Kritik:
My Soul To Take
von
Christian Mester
MY SOUL TO TAKE
(2011)
Regie: Wes Craven
Cast: Max Thierot, andere
Story:
So kurz wie möglich: In der Kleinstadt Riverton merkt ein Mann
eines Tages, dass er eine gespaltene Persönlichkeit hat und unwissender Weise ein gefürchteter Serienkiller ist.
Er wird erwischt
und schaltet ungewollt auf seine zweite Persönlichkeit um, in
der er
droht, die am Tag seiner Festnahme geborenen Kinder irgendwann einmal heimzusuchen.
Auf dem Weg
zum Gefängnis kann er dann wie Michael Myers in "Halloween
4:
Die
Rückkehr des Michael Myers" aus einem Krankenwagen
entkommen
und ward nimmer
gesehen.
Die Jugendlichen der Stadt machen sich daraufhin jährlich
einen Spaß daraus, den so genannten Riverton Ripper mit einem
inszenierten Ritual spirituell zu vertreiben. Alles ändert
sich, als sie eines Abends bei ihrem Spuk-Prozedere unverhofft von der
Polizei gestört werden.
Kurz darauf verschwinden die ersten von ihnen und es kommt die
Annahme auf, der Ripper sei zurück, um den Fluch
dieses Mal endlich zu erfüllen. Manche vermuten sogar, dass
jemand völlig Unschuldiges von der Seele des Rippers
übernommen wurde und nun unfreiwillig zum Mörder
wird. Ein aufgeweckter Schüler namens Bug (Max Thierot)
forscht nach und findet heraus, ob der Ripper tatsächlich
zurück ist, neu geboren wurde oder alles nur ein gut
organisierter Spaß seiner Mitschüler ist.
Kritik:
„Now I lay me down to sleep/I pray the Lord my soul to
keep/if I die before I wake/I pray the Lord my soul to take”
ist ein berühmtes Gedicht aus dem achtzehnten Jahrhundert, das
in den Vereinigten Staaten allseits bekannt ist. Hierzulande kennt man
die Zeilen wohl am ehesten aus dem beliebten Metallica Song
“Enter Sandman”, in dem die gebetsartigen Verse
Teile des Liedtextes sind. Dieselben Zeilen bieten nun die Grundlage
für das Comeback des Horroraltmeisters Wes Craven ("A
Nightmare on Elm Street: Mörderische Träume",
"A
Nightmare on Elm Street 7: New Nightmare", "Shocker",
"Scream", "Scream 2", "Scream 3", "Scream 4"), deren
letzten beiden Filme "Cursed - Verflucht" und "Red Eye" bereits sechs
Jahre zurück liegen.
Ursprünglich wollte der mittlerweile 71jährige
Kultregisseur den heiß erwarteten "Scream 4" für
sein Rückmeldung in sein Lieblingsgenre nutzen, doch als sich
die Vorbereitungen dafür unvorhergesehener Weise in die
Länge zogen, nutzte er seine Zeit, eine seiner alten,
ungenutzten Ideen umzusetzen (er schrieb "My Soul To Take" sogar
selbst).
Es
sollte ein traditioneller Slasher werden, in dem Jugendliche von einem
neuen, schaurigen (Kult-)Serienkiller dezimiert werden. Einem Neuling,
der Ikonen wie Michael Myers und Freddy Krueger folgen sollte. Cravens
Rückkehr ins Rampenlicht verlief jedoch schleppend: der Film
war schon 2008 abgedreht, lief aber erst im Oktober 2010 in den USA an
– und wurde von Kritikern und Publikum
gleichermaßen aufs Übelste zerrissen. Mit reichlich
Verspätung folgt der deutsche Kinostart, doch lohnt sich das
Ticket überhaupt?
"My Soul To Take" ist ein
klassischer Slasher im Stil von "Ich weiß, was du letzten
Sommer getan hast", "Schrei, wenn du kannst" und "Düstere
Legenden", der die gewohnten Konventionen und Klischees seines Genres
größtenteils erfüllt. Ein seltsam
aussehender Killer schleicht mit spezieller Waffe – in diesem
Fall ist es ein geschwungenes Messer – durch die
Straßen und umliegenden Wälder eines
Städtchens, um fleißig zumeist gut aussehende
Teenager abzumurksen. Während diese also immer weniger werden,
darf man eifrig mit rätseln, wer am Ende wohl übrig
bleibt und was das Geheimnis des Killers ist.
Das Neuartige an Cravens Neuling ist das Element gespaltener
Persönlichkeit, das es ermöglicht, dass schlichtweg
jeder der Figuren insgeheim der Mörder sein kann, ohne es
selbst zu wissen. Diese eine einfallsreiche Auffälligkeit ist
dann aber leider schon der einzig lobenswerte Aspekt des Films, denn
die Suche nach dem Riverton-Killer ist ein enttäuschender
Genre-Vertreter. Craven
hat zuvor wahrlich Großes vollbracht, doch gebildete
Geeks wissen, das sein Name längst keine Garantie ist.
Für all seine Prachthappen hat er uns auch "Vampire in
Brooklyn",
die öde Werwolfödie "Cursed – Verflucht"
und den sicherlich nicht vergessenen
"Das Haus der Vergessen" in Rechnung gestellt. Fragt sich nun, ob "My
Soul To Take" (der eigentlich 25/8 heißen sollte)
dampfendes Gericht vom Qualitätsbuffet oder Rechnung
ist. Da "Scream 4" bevor
steht, sein letzter Film der exzellente "Red Eye" war und "My Soul To
Take" erst zahlreiche Monate nach Fertigstellung
veröffentlicht wurde, sah es schon im Vorfeld nicht gut aus.
