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Kritik:
Midnight in Paris


von Christian Westhus

MIDNIGHT IN PARIS (2011)
Regie: Woody Allen
Cast: Owen Wilson, Marion Cotillard, Rachel McAdams

Story:
Eigentlich schreibt Gil (Owen Wilson) reihenweise Drehbücher für Hollywood, doch inzwischen hat er Ambitionen für „wahre Kunst“, für einen Roman. Gerade ist er mit seiner Verlobten Inez (Rachel McAdams) und den Schwiegereltern in Paris und schwärmt von der Stadt, der Geschichte und ihrer lebendigen Kunst. Als er eines Nachts betrunken durch die Straßen schlendert, nimmt ihn ein altmodisches Auto mit und zwar direkt in die 20er Jahre, wo er Hemingway, Picasso und Co. trifft und den richtigen Weg für sich und für seinen Roman sucht.

Kritik:
Eines muss man Woody Allen lassen. Er bleibt auf seine alten Tage weiterhin fleißig und kreativ, bringt so ziemlich jedes Jahr mindestens einen Film raus, die sich zwar oft irgendwie ähneln, aber nie auffällig als Wiederholungen erscheinen. Auf seine alten Tage klappert der Mann mit der Hornbrille die Metropolen Europas ab, besucht nach London und Barcelona nun Paris und schart wie gewohnt ein beachtliches Star-Ensemble um sich. Die Zutaten kennt der geneigte Woody-Kenner und auch wenn nicht jedes Mal ein magischer Handlungsmechanismus bemüht wird wie hier, erkennt man Allens Stimmungen, Figuren und Sujets zumeist wieder. Das (hier nicht behandelte) Judentum, die Liebe und die Kunst, von einer männlichen Hauptfigur versucht unter einen Hut gebracht. Und trotzdem bekam „Midnight in Paris“ bessere Reaktionen, als die meisten vorherigen Allens der letzten Jahre. Vielleicht, weil das kultur- und kunstphilosophische Gequatsche zielstrebiger oder ironischer ist. Vielleicht, weil durch das magische Element der Quasi-Zeitreise amüsante Situationen entstehen und sei es nur, als Zuschauer darauf aufmerksam zu machen, welche berühmte Person man kennt oder schon frühzeitig erkennen kann. Aber vielleicht ist es auch einfach nur der Pariser Charme, die Stadt der – wie passend – Kunst und der Liebe, die Metropole an der Seine, die uns zu Beginn im feinsten Postkartenkitsch präsentiert wird. 

Aber der Postkartenkitsch hat hier Methode. Auch unser Möchtegern-Romancier Gil hat ein idealisiertes und romantisiertes Bild von Paris, von seinen Gassen und Gebäuden, von Spaziergängen im Regen und ganz besonders von der Historie. Gils Ideal, das sind die 1920er, wo sich die Bel Étage der Künstler und Intellektuellen traf. Diesen fühlt er sich hingezogen, will nicht weiter Dutzendware für Hollywood tippen, sondern schwärmt von James Joyes, T.S. Eliot und Hemingway. Und auf geheimnisvoll unrealistische Arte und Weise, durch einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum vielleicht, erhält Gil die Chance, mit Hemingway Wein zu trinken, mit F. Scott Fitzgerald zu quatschen und Picasso seine Muse auszuspannen. Für Woody Allen ist dieser Zeitreise-Express in der Vergangenheit, der Gil immer um Mitternacht abholt, einfach da. Keine Erklärung, kaum Verwunderung, einfach ein benötigtes und genutztes Mittel, Gil lebhaft mit seinen Idolen und seiner idealisierten Zeit in Kontakt treten zu lassen. Selbst vor einem typischen Zeitreiseparadoxon macht Allen nicht Halt, so lange es der Geschichte dient. In den Pariser Nächten stellen sich für Gil Realität und Wunschvorstellung gegenüber, damit er zu sich, zu seiner künstlerischen und menschlichen Natur findet. Die vermutet Gil in Paris, aber ganz zentral auch in den 20ern. Aber wie das so ist, mit den Postkarten, sieht es dahinter anders aus und vielleicht, ja vielleicht ist es Zuhause doch am schönsten.

