hauptseite  |  vorschauen  |  kritiken |  impressum |  forum



 

 

Kritik:
Spieglein, Spieglein 

Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen


von Christian Westhus

MIRROR MIRROR
(2012)
Regie: Tarsem Singh
Cast: Lily Collins, Julia Roberts, Armie Hammer

Story:
Mit künstlerischer Freiheit nach den Gebrüdern Grimm: Nach dem Tod ihres Vaters übernimmt die böse Stiefmutter von Schneewittchen die Kontrolle im Palast und geht verschwenderisch mit den Steuergeldern ihrer Untergebenen um. Nahe dem Bankrott, versucht die böse Königin einen jungen Prinzen für sich zu gewinnen, der ihr Konto aufbessern soll. Gleichzeitig soll die erwachsen und viel zu schön gewordene Schneewittchen verschwinden. In denselben Wald gesandt, in dem damals ihr Vater verschwand, gerät das junge Mädchen an sieben merkwürdige Gestalten.

Kritik:
Im Duell der beiden gefährlich zeitnah startenden neuen Schneewittchen-Verfilmungen 2012 („Snow White and the Huntsman“ wäre Nummer 2) scheinen beide Projekte immerhin unterschiedlich genug, um nicht verstärkt für Langeweile und Déjà-vus zu sorgen. Der Film von Regisseur Tarsem wirkt auf den ersten Blick wie eine familiengerechte Märchen-Komödie, mit Tanz und Gesang, Zuckergussschnee, harmlosen Späßen und Heile-Welt Kitsch. So, wie insbesondere Disney die eigentlich ruppige und düster-moralische Märchenwelt der Grimms geprägt hatte. Und eigentlich ist „Spieglein, Spieglein“ auch eine solche Familienkomödie. Nur eine, wie man sie noch nicht gesehen hat. Grund dafür ist Tarsem selbst, der auch diesem erst vierten Film seiner Karriere seinen unverwechselbaren Stempel aufdrückt. Für gewöhnlich steht der visuelle Einfallsreichtum des Inders weit über der eigentlichen Qualität der Story. „The Cell“ hatte inhaltlich außer einer netten Grundidee nicht viel zu bieten, der ambitioniertere „The Fall“ ist auch nicht viel mehr als ein aufregend erzähltes Abenteuer, und die 2011er Mythologie-Keule „Krieg der Götter“ wird wohl auch nur im Gedächtnis bleiben, weil Tarsem und sein Team Bilder- und Designwelten kreierten, die staunen machen. 

So ist „Spieglein, Spieglein“ erwartungsgemäß auch kein neuer Märchenklassiker, der der tausendfach erzählten Geschichte grundlegend neue und interessante Facetten abgewinnt. Und dennoch überzeugen zumindest die ersten zwei Drittel des Films auch ohne Tarsems überbordende Stilisierungsfähigkeiten. Das ist insbesondere Julia Roberts zu danken, die wohl seit „Erin Brockovic“ keine Rolle mehr hatte, die ihr so gut stand und derart offensichtlich Spaß machte. Hollywoods (Ex-)Darling erster Güte ist eine überraschende Wahl für die Rolle der bösen Stiefmutter, aber wenn Madame Königin sarkastisch spottend loslegt, den bedauernswerten Nathan Lane Mal um Mal zusammenfaltet oder Schneewittchens Schönheit klein redet, geht die Rechnung auf. So hält sie schon den Namen „Scheewittchen“ für pure Angeberei unter Berühmtheiten, während die schneeweiße Haut des Mädchens eben nur deshalb so weiß ist, weil sie noch nie die Sonne gesehen hat. Das erinnert mit pfiffigem Wortwitz und überwiegend funktionierenden Albernheiten bisweilen an „Shrek“, nur ohne sich über Märchen lustig zu machen, wie es Kollege Ogre tat. „Spieglein, Spieglein“ ist ein Märchen, bleibt ein Märchen und will dies auch die gesamte Zeit sein. So ist Lily Collins, Phil Collins Tochter mit den markanten Augenbrauen, die perfekte Verkörperung süßer Unschuld, die hier zunehmend erwachsen und selbstbewusst wird, auch dank der Hilfe von sieben kleinen Freunden. Die Zwerge sind ein bunt durcheinander gewürfelter lustiger Haufen Diebe in Schlammbraun, die auf Ziehharmonika-Stelzen laufen und ähnlich irre Dinge von sich geben, wie die Königin. Und Armie Hammer ist als wackrer, aber dezent trotteliger Prinz Schwer von Begriff eine Freude, der meist in den richtigen Momenten doch Entschlossenheit und Heldenmut beweisen kann.

