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Kritik:
Mission Impossible: 

Phantom Protokoll


von Christian Westhus

MISSION IMPOSSIBLE: GHOST PROTOCOL (2011)
Regie: Brad Bird
Cast: Tom Cruise, Jeremy Renner, Paula Patton, Simon Pegg

Story:
Agent Ethan Hunt trifft in Russland auf alte und neue Bekannte vom IMF. Ein Auftrag führt sie in den Kreml, wo sich plötzlich ein Anschlag ereignet. Russland sucht die Schuld bei amerikanischen Spionageaktionen und IMF wird durch das US „Phantom Protokoll“ stillgelegt. Hunt und sein Team sind auf sich gestellt und kommen dahinter, dass ein Mann den nuklearen Weltkrieg auszulösen plant. Ihre unmögliche Mission führt das IMF Team quer über den Globus.

Kritik:
Den vierten Teil einer Filmreihe zu drehen ist in den seltensten Fällen mit viel Prestige und Ehre verbunden. Selbst bei einer Reihe wie „Mission Impossible“, die weder mit unerfüllbaren Erwartungen, noch mit übermäßig viel Schelte und Kritik beladen ist. Drei stilistisch unterschiedliche Filme gab es bisher um Agent Ethan Hunt und die IMF Behörde. Brian de Palmas spannender High Tech Agententhriller von 1996 wurde in den Händen von Actionspezi John Woo zu einem aufgeblasenen Adrenalinritt. Ohne Logik, übertrieben bis ins Mark, aber auch mit teils unvergesslichen Actionszenen inszeniert. Woo drückte seinem Beitrag überdeutlich seinen Stil auf und machte Ethan Hunt zum alleinigen und unantastbaren Herrscher im M:I-Kosmos, ehe JJ Abrams’ dritter Teil die Reihe wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Der dritte Teil war ein rundum kurzweiliger Agentenactionfilm, der aber in den seltensten Fällen so klar die Handschrift seines Regisseurs trug, wie es bei den Vorgängern der Fall war. Dem Film fehlte es an Eigenheiten, an Kontur, weil Abrams – der nun weiterhin als Produzent dabei ist – wohl ganz bewusst eine Umstrukturierung plante. Weg von der Uniformität der Einzelteile, hin zu einer Konformität der Handlung, in der Geschehnisse des einen Teils nun auch mal Relevanz für die Fortsetzungen haben. 

So gesehen reiht sich das Realfilmdebüt von Brad Bird (seines Zeichens Macher von Pixars Superhelden-James-Bond-Retro-Agenten-Melange „Die Unglaublichen“) in Abrams’ Konzept ein, denn von einer Regie-Handschrift kann man kaum sprechen. Bird liefert mordsunterhaltsame Agentenunterhaltung und fußt einige wahnsinnig spaßige Einzelszenen auf ein Script, das sich zunehmend deutlich anfühlt, als befinde man sich im ersten Teil einer ganz neuen Reihe. Dabei steht man natürlich in einer Tradition und im Schatten einer Vorgeschichte, die nicht nur die ersten drei M:I Teile betrifft, sondern auch die TV-Serie. So ist es auch in Zukunft so unvermeidbar wie notwendig, Lalo Schifrins bekannte Titelmelodie in irgendeiner Form unterzubringen. Die gibt es hier unmittelbar nach einem mehr als anständigen Prolog, in dem sich Ethan Hunt aus einem russischen Knast prügelt. Mit dabei Simon Pegg als Computerfachmann und Paula Patton als Co-Agentin. Das hat gleich zu Beginn Schmiss, weil es die Haupthandlung geschickt andeutet und mit Hunts Aufenthalt im Knast einen Bogen zum Vergangenen schlägt, zu dem, was zwischen Teil 3 und 4 passiert war. Dann noch geschickt auf eine Lunte verwiesen und schon ist das Intro perfekt. Blöd nur, dass die Titelsequenz Bildmaterial der folgenden Handlung vorwegnimmt und so schon ungeschickt früh auf manch entscheidende Entwicklung verweist. Da stellt sich der Film beinahe selbst ein Bein, weil er sich stilistisch völlig unnötig selbst enttarnt.

TWie gut, dass die erste Stunde aber beinahe komplett aus einem Guss kommt und astreine Agenten-Action mit ungewohnt hohem Humorlevel bietet. Insbesondere durch Simon Pegg, aber allgemein durch die Gruppendynamik entsteht ein Humorpotential, das nie zu albern, nie zu parodistisch wirkt, aber die kombinierte Witzigkeit der drei Vorgänger leicht übertrifft. Dass gleichzeitig schon früh mit Andeutungen gespielt wird, was Ethan ins Gefängnis gebracht hat und was mit Michelle Monaghans Rolle (seine Frau aus Teil 3) passiert ist, holt uns auch immer wieder zurück und lässt die Figuren lebhafter wirken, als man das in dieser Reihe gewohnt war. „Phantom Protokoll“ ist trotz Tom Cruise im Zentrum von Action und Emotionen ein Team-Film. Und das ist eine mehr als erfreuliche Entwicklung. Es ist eklatant wichtig, dass Paula Patton mehr sein darf, als eine hübsche Frau. Es war absolut notwendig, dass sie sich auch mal rabiat zur Wehr setzt, dass sie ihre Actionszenen bekommt und dennoch Emotionen zeigen darf. Genau so passend war es, Jeremy Renner einen flotten Spruch über die Vorteile von Geschlechterrollen sagen zu lassen. Genau so passend, dass Simon Pegg zwar wandelndes Comic Relief, aber dennoch vollwertiges Mitglied des Teams ist. Und ganz zentral von Bedeutung für das neue Teamgefüge ist es, Cruise den Star, Ethan Hunt den Anführer zu hinterfragen. Wenn es um Verantwortung und die Aufgabenverteilung geht, wer den ganz brenzlichen Job zu erledigen hat, zeigt sich, dass das Script cleverer als sonst einen Gedanken mehr daran verschwendet. Nicht nur dass die Hauptfigur in einer der coolsten Szenen des Kinojahres den Helden markiert, sondern auch warum und warum seine Kollegen nicht. 