"My Soul To Take" versagt bereits bei der grundsätzlichen
Wahl, ob er denn nun ein spannender Slasher mit dem Kalkül
eines "Halloween
- Die Nacht des Grauens"
oder ein unterhaltsamer
Fun-Slasher nach Art eines "My Bloody Valentine" sein will. Die wenigen
witzig gemeinten Momente, wie eine Szene, in der Bugs Freund sich als
Kondor (leider nicht als "Condorman") verkleidet und sich lang und
breit im Klassenraum übergibt oder Bug sich im
Mädchenklo versteckt, sind allenfalls komisch und
alles andere als lustig. Nackte Haut gibt es keine und Spannung ist
sparsam dosiert, denn die meisten Angriffe des geheimnisvollen Killers
sind uninspiriert, schwach und blutarm inszeniert. Die
Abschlüsse der Angriffe, im Genre zumeist besonders
spektakuläre, schwarzhumorige Morde, sind besonders
einfallslos, insbesondere wenn man daran denkt, was Craven in seinen
anderen Werken zu bieten hatte. Eine überraschende gedachte
Wende gegen Ende hin bleibt trotz vieler versuchter Ablenkungen relativ
vorhersehbar.
Ein weiteres Problem sind sämtliche Figuren, denn in der
gesamten Handlung gibt es nicht eine charismatische Rolle, was in
erster Linie an einer ungeheuer schlechten
Darstellerwahl liegt (einer der Schauspieler heißt Denzel
Withaker, ist aber qualitativ keine Symbiose aus Denzel Washington und
Forest Withaker). Der Killer – die wichtigste Figur eines
solchen Films – hat wohl keine Chance, in weiteren Fortsetzungen
zur Ikone werden, da er in seiner Idee, in seinem Design und seiner
Umsetzung fehlschlägt. Er sieht wie eine Mischung aus einem
verlotterten, vollbärtigen Rasta-Rob Zombie und dessen
obdachlosen Michael Myers aus "Halloween
2" aus, hat keine
nennenswerten
interessanten Eigenheiten, eine viel zu verworrene
Hintergrundgeschichte und wird völlig wirkungslos
präsentiert. Er hat weder Stil, noch Bedrohlichkeit oder etwas
faszinierend Mysteriöses wie andere Horrorikonen, von daher
ist es unwahrscheinlich, dass es in Zukunft Riverton-Ripper Toys,
Tassen und sonstigen Merchandise geben wird. Da Killer und seine Beute
somit uninteressant sind, ist man als Zuschauer folglich für
keine der beiden Seite
Regietechnisch ist Cravens
Arbeit ebenfalls vertan, denn die schmucklose 0815-Umsetzung
lässt nicht daran denken, dass hier ein Meister seines Fachs
verantwortlich war. Besonders schwach ist die Wahl des Soundtracks,
denn obwohl Scream-Komponist Marco Beltrami mit an Bord ist,
fällt das Klanggerüst, das wichtigste Element
für eine spürbare Atmosphäre, für
eine markante Identität, siehe "Halloween", "Der
Weiße Hai" oder "Freitag, der 13.", ebenso unoriginell und
wirkungslos aus wie die Figuren, Handlung, Regie und der eingesetzte
3-D Effekt. Und nein, Enter Sandman bleibt ungenutzt (lustiger
wäre wohl ein Metallica-Slasher gewesen, in dem der
Battery-Sandman umgeht und bei laut plärrendem Metal mit
seiner Sankt Wut Gitarre headbangend um sich hiebt).
"My Soul To Take" ist einer der letzten billigen Versuche, flach
abzukassieren
Filme, die erst in 2-D gedreht und dann
nachträglich ins 3-D Format übertragen wurden, um von
erhöhten Ticketpreisen profitieren zu können. Wie
bei den meisten Transfers ist auch dieser kaum der Rede wert und als
Erlebnis ein
schlechter Scherz im Vergleich zu anderen, direkt in 3-D gedrehten
Filmen. Da er
von Anfang an nicht dafür konzipiert war, gibt es nur
geringfügig
Aha-Momente und keine gezielten Tiefenwirkungen. Es verwundert nicht,
dass Craven sich bei "Scream 4" wieder dagegen entschied. Da der Film
zudem viele Szenen bei Nacht aufweist, führt die Verdunkelung
der Polarisationsbrille teilweise dazu, dass man die Szenen nur schwer
erkennen kann. "My Soul To Take" läuft in Deutschland fast
ausschließlich in 3-D an, womit dann auch schon fast klar
wäre, in welcher Fassung man sich den Film ansehen sollte: 3-D
Kino? Kino? Kauf-Heimvideo? Leih-Heimvideo? Nein, späte gratis
TV-Ausstrahlung, und nur, wenn sonst nichts anderes läuft.
Fazit:
Eine seelenlose
Aktenleiche von Hochglanz-Hollywood-Slasherfilm, die generell nicht zu
empfehlen und selbst neugierigen Fans und Komplettisten des Genres nur
mit Vorbehalt zu raten ist.
2,5 /
10
10
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3-4 - ausreichend
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