hauptseite  |  vorschauen  |  kritiken |  impressum |  forum



 

 

Kritik:
Die Kunst zu gewinnen - Moneyball


von Christian Westhus

MONEYBALL (2012)
Regie: Bennett Miller
Cast: Brad Pitt, Jonah Hill, Philip Seymour Hoffman

Story:
Die wahre Geschichte von Billy Beane (Pitt), einem ehemaligen Baseball Profi, der als Manager bei den Oakland Athletics vor einer großen Herausforderung steht. Mit dem kleinsten Finanzhaushalt der Liga steht er der Übermacht der großen Teams gegenüber, die auch noch mehrere der besten Spieler der Athletics abgeworben haben. Durch Zufall gerät Beane an den jungen Peter Brand (Hill), der ein ganz neues, revolutionäres System zur Erstellung des Kaders vorschlägt.

Kritik:
Rein personell schon kam „Moneyball“ mit gewaltigen Ambitionen daher. Brad Pitt, einer der größten Filmstars unserer Zeit, übernahm nicht nur die Hauptrolle, sondern neben Oscar-Macher Scott Rudin auch einen Produzenten Platz. „Capote“ Regisseur Bennett Miller dirigierte und das Drehbuch schrieben „Schindlers Liste“ Autor Stephen Zaillian und Aaron Sorkin, der zuletzt den Grundstein für David Finchers meisterhaften „The Social Network“ gelegt hatte. Und wie der Überraschungshit „The Blind Side“, mit Sandra Bullock, basiert auch „Moneyball“ auf einem Tatsachenbuch von Michael Lewis. Das schrie nach Qualität, Massenandrang und nach ernsten Oscar-Absichten. Seit einigen Jahren lässt sich auf der Welle wahrer Begebenheiten besonders gut reiten. Und lässt sich die vermeintliche Authentizität dann auch noch mit dem allzeit beliebten Sportfilm-Faible verbinden, der zumindest in den USA enorm ausgeprägt ist, steht ein sicherer Erfolg in Aussicht. 

Tatsächlich aber ist „Moneyball“ weitaus weniger berechnend, als man zuvor hätte annehmen können, obwohl es auch ganz explizit um Berechnungen geht. Das im Film gezeigte und tatsächlich in den frühen 2000ern angewandte Moneyball-System ist ein radikaler Bruch mit den Personal- und Wirtschaftsmechanismen, die in der Major League Baseball bis dato vorherrschten. Statt große Einzelspieler, vermeintliche Stars, für viele Millionen Dollar an sich zu binden und zu bezahlen, geht es beim Moneyball um Statistik. Unterschätzte Spieler mit einem tendenziell guten Durchschnitt, die aber aus diversen Gründen für ein Taschengeld zu haben sind, sollen Runs, also Punkte und damit Siege ermöglichen. Der von Jonah Hill verkörperte Peter Brand spricht allegorisch von der Insel der unnützen oder beschädigten Spielzeuge, die keiner haben will, aber eigentlich noch ihre Leistung bringen könnten. So werden Spieler jenseits der 30, Spieler mit Verletzungen oder solche, die gerne mal abseits des Platzes über die Stränge schlagen, für wenig Geld an die Oakland A’s gebunden. Ein Team von „Aussätzigen“, die eine zweite Chance bekommen. Wer in „Moneyball“ nun aber einen optimistischen Gute-Laune-Film über die späte Genugtuung von Underdogs gegen die mächtigen Reichen erwartet, irrt. „Moneyball“ ist kein typischer Sportfilm. Im Prinzip ist es nicht mal ein Film explizit über Baseball.

