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Kritik:
Moonrise Kingdom


von Christian Mester

MOONRISE KINGDOM (2012)
Regie: Wes Anderson
Cast: Jared Gillman, Kara Hayward, Bill Murray, Bruce Willis

Story:
Im Jahre 1965 nimmt der junge Waise Sam (Jared Gillmann) Reißaus aus Scout Master Wards (Edward Norton) kleinem Pfadfinderlager auf einer kleinen Insel, um mit der einem wohlhabenden Haus entstammenden Suzy (Kara Hayward) das Weite zu suchen. Schnell sind ihnen der örtliche Sheriff (Bruce Willis), Suzys Eltern (Bill Murray, Frances McDormand) und eine Frau vom Jugendamt (Tilda Swinton) auf der Spur...

Kritik:
Es gibt nur wenige Filmemacher, die eine unverkennbar eigene Handschrift aufweisen und ihren Stil durch nahezu all ihre Werke beibehalten. Einer von ihnen ist Wes Anderson, der sich in seinen bisherigen sechs Filmen (Bottle Rocket, Rushmore, Royal Tenenbaums, Die Tiefseetaucher, Darjeeling Limited, Fantastic Mr Fox) trotz unterschiedlicher Geschichten und Darstellern eine Sammlung charakteristischer Merkmale geschaffen hat. Merkmale, die gesammelt ein Karomuster ergeben, das sich durch all seine Filme zieht: visuell, musikalisch, darstellerisch, in Wort und Gestiken. Sein neuester, Moonrise Kingdom, schließt sich dem nahtlos an und dürfte wie bereits zu erwarten war, jedem zusagen, der das Vergnügen Anderson schon hatte und sich wohlfühlte. Wes Anderson liebt Steppdecken-Optik, verwaschene Farben, große Brillen, Kostüme, die für ihre Figuren zu alt wirken, liebt schnöde Spießerwelten und würzt sie mit abstrusen Kuriositäten. Er liebt altmodisches mit jungen Darstellern, er liebt Unsicherheiten, Verrücktes, Naivität, er liebt die Frage, ab wann man als erwachsen gilt und auch Erwachsene aus Sicht von Kindern zu zeigen. Andersons Filme nehmen herzlich in den Arm, lassen schmunzeln aber weniger gern lachen, nachdenken, aber ungern in Melancholie versinken. Sie sind einfach erzählt, aber komplex.

All das findet sich auch in seinem neuesten Streich, der eine kleine Kindergeschichte erzählt, wie es wohl nur ein Wes Anderson kann. Mit kindlicher Rebellion büchsen zwei Kinder aus, die in mutiger Romantik an Abenteuer und ewige Liebe denken, ohne so recht zu wissen, wie das genau aussehen soll oder wie das überhaupt funktioniert. Oder wie weit sie auf ihrer winzigen, umfjordeten Insel damit kommen mögen. Herzstück des Films ist die Beziehung der pubertierenden Bonnie & Clyde, die von den Kleinen wundervoll gespielt ist und sich harmlos und süß entwickelt. Offen finden sie sich als zwei Seelenfreunde, die trotz blutiger Ausrutscher und möglicher Bettnässe zueinander halten und sich in kindlichster Planlosigkeit langsam näher kommen, sich mehr aus Neugierde als aus Lust einander befühlen, ohne dass es je in die moralisch fragwürdigen Untiefen einer Blauen Lagune abdriftet. Anderson fängt die Weltsicht der Zwölfjährigen außergewöhnlich authentisch ein und lässt das mehrfache Fliehen vor den Erwachsenen (und damit: dem Erwachsen werden) zu einem fabelhaften, wenig dramatischen Drama werden, das immer lebhaft ist, immer Zeit für lustiges hat, ohne dies je in den Vordergrund zu rücken.

Heiter sind die erwachsenen Darsteller, die sich höchst kniepsig in Andersons Welt einfinden: Bruce Willis als leiser, zurückhaltender Sheriff, Edward Norton als planloser Pfadfinder-Anführer, Bill Murray als sorgenreicher Vater des Mädchens, Frances McDormand als dessen fremdgehende Frau, Jason Schwartzmann als Retter in der Not, Harvey Keitel als Oberpfadfinder und Tilda Swinton als "Jugendamt". Sie alle sind amüsant und sehen lustig aus, doch sie sind es leider auch, die die Schwäche des Films darstellen. Die ältere Riege nimmt schlichtweg zuviel von der Handlung ein und da sie weit weniger faszinierend sind als die gesuchten Flüchtlinge, um die es eigentlich geht, verliert der Film mit all ihren Szenen jeweils an Kraft. Zusätzlich daran, dass sie relativ einsilbige Figuren sind, die nur minimalste Änderungen durchmachen. Bill Murray beispielsweise sieht schräg aus, steht aber größtenteils nur herum. Korrekter wäre es womöglich, ihn nicht unter Cast, sondern unter Kulissen aufzulisten. Weitere Figuren tragen nicht viel zur Handlung bei und wecken den Eindruck, nur eines Gefallens wegen oder aus reiner Spiellaune raus öfter als nötig zu sehen zu sein. Streckenweise droht Moonrise Kindom dabei sogar, zäh zu wirken, wobei sich Anderson früh genug besinnt und sich dann wieder den Kindern widmet.

Dennoch überragt das Gesamtwerk die vorfindbaren Storyschwächen. Die Kulissen sind fantastisch, die Kameraarbeit eine der schönsten des Jahres, Anderson findet immer wieder großartige Bilder - viele Stills ergäben traumhafte Postkartenmotive. Wundervoll: Alexandre Desplats Score, der sich großartig ins Geschehen einfindet. Die Geschichte selbst schlägt einige unabsehbare Haken und mag damit immer wieder zu überraschen. Ihre Auflösung ist nicht mit der Stärke der ersten zwei Drittel zu vergleichen, stellt aber zufrieden und lässt das Erlebte nett abschließen.

Fazit:
Das Königreich des Mondaufgangs ist nicht so stark wie Andersons letzter Film Fantastic Mr Fox, allerdings ein erneut wundervoller Filmbeitrag, der schon durch seine Optik zu begeistern weiß. Eine liebevolle Geschichte übers Erwachsen werden, mit schön seltsamen Figuren und verstreut guten Absurditäten.

8,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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