BG Kritik:

Mistress America


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Mistress America (USA 2015)
Regisseur: Noah Baumbach
Cast: Lola Kirke, Greta Gerwig

Story: Als ihre Mutter beschließt neu zu heiraten, nimmt Neu-Studentin Tracy (Kirke) Kontakt zu ihrer Bald-Stiefschwester Brooke (Gerwig) auf, die zwölf Jahre älter ist und ebenfalls in New York lebt. Obwohl sehr unterschiedlich verstehen sich die Schwestern in Spe auf Anhieb gut, doch das Verhältnis ist unausgewogen. Brooke ist leicht chaotisch, erscheint selbstverliebt und dominant, träumt davon ein Restaurant aufzumachen, was Tracy zu neuen Kurzgeschichten inspiriert, mit denen sie ihre literarischen Ambitionen ausleben will.

Nach „Frances Ha“ und „Gefühlt Mitte Zwanzig“ – noch mehr junge Erwachsene, die ihren Platz im Leben suchen.

Lola Kirkes Figur geht auf die Barnard Universität, die Co-Autorin Greta Gerwig tatsächlich besuchte.


Spätestens jetzt ist Noah Baumbach ein ‚Auteur‘ im klassischen Sinne. Diese thematische Konstanz, die sich um die Funktion von Familien, aber inzwischen meist konkret um Personen an Scheidewegen ihres Lebens dreht, hat sich seit „Frances Ha“ und eigentlich schon seit „Der Tintenfisch und der Wal“ (2005) so zentral in Baumbachs überwiegend klein und unabhängig produziertes Werk eingebrannt, dass man seine Welt sofort erkennt. In diese Welt gehört inzwischen auch – beruflich und privat – Greta Gerwig, die „Frances Ha“ und „Mistress America“ mitgeschrieben hat und in beiden Filmen eine zentrale Rolle spielt. Es ist Gerwigs Einfluss, der „Mistress America“ vom Filmgeschwisterchen „Gefühlt Mitte Zwanzig“ (While we’re young) abgrenzt und (noch) besser macht. Denn gehen wir nach den Regeln der Mathematik vor, dann sind die beiden von Greta Gerwig mitgeschriebenen Filme Noah Baumbachs besten. So gesehen ist Gerwig der wahre ‚Auteur‘ im Kosmos Noah Baumbachs, was zweifellos unfair für beide ist.

Stehen bei Baumbach sonst überwiegend Männer, Väter und Söhne in der Generation Ü40 und U20 im Blickpunkt des Interesses, erweitern „Frances Ha“ und „Mistress America“ diese Beobachtungen auf Frauen zwischen 18 und 30. Exakt so alt sind nämlich nun Tracy und Brooke, die Bald-Stiefschwestern, die auf Anraten von Tracys Mutter den Kontakt suchen und etwas Nützliches finden. Tracy findet in Brooke eine faszinierende Figur, eine Selbstdarstellerin und Tagträumerin, die ihre so genannten emotionalen „Narben“ so aggressiv zu verdecken versucht, dass sie glaubt, gar keine zu haben. Für Tracy, die sich den Start am College ein wenig anders vorgestellt hat, die Schwierigkeiten hat dazu zu gehören, die ihre eigenen Ambitionen von der literarischen Karriere noch nicht auf ein geordnetes Ziel ausgerichtet hat, ist Brooke eine Inspiration zu einer literarischen Figur einer New Yorkerin Anfang 30. Eine Adaption der Inspiration, wie Tracy glaubt, die überwiegend still und leise ermutigend dabei ist, wenn Brooke versucht ihren aktuellen Traum eines heimelig-hippen Restaurants zu verwirklichen.

Im selben Jahr gedreht wie „Gefühlt Mitte Zwanzig“.


Es ist eine große Kunst Figuren zu entwerfen, die ganz bewusst anecken, die vielleicht ganz gezielt unsympathisch sind, deren Schicksal uns aber dennoch fesselt, denen wir womöglich sogar eine positive Rettung wünschen. Was Baumbach und insbesondere Gerwig mit der Figur Brooke machen, ist so ein Balance-Akt der genau weiß, dass sich nicht wenige Zuschauer vor den Kopf gestoßen fühlen werden. Doch genau das ist das Spannende an dieser Figur und an der Interaktion mit Tracy, die sicherlich nicht als gegenpoliges Unschuldslamm inszeniert wird. Diese Beziehung geht noch einen Schritt weiter; es ist nicht einfach eine krankhafte Symbiose, die auf gegenseitige Ausnutzung fußt, es entsteht auch eine echte Innigkeit zwischen den Frauen, die keine „echten“ Schwestern sind, aber doch etwas schwesterlich Vertrautes im Gegenüber erkennen. Auch da ist weniger Baumbachs als vielmehr Gerwigs Einfluss zu spüren, die als Darstellerin und Ko-Autorin mit den ultra-günstigen „Slice of Life“ Filmen Joe Swanbergs (u.a. „Nights and Weekends“) bekannt wurde. Gerwig scheint eine kleine, aber entscheidende Extraportion Herz in Baumbachs Filme zu bringen, die sonst für gewöhnlich immer ein bisschen bitter und melancholisch bleiben. Nicht zuletzt auch durch die Darstellerin Greta Gerwig und die höchst faszinierende Neuentdeckung Lola Kirke ist diese Frauenfreundschaft, nicht unähnlich der aus „Frances Ha“, eine mitreißende und zu Herzen gehende Angelegenheit.

Das Erstaunliche bei all dem ist jedoch, wie viel witziger „Mistress America“ als sämtliche Baumbach-Vorgänger ist. Auch hier hängt der Erfolg davon ab, wie stark man sich von den Figuren auf die Füße getreten fühlt, doch für eine lange Zeit liegt auch darin ein gewisser Reiz. Gerwigs Darbietung als dauerplappernde, einnehmende und stets überhebliche Brooke umweht ein Hauch Katharine Hepburn, nur im Gewand des 21. Jahrhunderts. Und auch wenn Gerwig und Baumbach den Film mit den Werken John Hughes‘ („Breakfast Club“, „Sixteen Candles“) verglichen, scheint die dialogstark-bühnenhafte (Screwball-)Comedy der 1940er ein mindestens ebenso großer Einfluss. Eine Kernsequenz der zweiten Hälfte, wenn wir fast eine halbe Stunde in der Wohnung eines Bekannten von Brooke verbringen, ist ein meisterhaftes, spannendes, emotional wunderbar verspieltes und oft herrlich komisches Einzelstück, welches das „davor“ und das „danach“ exzellent vereint. Wie tiefgreifend die Weisheiten zur Authentizität und Funktion der Kunst oder zum Sinn bzw. zur Möglichkeit der Selbstverwirklichung wirklich sind, ist streitbar. Unstrittig ist der Kern dieses Films; diese beiden Frauenfiguren und ihre wunderbar komplizierte Verbindung.

Fazit:

So unterhaltsam wie clever; ein wunderbar beobachteter Selbst- und Familienfindungsfilm mit zwei großartigen Hauptdarstellerinnen.

9 / 10

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