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Kritik:
3096 Tage


von Christian Mester

3096
(2013)
Regisseur: Sherry Horman
Cast: Antonia Campbell-Hughes

Story:
Natascha Kampusch ist 10 Jahre alt, als sie am helllichten Tag von dem Psychopathen Wolfgang Priklopil entführt wird. Verbarrikadiert in einem Verließ unterhalb seines Kellers, beginnen fast zehn Jahre unvorstellbarer Ängste und Schrecken für das heranwachsende Mädchen...

Kritik:
Der österreichische Fall Kampusch gehört fraglos zu den bekanntesten Entführungsfällen der letzten Jahre; zum einen aufgrund der fassungslos schrecklichen Gefangenschaft eines kleines Mädchens, das seine ganze Jugend in den Fängen eines verklemmten Irren erleben musste, zum anderen aufgrund des noch immer anhaltenden Medienechos, das den Fall fortwährend im Gespräch behält. Rückblick: 2006 entkam sie ihrem Täter, der sich nach Flucht seines Opfers umgehend selbst das Leben nahm. Die Medien zerpflückten den Fall ein Jahr lang, dann tauchte Natascha Kampusch in überraschender Medienform wieder auf: 2008 moderierte ausgerechnet sie, die ehemals schwer isoliert Gefangene mit nur geringfügiger Sozialkenntnis, eine eigene Talkshow. Nach drei Folgen schon wieder eingestellt, folgte 2010 ihre Autobiographie, in dem sie ihre Zeit im Verlies detailliert schilderte. Das Buch wurde zum Bestseller und der dt. Star-Producer Bernd Eichinger (vor kurzem verstorben) machte mit ihr ab, die Geschichte respektvoll als Kinofilm umzusetzen. Der ist nun da und sicherlich noch immer nicht der letzte Medienaufguss des Themas, aber was ist es geworden? Reißerische Umsetzung? Ein Fernsehfilm der Woche, der es nur durch das prominente Thema ins Kino brachte? Oder ein Thriller, der sich lose Versatzstücke bedient, um eigens eine spannende Filmgeschichte zu erzählen?

Genau genommen nichts dergleichen, doch was genau der Film für wen auch immer bezwecken soll, bleibt fraglich. Prinzipiell ist 3096 Tage wertig gefilmt (von Oscar-Preisträger Kameramann Michael Ballhaus), dann wiederum fast gänzlich auf eine Person und auf ein Zimmer beschränkt. Fast alles ist die Kampusch begleitend gezeigt, wodurch der Film ihr Leiden intim nacherleben lässt - was den Fokus des ganzen Films ausmacht. Zwar ist er nicht in der Lage, die ungemein lange Zeit, die auch im Filmtitel steckt nachvollziehbar zu machen, doch relativ überzeugend ist es "gelungen", das lange Leiden und jenes Wirken auf die Psyche des Mädchens erschütternd zu inszenieren.

Alsbald ausgemergelt, ängstigt sich Darstellerin Antonia Campbell-Hughes unentwegt in ihrem klaustrophobischen Kellerloch, immer wieder unter Druck gesetzt von Thure Lindhardt, der den schwer zu lesenden Psychopathen gibt, der sich, nach außen hin spießig und gesellschaftsunfähig, mit Gewalt heimlich kontrollierbare Gesellschaft im Haus halten will. Er traktiert sie, lässt sie hungern und vergeht sich später auch an ihr, was Regisseurin Sherry Hormann schonungslos zeigt, ohne allzu voyeuristisch zu werden - der Film ist trotz der Darstellung des Falles Kampusch gegenüber immer respektvoll, sofern möglich.

Abgesehen von dem dokumentarisch anmutenden Nachstellungs-Hauptaufhänger, "visualisiert zu sehen, wie es denn war", zumal der Film tatkräftig von Kampusch selbst unterstützt wurde und nicht bloß vermutende Interpretation eines Dritten ist, fällt dann jedoch unter die einzigen Aspekte, die Interesse am Film schaffen könnten. Losgelöst vom prominenten Fall, von dem wohl jeder gehört haben mag, ist es explizit kein Thriller. Es gibt keinen Versuch der Spannungsmache und Sherry Hormann versucht auch keineswegs, Kampuschs Geschichte zu gewöhnlichem Filmstoff zu machen. Die einzige kleine Entwicklung ist ihr wachsender Wille, zu entkommen, sowie die Tatsache, dass sie trotz der Gefangenschaft merklich intelligenter als ihr Täter wird; ansonsten bleibt es eintönige Tortur. Insgesamt sollte man den Film eher als nachstellende Dokumentation, statt als Spielfilm sehen. Als solche ist sie auch dann nur bedingt zu empfehlen: als Leid-dokumentation gibt es nur das - Terror, Angst, Ungemütlichkeit, für zwei Stunden. Natürlich, was auch sonst, hat sie doch Schreckliches erlebt und ist der Film Zeugnis genau dieser Ereignisse. Ein extremer Downer, der erschüttert und nur bei passender Verfassung gesehen werden sollte.

Fazit:
Ob Fälle wie die causa Kampusch überhaupt jemals filmisch umgesetzt werden sollten, lässt sich fraglos grübelnd diskutieren. Wenn das Interesse denn da sein sollte, ist Eichingers letzte Produktion eine authentisch wirkende, sensible Nachstellung der Gefangenschaftszeit, die wie zu erwarten war harter Tobak ist. Losgelöst vom Realfall? Ein einsilbiges Leiddrama ohne Spannung.

ohne Wertung

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