Allens Script bemüht sich allerdings redlich, Gil überhaupt Verdruss über die Gegenwart entwickeln zu lassen. Dass ist manches Mal schon reichlich platt, wie Rachel McAdams die unaufmerksame und desinteressierte Verlobte spielen muss, oder wie die Schwiegereltern die amerikanischen Upper-Class Klischee-Touris geben, die in Frankreich (in Paris!) eine amerikanische Standard-Comedy im Kino gucken und sich damit prächtig die Zeit vertrieben haben. Oder Michael Sheen, der mit Wonne einen eklig schmierigen, prätentiösen Besserwisser-Schleimbeutel gibt, aber auch nur wandelnde Funktionalität ist, kein wirklicher Charakter. Und das ist dann auch die größte Schwäche an Allens neuestem Werk, dass ihn eigentlich nur zwei Figuren wirklich interessieren. Gil und die unbekannte Schöne aus den 20er Jahren, die bisher von Künstler zu Künstler irrte und Gil mit Marion Cotillards schönen Augen lockt. Gil und Adriana haben vermeintlich viel gemeinsam, sehnen sich nach einer Zeit, die sie nur aus Berichten, aus Büchern, Filmen oder zu Legenden stilisierten Erzählungen kennen. Und sie sind unzufrieden mit der Liebe, mal wissentlich, mal nicht so sehr. So schlendern sie nun durch Paris, treffen sich zufällig bei einer Party, retten Zelda Fitzgerald vor übergroßem Kummer und entwickeln natürlich Gefühle für einander. 

Das ist durchaus charmant, was insbesondere an Cotillard liegt, die Verführung, Trauer und Sehnsucht in einem Blick widerspiegeln kann. Owen Wilson ist da immerhin sympathisch genug, wie er zumeist kindlich staunt, wen er nun schon wieder getroffen hat, und in lakonischen Redeschwallen oftmals so hyperaktiv gestikuliert, wie Woody Allen es sonst selbst so gerne getan hat. Allen führt Wilson durch seine eigene „Schaut mal, wen ich alles kenne“ Parade aus Literaten und Malern, Künstlern und Intellektuellen. Cole Porters Musik durchzieht die Bars, Hemingway hier, Fitzgerald dort, Matisse schaut vorbei, Josephine Baker schwingt die Hüften, die berühmte Gertrude Stein liest Gils Roman Korrektur und wer sonst, als die Surrealisten um Dalí, Buñuel und Man Ray, sollten Gil wohl Rat zu seinen Problemen geben. Dabei reduziert Allen die Berühmtheiten in ihrem launischen Stelldichein auf einfache Lexikoninfos und ein paar eingestreute Aphorismen. Zum Beispiel Hemingway, wunderbar kantig und maskulin verkörpert, haut nur ein paar Thesen über das Wesen der Literatur raus, philosophiert über den Krieg und will Gil zu einem Boxkampf herausfordern. Da kann Adrien Brody noch so genial und unglaublich komisch Dalís irren Blick imitieren, wenn das eigentliche Gefasel vom Rhinozeros doch nur surrealistische Plattitüden aus dem Parodie-Eintopf sind. 

Da macht es sich Allen ein bisschen einfach, die bekannten Gesichter und Namen zu zitieren, sie die Arbeit erledigen zu lassen, Humor und Intellekt mit Nahrung zu füttern. Funktioniert ja auch irgendwie, denn Gils Reise ist abwechslungsreich, spaßig und voller Ideen und Denkanstöße über die Kunst, über Literatur, über Liebe und Leben. Aber wenn Rodins „Der Denker“ ein vergleichbar gut ausgearbeiteter Charakter wie der filmische Picasso ist, läuft irgendwas schief. Noch dazu lässt sich Allen zu Meta-Scherzen hinreißen, die seiner eigentlich nicht würdig sind. Ein funktionsloser Jux für Insider und Eingeweihte, wie Gil dem unnötig dämlich erscheinenden Luis Buñuel den Plot für dessen späteren Film „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ unterjubelt. Wahrscheinlich aber wollte Allen mit dem Verweis auf das surreale Geschehen im Buñuel-Film nur seine eigene notgedrungen magische Drehbuchwendung mit der Zeitreise legitimieren. 

Drum lassen wir uns einlullen und begaffen selbst die kreativen Wunderknaben der Vergangenheit, lauschen ihren vermeintlich weisen Worten und beobachten die aufkeimende Zuneigung zwischen Gil und Adriana. Denn letztendlich hat es Allen noch immer drauf, einen Film fast ausschließlich durch Dialoge zu führen, die Stimmungen zu lenken und lebendige Figuren zu kreieren. Auch wenn es hier letztendlich nur zwei Figuren gibt, die mehr sind, als metaphorische Ausgeburten eines inneren Reflektionsprozesses. Dieser Prozess macht trotz aller Plattitüden und trotz aller Vorhersehbarkeit absolut Spaß und bietet – ob Zitat oder nicht – gleichermaßen was fürs Hirn, wie für Herz und Zwerchfell.

Fazit:
Woody Allen kann es noch immer. Obwohl er es sich mit der vermeintlichen Zeitreise und dem Schaulaufen der Berühmtheiten ein bisschen leicht macht und bisweilen oberflächlich agiert, macht Owen Wilsons staunende Entdeckungsreise durch die Pariser Kunstgeschichte gleichermaßen Spaß, wie sie Denkansätze liefert. Und die Romantik funktioniert auch.

6,5 / 10

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