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Kritik:
Moonrise Kingdom


von Christian Westhus

MOONRISE KINGDOM
(2012)
Regie: Wes Anderson
Cast: Jennifer Lawrence, Josh Hutcherson, Lenny Kravitz, Stanley Tucci, Elizabeth Banks

Story:
Es ist das Jahr 1965. Pfadfinder Sam hat keine Lust mehr auf seine Gruppe und bricht aus, als er das Mädchen Suzy trifft. Gemeinsam flüchten die beiden 12-Jährigen über die Insel, auf der sie leben, während Pfadfinderkollegen, Polizisten, Eltern und das Jugendamt ihnen auf der Spur sind und ein Jahrhundertsturm aufzieht.

Kritik:
Unter den amerikanischen Filmemachern ist Wes Anderson ein Unikat. Nach kaum einem halben Dutzend Filmen ist sein Stil so unverkennbar, dass er bereits polarisiert. Aussehen und Inhalt der Filme seien immer gleich, sagen einige Kritiker. Selbst der Wechsel zum Animationsfilm im gelungenen „Fantastic Mr. Fox“ hielt Anderson nicht davon ab, seine idiosynkratrischen Mitglieder einer dysfunktionalen Familie wieder in gelblich-braune Vintage-Kleidung zu stecken. Auch „Moonrise Kingdom“, der erste wirklich historisch verordnete Film Andersons, bietet genau das. Das eiserne Festhalten am bevorzugten Stil kann wahlweise Bewunderung, aber auch Ablehnung hervorrufen. Im Gegensatz zum etwas selbstverliebten Werbespot für ein Kofferset, welches zuletzt „The Darjeeling Limited“ darstellte, ist „Moonrise Kingdom“ jedoch tatsächlich ein Film, der fesselt und in dem es in der Handlung zur Abwechslung mal wirklich vorwärts geht. Er wird aus Anderson-Skeptikern nicht plötzlich glühende Bewunderer machen, doch er reiht sich ganz klar in die obere Klasse im Oeuvre ein. Den markanten Stempel seines Machers trägt der Film deutlich und stolz, wie das Tapferkeitsabzeichen der Pfadfinder. 

Unvermeidlich, wenn auch nicht besonders geglückt, daher zum Beispiel eine Randfigur. Eine Art Erzähler läuft in einem typischen Anderson-Outfit herum, vollführt mehrfach den Illusionsbruch, klärt uns über das Wetter oder die Geschichte der Insel auf, taucht aber auch in der Handlung auf, was die logische Geschlossenheit des Films ein wenig auf die Probe stellt. Wirklich gebraucht hätte man den urig bemützten Kerl nicht, insbesondere weil der Film eh schon übervoll mit kauzigen Nebenfiguren ist, die auch mal nur für zwei Minuten ihr häufig prominentes Gesicht in die Kamera halten. Anderson schafft es, die vielen Stars zu bändigen, die Darstellernamen nie größer werden zu lassen, als die Figuren. So überzeugen insbesondere die Anderson-Neulinge Bruce Willis, als einsamer Polizist, und Edward Norton, als motivierter, aber glückloser Pfadfindercamp-Leiter. Es gelingt, weil diese Welt der Mitt-60er, mit ihren Khaki-Uniformen, Kniestrümpfen und batteriebetriebenen Plattenspielern, nie als reale Welt gedacht war. Es ist eine stilisierte Anderson-Realität, die nie Fantasy ist, die aber bewusst mit ihrer Künstlichkeit spielt. Es gelingt aber auch, weil der Film ganz wunderbar auf seine beiden Hauptfiguren zugeschnitten ist.

Die beiden jungen Neulinge, Jared Gilman und Kara Hayward, überzeugen auf ganzer Linie. Beide brechen sie, in ihrer kindlichen Unschuld desillusioniert, von einem Abenteuerdrang beseelt, aus ihrer familiären Umgebung aus und halten sich ganz an ihre kindlich-jugendliche Liebe. Diese Geschichte von „Liebe auf der Flucht“, verfolgt von halb zerbrochenen Familien und Scheinfamilien, von erwachsenen Autoritäten und Symbolfiguren, bietet mit einem ständigen Augenzwinkern alles, was ein romantisches Road-Movie der Marke Wes Anderson bieten muss. „Moonrise Kingdom“ ist, wie die meisten Filme des Regisseurs, keine wirkliche Komödie. Dennoch kann der Film zuweilen ausgesprochen witzig sein. Und der Film könnte ein richtiges Meisterwerk sein, wären Andersons Filme emotional nicht ähnlich verschlossen, wie viele seine Figuren. Wie so oft, sind diese nie zu großen Gefühlsausbrüchen in der Lage, müssen ihre Emotionen immerzu hinter Spleens und der Anderson-typischen Reduziertheit verstecken. So sind es die kleinen Momente die wirken. Während ein erster Kuss in dieser überwiegend unschuldigen, aber leicht sexualisierten Adoleszenz-Geschichte durch Andersons Faible für Verschrobenheit noch maximal als humoristische Note funktioniert, sind ein Handkuss und ein abschließender Luftkuss umso wirkungsvoller. 

Die beiden 12-Jährigen sprechen natürlich auch eher wie Erwachsene, wenn sie ihre Lebensweisheiten mitteilen, einander erklären, wie ähnlich sie sich als unverstandene Träumer mit Abenteuerdrang sind. So läuft das eben in dieser Welt. Bei ein paar Methoden zur Deeskalation macht es sich Anderson dennoch etwas zu einfach, wenn Personen plötzlich doch ihre Gesinnung ändern oder sich recht schnell für etwas entscheiden. Aber das alles stört wenig bis gar nicht in diesem unterhaltsamen und überraschend warmherzigen Augenschmaus, der schon bei den kameratechnisch aufregend inszenierten Eröffnungstiteln zeigt, wie der Hase läuft. Zudem sind die wunderbar detaillierte Ausstattung und das so ästhetische wie sprechende Kostümbild schon jetzt ein Highlight des Jahres. Andersons Musikgeschmack ist so speziell wie sein Kleidergeschmack und hier hat er sich beinahe selbst übertroffen. Wunderbar effektiv, wenn uns fast das Gesamtwerk Benjamin Brittens um die Ohren schmeichelt, ehe ein Francoise Hardy Ohrwurm aufgelegt wird. Dazwischen immer wieder Neues vom viel beschäftigten Alexandre Desplat, dessen gelungene Musik uns im Abspann auch noch anschaulich näher gebracht wird. Ein audiovisueller Genuss, der endlich auch wieder inhaltlich überzeugt.

Fazit:
Ein Wes Anderson Film durch und durch. Man könnte sagen, es ist die Kulmination seines bisherigen Schaffens. Visuell hinreißend, mal komisch, mal dramatisch, ein wenig zu verschlossen, aber auch der herzlichste Anderson seit langer Zeit.

8,5 / 10

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