Und wahrlich, die komplette Sequenz vorm, im und am Burj Khalifa ist ein absolutes Action- und Spannungshighlight. Die Szene muss nicht in Dubai spielen. Das Globus-Hopping ist so unsinnig und beliebig wie bei James Bond. Aber wenn man schon mal da ist, kann man die wortwörtlich größenwahnsinnige Dekadenz dort auch nutzen. Der Film und Cruises Wahnsinnsstunts profitieren ungemein davon, dass man direkt vor Ort und in windigen Höhen gedreht hat. Nicht nur die Kletteraktion, auch ein hoch spannender Wahrenaustausch und eine wilde Verfolgungsjagd bieten genau das, was man sich von dieser Reihe wünscht. Da ist es ganz egal, dass Hunt ja schon im zweiten Teil eine markante Kletterszene hatte. Es ist sogar fast egal, dass nun Jeremy Renner, der in einer lange Zeit undurchschaubaren Rolle zum Team stößt, an die Klassiker-Szene aus dem ersten Teil erinnert. Nach Dubai fällt der Film allerdings ein wenig ab. Es geht ihm nie komplett die Puste aus, aber je näher man dem Finale kommt, je enger man die Handlungsfäden führen muss, ehe man sie schlussendlich zusammenbringt, desto mehr ruckelt es. Auch kann keine Szene mehr mit dem Hin und Her am höchsten Gebäude der Welt mithalten, was nach heutigen Anforderungen an massenkompatibles Actionentertainment ungünstig ist. 

Auch strapaziert der Film mit zunehmender Laufzeit seine Logik ein bisschen mehr, als eigentlich nötig war. Die Gadgets, die technischen Spielereien, die Cruise und sein Team hier mal wieder auffahren, sind schon haarsträubend futuristisch. Aber das sind sie in der Reihe schon immer gewesen. Und wenn dann so eine göttliche Szenen bei herausspringt, wie wenn Cruise und Pegg einen Korridor durchqueren, kann man nur zufrieden sein. Es ist eben Sci-Fi Technik. Die Logik von Handlung und körperlichen Fähigkeiten ist dagegen deutlich härter an der Grenze und vielleicht manches Mal auch schon den berühmten Schritt zu weit. Auch kann das eifrig hin und her jagende Script nicht verhehlen, dass das Finale trotz originellem Schauplatz nur kalter Kaffee ist. „Verblendung“ Star Michael Nygvist ist als Darsteller eigentlich charismatisch genug, einen interessanten Schurken abzugeben, doch als nach Atombombenaktivierungscodes suchender Anführer der Gegenseite tritt er zu selten in Erscheinung und bekommt wenn dann nicht das Material, das beispielsweise Philip Seymour Hoffman im Vorgänger hatte. So ist die Bedrohung, obwohl als Plan eigentlich interessant, nur heiße Luft und zudem arg verkompliziert. Irgendwie musste man die Schnitzeljagd nach Zetteln und Zahlen wohl ausdehnen. 

Stattdessen verlässt sich Brad Bird ganz auf sein wunderbar funktionierendes Team und streut immer mal wieder Humor oder großartige Einzelszenen ein, die entweder schon in Schriftform Gold waren oder tatsächlich von Bird selbst mit Kniff umgesetzt wurden. Dazu zeigt sich Komponist Michael Giacchino versiert, Schifrin musikalisch mit Arabien, Indien, Russland und peppigem Actionfilmallerlei zu verbinden. Auffällig ist bei dieser eigentlich überwiegend runden und absolut unterhaltsamen Sache nur, wie wenig eines der M:I Markenzeichen zum Einsatz kommt: Die Masken. Die sind nämlich annähernd gar nicht von Bedeutung und damit zwar ein willkommener Rückschritt vom bisweilen grotesken Charadespiel des zweiten Teils, werden aber dennoch irgendwie auch vermisst.

Fazit:
Top-Top Agentenaction mit Thrill und viel Humor. Geschickt fokussiert und ausgeweitet auf ein Team, findet Cruise zu alter Stärke zurück und kann in dieser Verfassung und mit diesem Team gerne weitere Missionen in Angriff nehmen. Einige sehr fetzige Actionszenen und ein überwiegend runder Gesamtfilm lassen über eine etwas schwächere zweite Hälfte und einen verschenkten Bösewicht hinwegsehen.

7,5 / 10

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