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Kritik:
Melancholia


von Christian Westhus

Melancholia (2011)
Regie: Lars von Trier
Cast: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Kiefer Sutherland

Story:
Auf dem stattlichen Anwesen ihres Schwagers will Justine (Dunst) heiraten. Schnell steht man unter Zeitdruck, der Wedding Planer und Schwester Claire (Gainsbourg) wollen das streng durchgeplante Programm dennoch durchziehen. Doch in Justine keimt eine tief sitzende Depression wieder auf, bis man am Himmel einen eigenartigen Stern entdeckt. Einige Tage später hat man den Stern als Planeten mit Namen „Melancholia“ identifiziert, der sich der Erde nähert, sie jedoch verfehlt. So sagen jedenfalls die angeblichen Experten – und sie irren.

Kritik:
Lars von Trier wühlt weiterhin in seiner eigenen Psyche und stilisiert seine Depression durch leidende Frauenfiguren. Wie üblich. Ein neuer Film des dänischen Provokateurs ist immer mit Wirbel und verfrühten Verurteilungen verbunden und so versprach er nach dem anscheinend total happy gedachten „Antichrist“ es gäbe von nun an „no more happy endings“. Das angekündigt unerfreuliche Ende der Welt in den Händen von Lars von Trier sollte eigentlich auch völlig ohne außerfilmische Manipulationen für Gesprächsstoff sorgen. Ist aber nicht. Jedenfalls nicht so richtig. Eigenartig romantisch kommt „Melancholia“ daher, natürlich nicht ohne die typischen Haken und Stacheln. Aber nach der Frontalattacke auf alle Sinne in „Antichrist“ wirkt Mister „No more happy endings“ plötzlich reichlich weich und – eben! – romantisch. Das ist ja zunächst nur überraschend, nicht störend. Also ist „Melancholia“ doch ein „schöner Film über das Ende der Welt“, wie der gute Lars zuletzt dann mehrfach formulierte? 

Wie sich dabei aber die Bilder gegenüber „Antichrist“ gleichen und dennoch unterscheiden! Theatralisch stilisierte Lust und unbehagliche Natur auf der einen, poetisches Sterben und globale Vernichtung auf der anderen Seite. Und alles zunächst in Ultrazeitlupe. Bilder, vermeintliche Standbilder, bei denen man teils erst dann erkennt, dass sich etwas bewegt, wenn schon zur nächsten Todesimpression gesprungen wird. Von Trier sucht die klassische Romantik aus Kunst, Musik und Literatur, und findet sie in Deutschland, bei „Tristan & Isolde“, aber wichtiger noch bei Wagner. Ein Schelm, wer dazu böse Vergleiche anstellt. Und der Lars übertreibt maßlos. Nicht mit Pathos, sondern mit Geduld. Ultralangsam und auch ultralang der Einstieg, der nicht nur Todespanik (oder Akzeptanz) poetisiert, sondern auch relativ platt spätere Handlungsszenen vorweg nimmt, ohne dass es narrativ eine Funktion hätte. Das trägt so lange zur erhabenen Wirkung des Intros bei, bis man die Szenen in ihrer ordnungsgemäß chronologischen Umgebung als reichlich banal enttarnt. Eins aber macht von Trier mit Mut (das sowieso) und Überlegtheit, nimmt er den großen Knall, die Auslöschung der Erde doch in wunderschönen Bildern als etwas Unausweichliches vorweg. Und weil Lars von Trier sonst nicht Lars von Trier wäre, behauptet der Film, mit der Erde sei sämtliches Leben im Universum ausgelöscht. Ratzekahl, radikal und endgültig.

