BG Kritik:

Mr. Turner


von Christian Westhus

Mr. Turner (UK 2014)
Regisseur: Mike Leigh
Cast: Timothy Spall, Paul Jesson, Dorothy Atkinson, Marion Bailey, uvm.

Story:
Die späten Jahre des J. M. W. Turner. Als einer der bedeutendsten britischen Maler des 19. Jahrhunderts widmet sich der eigenwillige Künstler insbesondere seinen Lieblingsmotiven, Schiffen und der See.

Mike Leigh ist neben Ken Loach der wohl bekannteste und angesehenste unter den britischen „Kitchen Sink“ Regisseuren. In Filmen wie „Nackt“, „Happy-Go-Lucky“ oder „Another Year“ beschäftigt sich Leigh mit der komplizierten Welt des vermeintlich simplen englischen Mittelstandes. Doch seit Jahren träumte der Filmemacher davon, einen Film über das Leben von Maler J. M. W. Turner zu drehen. Ein biographisches Historiendrama zu finanzieren, noch dazu zu einer nicht gerade weltweit bekannten Person wie Turner, bedarf Zeit, Geduld und Glück. Nun ist es vollbracht.

Schon mehrere Jahre im Voraus wies Regisseur Leigh Hauptdarsteller Timothy Spall an, sich professionell in Malereitechnik unterrichten zu lassen.


In der Popkultur wurde J. M. W. Turner kürzlich zumindest ein klein wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Im James Bond Film „Skyfall“ saßen Bond und Q im Museum vor einem Bild des Malers, das ein ausgedientes Schlachtschiff zeigt, wie es von einem kleinen Schlepper in den Ruhestand gezogen wird. Es ist das vielleicht bekannteste Bild Turners und auch Leighs Film widmet der Inspiration für das Gemälde ein vielsagende Szene. Es ist ein Gemälde mit einer sofort ersichtlichen Aussagekraft, noch dazu weiß um den Hintergrund, um die Verbindung des Schiffs zu Admiral Nelson. Wie auch Bond über dieses Bild seine eigene Stellung – und die seines Heimatlandes – hinterfragte, seine Zeitgemäßigkeit in Frage stellte, wird dadurch ein ganz besonderes Licht auf den Künstler hinter dem Gemälde geworfen.

J. M. W. Turner ist ein eigenwilliger, ein komplizierter, ein faszinierender Mann. Einer, der pausenlos auf griechische Mythen und Gottheiten verweist, der in schönen Frauen Aphrodite sieht, der von Hypnos und Morpheus spricht, wenn er Schlaf und Träume meint, von Bacchus, wenn er auf Wein verweist. Turner ist ein Mann, der nach einer Reise von der Hausdame Hannah versorgt wird, der er einmal an Brust und zwischen die Beine fasst, wie ein eingespieltes Ritual, ehe es wieder an die Arbeit geht. Ein Mann, der lieber brummt und knurrt, statt zu sagen was er wirklich denkt oder gar fühlt. Ein Mann, der sich seine eigenen Emotionen verweigert, der sich nicht zugesteht, anderen diese sentimentale Schwäche zu offenbaren. Das geht so weit, dass er seine entfremdet lebende Frau mit Töchtern leugnet und sich nicht die Trauer und das Mitleid zugesteht, als dort durch Krankheit ein Unglück geschieht.

Ein paar Szenen spielen in Holland, wurden jedoch im britischen Suffolk gedreht.


Turners Gefühle und Emotionen finden nach dem Tod des Vaters lange keinen Abnehmer. Selbst ins Bordell geht der Griesgram nur, um Frauen zu zeichnen. Erst spät gibt es wieder eine Frau in Turners Leben, diese jedoch überwiegend im Geheimen. Turner lebt für seine Kunst und darin finden sich seine Emotionen. Er kann von der Kunst gut leben, ist angesehen und verehrt, was ihm spürbar wichtig ist. Doch Ruhm und insbesondere Geld sind nicht wichtiger als die Kunst selbst. Bald aber schon, wie das Kriegsschiff Temeraire, gehört Turner zur alten Garde. Vorlieben der Malerei ändern sich, wie auch der technologische Fortschritt im von der Industrialisierung durchzogenen 19. Jahrhundert Einfluss auf Turners Schaffen hat. Während seine Kollegen von der Akademie Emotionen, Ausdruck und Symbole in figürlichen, menschlichen Darstellungen suchen, hält Turner an Wind, Wetter und der See fest. Was fasziniert diesen Mann so sehr an der See, warum sieht er in Schiffen und Gewässern den Kernpunkt seines Daseins? Es sind Fragen, für die der Film Anregungen liefert, die aber nie einfach so beantwortet werden.

Turners Stürme und Meere werden zunehmend abstrakter. Mit eigenwilligen Pinselstrichen arrangiert er Licht und Farben, gibt damit Inspiration für den bald folgenden Impressionismus. Regisseur Mike Leigh und Kameramann Dick Pope werden selbst zu Meistern des Lichts, die Landschaften und wunderbar ausgestattete Innenräume mal vorsichtig, mal prall mit Sonnenlicht bestreichen. „Mr. Turner“ ist ein Film, dem man seine Länge (150 Minuten) anmerkt, der einen Moment braucht, ehe Leighs Ziel ersichtlich ist. Zunächst fehlt dem Film ein Plot, ein grundlegender Punkt, eine Motivation, wo wir mit diesem Mister Turner hin wollen. Weder soll ein wichtiges Gemälde fertiggestellt werden, noch gibt es Finanznot oder einen Konflikt in Liebesdingen. Leigh ist nicht an Turners Biographie interessiert, nicht an Mechanismen eines klassischen Biopics, sondern er ist an der Figur des J. M. W. Turner interessiert. Oder an der Version, die er und Darsteller Timothy Spall kreierten. Spall ist folgerichtig das unumstößliche Zentrum des Films und liefert eine gewaltige Interpretation eines faszinierend widersprüchlichen Mannes ab.

Fazit:

Langwieriger, aber lohnender auf einen komplizierten Mann und Künstler. Kein klassischer biographischer Film, sondern eine sehr persönliche Charakterstudio. Großartig gespielt und ausdrucksstark in Bildern eingefangen.

8 / 10

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