Viel zu wenig scheint man sich für diese aussortierten „Spielzeuge“ zu interessieren, gibt eigentlich nur einem einen richtigen Charakter, während der Rest auch in Oakland eine tauschbare Ware darstellt. Manche Dinge ändern sich nie, denn wie Ware wurden die Spieler seit jeher gehandelt, nun nur aus anderen Gründen und aus einer frischen Perspektive, ohne auf eine einzelne gute Saison oder Publikumszuspruch zu setzen. Mehr als um den Sport geht es um Wirtschaft, um Finanzen und die Anlage von Sicherheiten. So muss sich Billy Beane als Manager gegen einen veralteten Stab von Scouts und Co-Managern durchsetzen, die ihre ganz eigenen Sichtweisen haben, warum Spieler X ins Team passt und Spieler Y nicht. Aus irgendeinem Grund springt Beane sofort auf die Präsenz von Peter Brand an und lässt sich mit einem Fingerschnippen auf die gewagte neue Personalstrategie ein. Jahre lang hat Beane das Geschäft wie gewohnt durchgezogen, hatte kleine Erfolge, kam seinem großen Ziel, Champion zu werden, aber auch nie wirklich nah. Er bettelte um Geld, um nur ein paar Scheinchen mehr, um irgendein viel versprechendes Talent oder einen Star von immerhin zweiter Klasse ins Team zu holen. Doch plötzlich taucht dieser Grünschnabel auf, der eigentlich nur Wirtschaft studiert und von Baseball keine Ahnung hat, und stellt die Baseball-Welt auf den Kopf. Beane wagt es und legt sich im Zuge der Systemumstellung mit der halben Führungs- und Management-Etage des Teams an, stößt außerdem mehrfach Trainer Art Howe (Hoffman) vor den Kopf, weil dieser nicht das Team auf den Platz schickt, das Beane und Brand sich zusammengebastelt hatten. 

Parallel entfaltet sich in Rückblenden Beanes eigenes Schicksal, wie er als junger Spieler mit viel Talent und Perspektive eine Entscheidung für das Geld und gegen Sicherheiten traf. Nie wieder, lautet seitdem Beanes Mantra. Ein entscheidender Faktor, insbesondere gegen Ende, wenn die Konventionen des Underdog-Sportfilms ihre euphorischen Früchte treiben und die nacherzählte Realität das vermeintliche Film-Märchen einholt. Spätestens mit dem „Epilog“ in Form von Texttafeln. Brad Pitt passt die Hauptrolle wie angegossen. Beim Briefing darf er herrlich sarkastisch Kollegen und Gegner zusammenfalten, darf nach Spielen frustriert mit Gegenständen werfen oder unnachahmlich jubeln. Beane ist mehr als ein von Erfolgswünschen getriebener Mensch. In ihm ist jederzeit auch die Angst spürbar, der Druck, der aus seiner Vergangenheit rührt und sich auch in seinem aktuellen Leben zeigt. Ganz wunderbar und wichtig daher die Szenen mit der Tochter (von der Mutter ist Beane geschieden), die es am Ende fast alleine schafft, dem so radikal unpersönlich und nach Fakten arbeitenden Daddy etwas beizubringen. Gegenpart Jonah Hill überrascht in einer für ihn ungewohnt stillen und reduzierten Rolle, die man vom Wuschelkopf aus „Superbad“ so wohl nicht erwartet hätte. Hill schlägt sich gut, doch seine Rolle ist, wie die meisten Nebenfiguren, relativ einseitig angelegt. Peter Brand wirft mit Zahlen und Abkürzungen um sich, rechnet und tüftelt, und das war es dann auch schon.

Die eigentliche Schwäche des Films liegt aber nicht bei den Darstellern. Auch nicht beim Script, das in der zweiten Hälfte eine nicht immer ausgewogene oder stimmige Berg- und Talfahrt Dramaturgie aufweist. Vielmehr weiß Regisseur Bennett Miller nicht, wie er aus dem oberflächlich zahmen, aber tatsächlich äußerst bissigem Material echte Kanten schlagen kann. Es fehlt an emotionaler und thematischer Größe und Intensität, die auch durch toll eingefangene Stadionszenen oder starke Dialoge nicht so sehr aufkommen will, wie es das Material – gerade in diesen Zeiten wirtschaftlicher Turbulenzen – eigentlich verdient hätte. Es scheint fast, als wolle Miller sich nicht entscheiden, ob „Moneyball“ eine bissige Wirtschaftssatire oder doch lieber ein Underdog-Sportfilm sein soll.

Fazit:
Nicht der typische Sportfilm. Was nach einem typischen David gegen Goliath Sport-Märchen klingt, setzt sich wesentlich geschickter und ernster mit der Materie auseinander, behandelt die Wirtschaft des Sports und die Stellung des Individuums. Dabei holt der Film nicht das Maximum aus dem Material, doch ein guter Brad Pitt und ein größtenteils gutes Script heben den Film klar über Durchschnitt.

7 / 10

> Deine Meinung zum Film?

Copyright © 2004-2050 bereitsgesehen.de, alle Rechte vorbehalten
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websites verantwortlich