Das Wesen des Depressiven, des Melancholikers (als solchen bezeichnet von Trier sich selbst) verneint jede Sinnhaftigkeit des Lebens. So geht es auch Justine, die ganz dem Wunsch des Regisseurs entsprechend als dessen alter Ego fungiert. Justine kann nicht, will aber etwas fühlen. Manchmal jedenfalls und dann versucht sie das, was andere Menschen lebenswert nennen, selbst zu erleben. Heiraten zum Beispiel. Der zweigeteilte Film setzt nach dem Intro mit Justines Episode ein, mit ihrer Hochzeit, die durch die Handkamera und die Räumlichkeiten nicht selten an „Das Fest“ von Kumpel und Dogma-Mitbegründer Thomas Vinterberg erinnert. Braut und Bräutigam verspäten sich, der Vater der Braut steht neben sich, die Mutter kann Hochzeiten nicht ausstehen und bald schon wird Justine von der erdrückende Leere ihrer Existenz und ihrer Emotionen verschluckt. Mit der Braut stimmt etwas nicht. In ihr brodelt es so stark, dass der Wedding Planer (Udo Kier, albern bis zur Parodie) sie nicht mehr anschauen will. Auch Schwester Claire bemerkt Justines Aussetzer und weiß von den psychischen Problemen, versucht den Schein der romantischen Hochzeit als Organisatorin zu wahren. Die zeitlich komprimierte Struktur macht aus der Feier einen spannenden Jahrmarkt der Psychosen, zunächst mit einem Überangebot an Figuren. 

Charlotte Rampling kann in ihren zwei, drei Szenen noch so sehr alle an die Wand spielen, Alex Skarsgard kann noch so bedauerlich, John Hurt noch so traurig und drollig wirken; letztendlich interessiert sich von Trier nur für die beiden Schwestern, die er in einem Dualismus der Lebenskonzepte aneinander reibt. Ob Brady Corbet nun den naiven Jüngling gibt (bei dessen vollkommen überstrapazierten Szene auf dem Golfplatz muss von Trier einen Aussetzer gehabt haben) oder Kiefer Sutherland den rationalen und erfolgreichen Männertypus; sie sind nur Stichwortgeber, Impulse für die Schwestern, die Für und Wider des Weltendes unter sich ausmachen. Aber vom Ende der Welt weiß ja noch niemand. Erst im zweiten Teil, der Claire gewidmet ist, weiß man vom Planeten „Melancholia“ und dass er der Erde bedrohlich nahe kommt. Und während Justine das tiefste Tal der Depression durchschreitet, katatonisch bis zur Bewegungsunfähigkeit, tauschen die Schwestern die Rollen. 

Lars von Trier ist ein Meister der Emotionen, die er nicht immer subtil, aber wirkungsvoll auslöst. Die dekonstruierte Hochzeit ist ein depressiv machendes Häufchen Elend, während wir mit zunehmender Laufzeit in eine höchst faszinierende Studie der Angst schlittern. Justine lähmt ihre Angst vor dem Unbewussten, vor dem Nichts ihrer Emotionen, während sie die Möglichkeit eines Endes dieses Nichts durch das Nichts anzieht. Claire ist der materielle Gegensatz. Sie fürchtet den Verlust geliebter Dinge und Personen durch die nur all zu körperlich-reale Präsenz des „blöden, blauen Planeten“. Durch die beiden großartigen Hauptdarstellerinnen wird dieser Dualismus zu einer bemerkenswerten und spannenden Reise in Abgründe, Möglichkeiten und Theorien von Abgründen. Besonders Kirsten Dunst überrascht mit einer enormen Intensität, ist dabei schön wie nie, schöpfte vielleicht aus den Erlebnissen der eigenen realen Depression. 

Für diese Doppelung der Schwestern, die mit dem so eigenartig benannten, endlos faszinierenden Planeten in Verbindung stehen, entledigt sich von Trier auch schon mal platt und stillos unbenötigten, aber mitgeschleiften Figuren. Auch versäumt er es, das Finale, die, wenn man so will, Zusammenführung bzw. Konfrontation der Schwestern, klar von der Struktur aus zwei Kapiteln zu unterscheiden. Während dem Film ein wenig die Luft ausgeht, scheint das Ende der Welt noch zu Claires Episode zu gehören und das kann nicht im Sinne des Erfinders sein. Da hilft auch kein Wagner bis zum Exzess, denn der erstaunlich zahme und romantische „Melancholia“ kann einfach nicht mit der emotionalen Durchschlagskraft und Präzision vieler anderer von Triers mithalten. Aber es kann ja auch nicht immer ein Meisterwerk sein.

Fazit:
Das Ende der Welt in den Händen von Lars von Trier. Poetisch und romantisch, ohne die ganz Großen erwarteten (befürchteten) Widerhaken und ohne die ganz große emotionale Wirkung. Stark gespielt, psychologisch faszinierend und ungemein ästhetisch, in seiner visuellen Schwere teils aber auch an der Grenze zur Redundanz.

7,5 / 10

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