BG Kritik:

mother!


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

mother! (USA 2017)
Regisseur: Darren Aronofsky
Cast: Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Ed Harris, Michelle Pfeiffer

Story: Eine junge Frau (Lawrence) lebt mit ihrem Schriftsteller-Ehemann (Bardem) in einem abgelegenen Haus, welches sie selbst aufwändig restaurierte und renovierte. Ein Neuschöpfungsprozess, der noch im Gange ist, während der Mann seiner Inspiration nachjagt. Die Ruhe der Zweisamkeit verschwindet, als unangekündigt ein Arzt (Harris) erscheint und Obdach für eine Nacht sucht. Es bleibt nicht bei einer Nacht.

„mother!“ oder: Amoklauf einer Metapher.


Manchmal, wenn die Sterne in der richtigen Konstellation stehen, verschreibt sich ein populärer Weltstar einem ungewöhnlichen Kunstprojekt, ermöglicht diesem vielleicht ein höheres Budget, verleiht eine größere Popularität und verwirrt im Zuge dessen all die Zuschauer, die bisher das mochten, was den Weltstar überhaupt zum Weltstar gemacht hatte. Jennifer Lawrence ist durch die „Tribute von Panem“ Reihe und ihren Oscargewinn eine der populärsten, wenn nicht gar die populärste Darstellerin dieser Tage. Ihre Hauptrolle in Darren Aronofskys „mother!“ ist für eine Mimin ihres Status ungewöhnlich; vielleicht vergleichbar mit Kristen Stewarts Post-„Twilight“ Karriere, besser aber noch vergleichbar mit Nicole Kidman (u.a.) in einem Film wie „Dogville“.

Regisseur Darren Aronofsky scheint sich derweil nicht großartig dafür zu interessieren, welchen Teil des Publikums er verstört, welchen er entzückt und welchen er verärgert. „mother!“ ist ein brachialer Faustschlag; ohne Rücksicht auf Verluste im Niemandsland zwischen korrelierender Genres angesiedelt. Beworben als psychologisches Horrordrama mit betont offensichtlichen Parallelen zu Roman Polanskis „Rosemaries Baby“, ist der Film gleichzeitig auch brutaler Terrorfilm, symbolistische Parabel und nichts von alledem.


Aronofsky beginnt seinen neuen Film mit zunächst kontextlosen Bildern, wie aus einem fremden Film. Geduldig baut er die Situation im prächtigen Landhaus auf, durch die Kameramann Matthew Libatique ständig in Bewegung und mit einer nicht enden wollenden Reihe aus eindringlichen Gesichts Close-Ups führt. Lawrences namenlose Frau renoviert, Bardems namenlosem Schriftsteller mangelt es an Inspiration, doch eigentlich herrscht Innigkeit. Bevor der Gossip-affine Zuschauer eine Verbindung zwischen der Geschichte einer Frau, die mit einem kreativen Autor/Schöpfergeist liiert ist, und der realen Jennifer Lawrence sehen kann, die im Laufe der Dreharbeiten eine Beziehung mit Regisseur und Drehbuchautor Aronofsky begann, steht schon Ed Harris vor der Tür und läutet den Reigen symbolbehafteter Bilder und Szenen ein. Die Frau ist gesundheitlich angeschlagen, der Arzt hustet sich die Seele aus dem Leib, ein Objekt aus Bardems Büro hat eine besondere Wichtigkeit und die Frau scheint das Seelenheil des Hauses, wenn man so will, nachfühlen zu können.

„Nanu“, denkt sich der Zuschauer ungläubig, der voreilig Titel, Objekte und Figuren allegorisch assoziiert, „der Film wird doch wohl nicht DAS vor haben?“. Und plötzlich wird deutlich, dass Aronofsky sehr wohl das im Sinn hatte, was man Minuten zuvor noch als Unwahrscheinlichkeit abtun wollte. Aronofsky ist kein subtiler Regisseur. Egal ob in seinem Paranoia-Debüt „Pi“, in seinem „Drogen sind schlecht“ Durchbruchsfilm „Requiem for a Dream“ oder in der thematischen Doppelung aus „The Wrestler“ und „Black Swan“; der New Yorker hantiert mit (Pressluft-)Hammer und Meißel, statt mit dem Skalpell. Er platziert ein unmissverständliches Bild inmitten einer allegorischen Nacherzählung und lässt in der finalen halben Stunde die Zügel los, um ein völlig enthemmtes Chaos zu entfachen. Die Plumpheit seiner Idee steht dem Ertrag manches Mal im Wege, doch Aronofskys Bilder verfehlen kaum ihre Wirkung. Er will uns wachrütteln, aufrütteln, motivieren und beeinflussen, notfalls auch mit einer schallenden Ohrfeige. Es kann nicht vollkommen unnütz sein, das Anliegen eines Autors genau zu erkennen, ganz egal wie sehr man den erhobenen Zeigefinger kommen sieht.

