BG Kritik:

Midnight Special


Manuel Föhl ist seit 2004 aktives Mitglied bei Bereitsgesehen.

Midnight Special (US 2016)
Regisseur: Jeff Nichols
Cast: Michael Shannon, Joel Edgerton, Jaeden Lieberher, Kirsten Dunst, Adam Driver, Sam Shepard

Story: Roy (Michael Shannon) befindet sich mit seinem Kumpel Lucas (Joel Edgerton) auf der Flucht vor einer Sekte und der Regierung selbst. Sie alle wollen seinen Sohn Alton (Jaeden Lieberher) haben. Er scheint etwas Besonderes zu sein, doch sie wollen ihn nur an seinen Bestimmungsort zurückbringen.

Ein Vater auf der Flucht mit seinem Sohn. Einem besonderen Kind. Einem außerirdischen Kind?

Vom Regisseur von Mud und Take Shelter...


Jeff Nichols gehört unweigerlich zu den vielversprechendsten und interessantesten Regisseuren, die das aktuelle amerikanische Kino zu bieten hat. SHOTGUN STORIES (2007), TAKE SHELTER (2011) und MUD (2013) stellten die Heldenfigur bei Nichols schon ausgiebig vor. So ist sein Held eigentlich nie ein Held, sondern mehr ein Außenseiter, ein Ausgestoßener. Auch biografische Bezüge liegen bei ihm meistens nicht fern. Gibt Michael Shannon in TAKE SHELTER noch einen werdenden Vater zum Besten, so spielt er in MIDNIGHT SPECIAL den Vater eines kleinen Jungen und parallelisiert damit jeweils Nichols eigene familiäre Lebenssituation. Nach drei eher kleineren Filmen, wagte er nun den Sprung in etwas unruhigere Gewässer unter den Fittichen eines Studios. Seine Handschrift ging dabei zum Glück größtenteils nicht verloren.

Viele Fragezeichen wirft der Filmbeginn auf. Man befindet sich schon mitten in der Flucht. Doch vor wem und warum? Viele Fragen direkt zu Beginn des Films, zu denen sich in den nächsten 90 Minuten noch einige mehr gesellen werden. Nichols Werk wurde vorab mit CLOSE ENCOUNTERS OF THE THIRD KIND (USA 1977, R: Steven Spielberg), E.T. (USA 1982, R: Steven Spielberg) oder Starman (USA 1984, R: John Carpenter) verglichen und ist auch irgendwo zwischen diesen Filmen einzuordnen und auch doch nicht. Er ist nicht so verträumt und melancholisch. Wie seine Figuren eher panisch und paranoid. Alles ist möglich. Und doch ist der Film zeitweise mehr am Treiben, wie ein Stück Holz durch einen Fluss. Mal ist die Strömung schneller, mal langsamer. Ungewiss was nach der nächsten Biegung zu erwarten ist aber auch immer mit einem ängstlichen Blick über die Schulter. Faktisch ist Michael Shannons Vaterfigur Roy nicht ziellos. Er sucht den Bestimmungsort, den sein Sohn Lucas für sich vorgesehen hat. Was dort passieren wird weiß keiner.

... bei dem er bereits mit Michael Shannon zusammenarbeitete


Jeff Nichols spielt wieder gekonnt mit den Erwartungen des Zuschauers, bewegt sich dabei aber immer wieder auf einem schmalen Grat. Nahezu jeder Handlungsstrang behält bis zum Schluss seine offenen Enden. Was nach dem Film zu anregenden Diskussionen und Spekulationen einlädt, kann sich aber auch während der Filmsichtung als negativer Punkt entpuppen. Wenn Joel Edgertons Lucas versucht, Altons Mutter Sarah (Kirsten Dunst) zu erklären, warum er Teil dieser Odyssee ist, lässt Nichols auch hier viel Spielraum für die Fantasie des Zuschauers. Erstmal völlig legitim und daher zu begrüßen, doch da dadurch die Motivation einer wichtigen Figur völlig unter den Tisch fällt und unnahbar für das Publikum wird, spielt Nichols hier ein wirklich riskantes Spiel, was die Beziehung zwischen seinen Figuren und dem Rezipienten betrifft.

Auf Seiten der Darsteller gibt es wirklich nicht viel zu mäkeln. Michael Shannon kann den Film vielleicht nicht ganz so an sich reißen wie in TAKE SHELTER, doch ist die Vater-Sohn-Beziehung hier wieder das Herzstück des Films. Dieses Mal krankt sie jedoch auch ein klein wenig an Nichols Manie, dem Zuschauer das eigene Denken bzw. die eigene Vorstellung nicht abnehmen zu wollen. Joel Edgerton bleibt da noch etwas zurück, aber wenn er schon im nächsten Werk von Nichols wieder dabei sein wird – LOVING, ein Drama in den 60er Jahren über eine Beziehung zwischen einem Weißen und einer Schwarzen – kann die Zusammenarbeit wohl nicht ganz unharmonisch gewesen sein. Auch Kirsten Dunst überzeugt, bekommt außer der leidenden Mutter aber leider nicht allzu viel Spielraum. Ansonsten sticht nur noch Adam Driver als Wissenschaftler hervor, der aber wie der Zuschauer eher am Rätseln und Staunen ist und somit am ehesten, auch was den Wissensstand entspricht, eine Identifikationsfigur für das Publikum darstellen könnte. Dafür ist er allerdings mehr Stichwortgeber, denn wirklicher Handlungsmotor.





Anleihen oder eine liebevolle Hommage an Carpenter findet man spätestens auf der Tonspur, wenn David Wingo beispielsweise das Trio bzw. Quartett bei ihren Streifzügen über die nächtlichen, amerikanischen Straßen mit Synthesizer-Klängen begleitet. Ansonsten gleicht der Film mehr einem Roadmovie, der sich immer wieder zwischen offenen Straßen und engen, abgedunkelten Räumen bewegt. Selbstverständlich dürfen auch hier keine Linsenreflexionen fehlen, auch wenn es Nichols und sein Stamm-Kameramann Adam Stone diesbezüglich nicht übertreiben.

Fazit:

Wieder lässt Regisseur Jeff Nichols sein Publikum lange im Dunkeln tappen und verrät wenig, zu wenig? Während er zu 2/3 sein Ding durchzieht, lässt er im letzten Akt etwas den Vorhang fallen. Das wirft wieder neue Fragen auf, wirkt aber auch unnötig protzig. Insgesamt ein sehr gut gespieltes und größtenteils ruhiges SciFi-Drama, das in allen Bereich an der Wertung "sehr gut" kratzt. Aber eben nur kratzt.

6,5 / 10

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