„Spieglein, Spieglein“ ist keine Dekonstruktion von Märchenmotiven. Freundschaft und Liebe sind stärker als Narzissmus, Verschwendungssucht und Egoismus – daran wird sich nichts ändern. Und doch testet das Script und testet Tarsem die Grenzen eines familiengerechten Schneewittchen-Films aus. Bei manch doppelbödiger und anspielungsreicher Tirade der Königin darf man sich schon wundern, ob jüngere Zuschauer dahinter steigen. So verlangt die Roberts um Fassung ringend nach Kleidung für den Prinzen, der durch eine unglückliche Fügung nur spärlich bekleidet vor ihr steht und die rollige Königin mit Muskeln und Brusthaar um den Verstand bringt. Eine Schönheitskur, die sich die Königin in Vorbereitung eines Festes verpasst, ist derart garstig und grotesk, dass es eine Freude ist. Über eine Stunde lang ist „Spieglein, Spieglein“ eine absolut positive Überraschung, glänzt mit sympathischer Besetzung, viel Humor, einigen harmlosen, aber kurzweilen Actionscharmützeln, und sieht zudem noch verboten gut aus. So beginnt der Film schon mit einer Augenweide. Ein in seiner Erzählperspektive und Logik fragwürdiger, aber atemberaubend anzusehender Prolog schildert in digitalem Puppentrick die Vorgeschichte, wie Schneewittchens Vater auf eine Frau traf, die es nur auf seinen Thron abgesehen hat. Und zurück in der Realität gibt die im Januar 2012 verstorbene Kostümdesignerin Eiko Ishioka eine bemerkenswerte Abschlussvorstellung. 

In einem Meer aus satten, ungewöhnlichen Farben und multikulturellen Formen, geben insbesondere die Kostüme dem Film einen ganz eigenen Charakter. Sei es Schneewittchens gelber Umhang, ihre verschiedenen Outfits bei einer Kostümprobe mit den Zwergen, die geschickt gestalteten Zwerge selbst, Armie Hammers Uniformen, oder natürlich Julia Roberts in pompös überkandidelten Fummeln, die in Bewegung deutlich besser aussehen, als auf Bildern. Und so gibt es auch einfach mal einen Kostümball, damit sich Tarsem und Ishioka über alle Maßen austoben und Lily Collins einen Schwan auf den Kopf setzen können. Und es ist Tarsems visuellem Geschick zu verdanken, dass dieser ungewöhnliche Einfall funktioniert. Nicht weniger bemerkenswert die Ausstattung von Tom Foden. Ein Märchenwald mit Zuckergussschnee, die großartig entworfene Höhle der Zwerge, die Stadt, oder der Palast mit den übergroßen Türen und den Zwiebeltürmen. Ein absolutes Highlight wahrscheinlich die Erstsichtung des Hauses, in dem sich der Spiegel befindet. Solche Szenen gibt es nur in einem Tarsem-Film. 

Leider geht dem Film zum Ende hin mächtig die Puste aus und auch der begeisternde Bildzauber vermag das nun nicht mehr zu kaschieren. Die Witze werden zunehmend kindlicher, alberner, enden mindestens einmal zu häufig darin, dass sich ein Mensch in ein Tier verwandelt, und lassen den Pfiff der ersten Filmhälfte vermissen. Es wird banaler, einfallsloser und immer mehr vorhersehbar, wenn endlich auch der Prinz nach seinem Hunde-Intermezzo weiß, auf welcher Seite er zu stehen hat. Ja sogar zu unpassenden Spektakelszenen mit Kreaturen aus dem Computer lässt man sich hinreißen, die vermehrt Action forcieren sollen, aber nicht wirklich ins Bild passen. Ein paar unnötige und unlogische Handlungskonstruktionen erzwingen eine Zuspitzung und Dramatisierung, die in der Form nur nervt, so dass das Finale irreparablen Schaden an der Gesamtwirkung des Films hinterlässt. Da kann man den Zwergen eine noch so sympathische Epilog-Widmung servieren, wenn man sich währenddessen in einer musikalisch uninteressanten Broadway-Nummer befindet, die natürlich schmissig inszeniert ist, nach der aber niemand gefragt hat. Bedauerlich, dass ein eigentlich sympathischer Film nicht den Atem hat, dies auch zufriedenstellend zu beenden. So bleibt schließlich doch größtenteils wieder nur die visuelle Komponente im Gedächtnis.

Fazit:
Regisseur Tarsem fackelt mal wieder ein visuelles Feuerwerk ab, das klassischen Märchenkitsch in einem gänzlich unerwarteten Licht erscheinen lässt. Auch inhaltlich gibt es was zu entdecken, mit ein paar netten Einfällen, sympathischen Figuren, viel Witz und einer fantastisch aufgelegten Julia Roberts. Umso bedauerlicher, dass der Film mit zunehmender Laufzeit zu einem belanglosen Märchenbrei im modernen Gewand wird.

6 / 10

> Deine Meinung zum Film?

Copyright © 2004-2050 bereitsgesehen.de, alle Rechte vorbehalten
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websites verantwortlich