Die nachfolgenden Absätze konkretisieren das zentrale Thema des Films und sollten womöglich erst nach Filmsichtung gelesen werden.


„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“
Sein Bibel-Epos „Noah“ inszeniert Darren Aronofsky ganz gezielt und oftmals betont als Mahnung gegen den Raubbau an der Natur, als ökologische Warnung und Aufruf zur Mäßigung im Umgang mit Mutter Natur. Mutter Natur hat es hier ganz wortwörtlich in den Film geschafft, wodurch Aronofsky sowohl an seine Naturschutzthematik als auch an die Bibel-Grundlage aus „Noah“ anknüpft. Bis plötzlich zwei streitende Brüder im Haus stehen ist alles noch angenehm vage. Lawrences körperliche Verbundenheit zum Haus fasziniert, die schöpferische Blockade des Autors liefert ein spannendes Gegenstück und Ed Harris ist ein kurioser Reibungspunkt, der die Beziehung von Ihr und Ihm durcheinander bringt. Aronofsky provoziert uns geschickt, indem er Lawrence zur wenig gedankten quasi-mütterlichen Hausfrau degradiert und dann Michelle Pfeiffer äußerst dreiste Fragen stellen lässt. Mit dem Aufruhr um die verbotene Frucht, pardon, den verbotenen Kristall in Bardems Büro wird ein erstes Mal ganz konkret nachgestellt, ehe kurz darauf ein Brüderstreit eskaliert und wir sogar ein markantes „Mal“ im Fußboden als Mahnung an eine Gewalttat finden. Eine geradezu albern integrierte Sintflut später – die hatte Aronofsky ja schon – brechen alle Dämme und „mother!“ macht einen irren Sturzflug durchs Neue Testament, inklusive vielsagender Kurzkommentare der wahnsinnigen Gläubigen. Alles muss geteilt werden, „Ich bin Ich“, und warum wird das Mobiliar in Einzelteile zerlegt? Damit „man“ weiß, dass „wir“ da waren. Und was macht der angeblich gottesfürchtige Mensch mit Mutter Natur? Er tritt ihr brutal ins Gesicht.

Aronofskys allegorische Rekonstruktion der Bibelgeschichte entwickelt durch ihre ungehemmte Brutalität eine nicht zu leugnende Wirkung. Seine „dies steht für das“ Entsprechungen sind jedoch zu sauber, zu chronologisch exakt, seine Gewalt selbstgefällig plump. Manch Bildszene des Schlussdrittels mangelt als an Überraschung und dadurch an moralischer Interaktion, die Aronofsky hier zweifellos im Sinn hatte. Da könnte er in Sachen zielgerichteter Verfremdung noch was von konzeptionell ähnlichen Filmemachern wie Peter Greenaway oder Lars von Trier lernen. (Oder von einem etwas gemäßigten Alejandro Jodorowsky.)
Bei all der Symbolik stellt sich der Film mit seiner Inszenierung auch häufig ein Bein. Das betrifft insbesondere Jennifer Lawrence, die die symbolischste Figur des Films als weitgehend normale Frau interpretiert und lange Zeit mit ungläubig staunenden Augen und halboffenem Mund zuschaut, wie Figuren und Schauplatz um sie herum immer tiefer im Sumpf metaphorischer Bildwelten versinken. Sie ist zu real, zu sehr auf einer Verständnisebene mit dem Zuschauer, obwohl sie die am weitesten abstrahierte Figur im gesamten Film sein sollte. Allem Anschein nach will Aronofsky den geneigten Zuschauer dann doch nicht ganz verlieren. Doch dadurch, dass er uns auf Augenhöhe mit seiner Hauptfigur lässt, lässt er uns auch nie vollständig in die intensive metaphorische Bildwelt seines Films eintauchen.

Fazit:

Ambitioniert, ungewöhnlich und kompromisslos. Ohne Jennifer Lawrence hätte „mother!“ im aktuellen Filmgeschäft wohl kaum 1/5 des Budgets (man spricht von rund 30 Mio. Dollar) erhalten und wäre höchstwahrscheinlich limitiert durch die Programmkinos geschlichen, um dann als Nischenprodukt im VOD-Raum zu verschwinden. Darren Aronofskys Film überspannt hin und wieder den Bogen, ist als wüstes und brutales Experiment aber einen Blick wert.

6,5 / 10

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