hauptseite  |  vorschauen  |  kritiken |  impressum |  forum



 

 

Kritik:
Mord im Orient-Express


von Christian Mester

MURDER ON THE ORIENT EXPRESS
(2017)
Regie: Kenneth Branagh
Cast: Kenneth Branagh, Michelle Pfeiffer, Johnny Depp, Penelope Cruz, Josh Gad

Story:
Als es auf einer Zugreise im legendären Orient-Express von Istanbul nach London zu einem Unfall samt Zwischenstoppkonsequenz kommt, und einer der überschaubar wenigen Passagiere auch noch plötzlich tot aufgefunden wird, muss der exzentrische und selbsternannte weltbeste Detektiv Hercule Poirot seine verdiente Freizeit opfern und den aufgekommenen Fall lösen, bevor der Zug die nächste Station erreicht.

Kritik:
Die gemütlichen Detektivgeschichten rund um Hercule Poirot, Miss Marple und Sherlock Holmes gehören zu den beliebtesten der Film- und TV-Geschichte, doch abgesehen von TV Holmes Benedict Cumberbatch und Action-Holmes Robert Downey jr. (auch schon wieder viele Jahre her) passierte in Sachen Poirot zuletzt nicht allzu viel. Bis jetzt, denn Kenneth Branagh ist frisch vom dunkirkschen Strand zurück, hat sich einen epischen Bart wachsen lassen (der den Respekt von Kurt Russell aus Bone Tomahawk und Ron Swanson verdient hätte), sich hierfür gleichzeitig vor und hinter die Kamera gestellt und mit einer Wahnsinnsbesetzung eine teure Neuverfilmung gewagt.

Einige Stationen weit sind da durchaus gute Kohlen im Kessel. Zuerst sei betont, dass im Film glücklicherweise keine Imagine Dragons zu hören sind und sich auch sonst nicht angeschickt wird, die Handlung des jahrtausende alten Romans als etwas Modernes zu verkaufen. Nein, Branagh mag 'altmodisch' und so fällt diese neue Umsetzung des Agatha Christie Krimiklassikers schön spießig aus. Brav ermittelt Poirot mit seiner Spürnase und durch klassische Verhöre, ohne dass CSI Nano-Macro-Zeitlupenkameras irgendwelche finchergecammten Indizienuntersuchungen visualisieren. Poirot wird zwar in kleineren Momenten als seltsamer Vogel dargestellt, ist aber in erster Linie ein Mann Marke gefestigter Studienrat, dessen geruhsames Werk entweder gemütlich aufatmen lässt oder gähnende Langeweile verursacht. Man sollte sich von Branaghs offensichtlich überdimensionierter Schnotbremse zudem besser kaum amüsante Exzentrik erwarten - das ist kein Mortdecai und auch kein Steve Martin Closeau. Auf Ustinovs Spuren lässt er Platz für die Eigenheiten der Figur, bleibt aber eher unschlüssig, in welche Richtung er sie ausschlagen lassen soll. Dem Film an sich geht's ein wenig ähnlich, denn er läuft gleichermaßen in Multiplex-Kinos wie auch in Arthouse-Buden an, doch weil er stilistisch irgendwo dazwischen fährt, da weder sonderlich anspruchsvoll, noch sonderlich kommerziellorientiert geraten, zwirbelt er seinen Bart und weiß nicht so recht, wohin er damit will.

Es ist übrigens sicherlich auch kein neuer From Hell, denn Branagh erzählt den Mordfall keineswegs als packenden Reißer, sondern lieber gezielt als heiter beschwingten Kaffeefahrtklatsch ohne ernstere Momente. Dennoch macht es größtenteils Spaß, in dem edlen Filmset des Zuges mitzurätseln, wer denn den ominösen Ermordeten ermordet hat, was das Motiv sein könnte und inwiefern andere Verdächtige doch nichts damit zu tun haben könnten. Spaß macht das in erster Linie wegen Branagh selbst, der mit seiner arroganten und verschrobenen Art interessant genug wirkt und den Film spielend leicht auf seinen Veteranenschultern trägt. Unterhaltsam sind fraglos auch die bunt gewählten Nebendarsteller - auf die hier zur Spoilerfreiheit besser nahezu nicht namentlich eingegangen werden sollte. Sagen wir nur so viel, dass Johnny Depp dieses eine Mal relativ unauffällig in Erscheinung tritt (weder gelangweilt schlecht wie in Transcendence, noch als burtonesker Kostümclown), Daisy Ridley noch tunlichst an sich arbeiten muss und eine/r der Verdächtigen positiv hervorsticht.

Was die Trailer des Films relativ gut verschweigen konnten, ist die Tatsache, dass die Zugfahrt richtig schick ausschaut. Angefangen im träumerisch eingefangenen Istanbul sehen alle (zumeist computergenerierten) Außenszenen postkartensehenswert aus, und auch im Inneren des Zuges gibt es immer mal wieder clevere und gut gemachte Kameraaufnahmen. Bei dem Castaufgebot hätte man erwarten müssen, dass von den 55 Millionen Dollar Budget nicht mehr derart viel für schicke Bilder übrig geblieben wäre.

Was die Vorschau des Films allerdings falsch anteaserte, war ein brauchbares Ende. Der Täter bzw. die Täterin sei an dieser Stelle nicht verraten, aber in der großen Enthüllungsszene bleibt der Orient-Express plötzlich wahrhaftig im eigenen Schnee stecken. Die Auflösung ist zwar überraschend, aber schlicht unterwältigend gedreht. Poirots flashbackunterstützte Erklärung, wie der Mord denn nun wirklich ablief und wie er dem Täter auf die Schliche kommen konnte, fällt platt auf; es fehlt der gewaltige Mic-Drop-Moment, in dem er seinen Poirot als mit Abstand klügsten von allen im Zug und darüber hinaus, von allen im Kinosaal präsentieren kann. Das Ende des achten (!) Saw mag deutlich absehbarer gewesen sein als das hier, ist aber um Meilen besser inszeniert, da der Tada! Effekt größer ist, der gefühlte Trommelwirbel mehr pusht und der oder die Täterin trotz fehlender Sympathiepunkte interessanter gewählt scheint.

Es mag ein Mini-Spoiler sein, aber Branagh nimmt sich im Film heraus, einen potenziellen nächsten Film anzuteasern, der Kennern ein Grinsen ins Gesicht zaubern dürfte. Hätte der erste Branagh-Poirot zügiger ausfallen können? Möglich, aber dennoch dürfte man den Film mit der Meinung verlassen, dass man diesen Poirot gern nochmal in einem anderen Fall sehen würde.

Fazit:
Der überfällige Hercule Poirot Reboot vom Regisseur von Thor
könnte wohl durchaus spaßiger oder besser noch, spannender sein, und darüber hinaus ein Wow für sein versuchtes Wow-Ende bieten, ist aber hübsch inszeniert, passend besetzt und nach angenehm klassischer Gangart. Könnte mehr zwiebeln, zwirbelt aber ganz okay.

5,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabe

> Deine Meinung zum Film?

Copyright © 2004-2050 bereitsgesehen.de, alle Rechte vorbehalten
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websites verantwortlich