen Filmchen. Je mehr Rachel ihm ans Herz wächst, desto mehr verschlechtert sich ihr Gesundheitsbild, verdunkelt sich ihr einst so sonniges Gemüt, und wird für Greg diese er- und bedrückende Präsenz des Todes spürbar. Diese drohende Finsternis, die sich im so ausdrucksstarken Zimmer der Mitschülerin festsetzt und die Greg aus Rachels großen Augen bedrohlich entgegenblickt, ist für den Jungen unbegreiflich. Mit jedem Tag wachst die Bedeutsamkeit seines Films, wächst die Verantwortung, Rachel auf ihren vielleicht letzten Tagen nicht zu enttäuschen, ihr Freude, Trost und Mitgefühl zu spenden. Doch Greg steht vor denselben Problem wie auch die Filmemacher unserer Realität: wie verarbeitet man Krankheit, Todesangst und das Sterben in einem Film, ohne kitschig, banal oder sonstwie verfehlt zu wirken?

Es ist nicht Gregs eigentlicher Film, der „Ich und Earl und das Mädchen“ trotz seiner Macken, seinem übereifrigen Script und der unnötig verspielten Dekoration der Grundprämisse zu einem sehenswerten Film für uns macht. Viel eher findet Regisseur Gomez-Rejon die passende Idee, was das alles überhaupt soll. So gesehen hat man, um einen weiteren Vergleichsfilm ins Spiel zu bringen, fast mehr gemein mit dem mehr als sehenswerter „Broken Circle Breakdown“ als mit dem so offensichtlichen Verwandten „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“. Nur die Rahmung, die Greg als Off-Erzähler etabliert, ist in ihrer ausgelutschten und störend simplen Art ein nicht weg zu argumentierender Kritikpunkt.

Fazit:

Ehrenverwerter, schlussendlich aber durchwachsener Versuch, die Unbegreiflichkeit einer eventuell tödlichen Krankheit nachvollziehbar zu machen. Gut gespielt, aber in seiner forciert „alternativen“ Art auch ein wenig scheinheilig.

5,5 / 10

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